Kultur & Gesellschaft > Die Frau >

Bertha v. Suttners letzter Brief an die deutschen Frauen

Liebwerte Schwestern!

Da die Umstände es mir leider verwehrt haben, in Ihre Mitte zu kommen, so will ich doch schriftlich an der ersten Tagung des „Frauenbundes der deutschen Friedensgesellschaft“ teilnehmen, indem ich der großen freudigen Genugtuung Ausdruck gebe, die ich darüber empfinde, dass sich ein solcher Bund gebildet hat. Seien Sie mir begrüßt und beglückwünscht, verehrte Kämpferinnen.

Denn als solche werden Sie sich bewähren müssen: Es wird Ihnen nicht ganz leicht gemacht werden, für die pazifistischen Ideale einzutreten. Auch unter den Frauen selber dürften Ihnen viele Gegnerinnen erwachsen. Es ist durchaus nicht richtig, wie manche behaupten, die in der Friedensbewegung nur eine unmännliche Sentimentalität sehen, dass alle Frauen von Natur aus dem Kriege abhold sind. – Nein, nur die fortschrittlich gesinnten Frauen, nur solche, die sich zu sozialem Denken erzogen haben, sind es, die die Kraft haben, sich von dem Banne tausendjähriger Institutionen zu befreien, und zugleich die Kraft aufbringen, dieselben zu bekämpfen. … weiterlesen

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Die Aussichten auf Lokalisierung des Konfliktes

Wien, 24. Juli
Das lebhafte Gefühl, das heute die Bevölkerung erfüllt, ist das der Befriedigung darüber, dass die Spannung, in der man sich in der letzten Zeit befunden hat, nun endlich ihr Ende nimmt und die Monarchie sich zu einem energischen Schritt entschlossen hat. Überall herrscht die ruhige und ernste Stimmung des entschlossenen Zielbewusstseins. „Wenn Serbien die österreichische Note nicht binnen 48 Stunden beantwortet“, sagt die „Neue Freie Presse“, „dann wird Österreich die notwendigen Folgen ziehen. Das Deutsche Reich steht als Verbündeter mit Herz und Hand vollständig auf unserer Seite. Deutschland wird sich bemühen, alle Mächte davon zu überzeugen, dass jede Einmischung dem allgemeinen Frieden gefährlich sein könnte. Die Lokalisierung des Streites ist nach deutscher Auffassung schon deshalb geboten, weil es sich keineswegs um eine Eroberung oder um einen Machtzuwachs der Monarchie, sondern um eine Maßregel handelt, deren Ursprung von dem Attentat in Sarajewo abgeleitet werden muss, obgleich die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien schon früher nahezu unerträglich waren. … weiterlesen

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Die Zirkularnote

Wien, 24. Juli
Die österreichisch-ungarischen Botschafter in Berlin, Paris, London, Rom, Petersburg und Konstantinopel sind von der österreichisch-ungarischen Regierung beauftragt worden, den Inhalt der österreichischen Note an die serbische Regierung zur Kenntnis der Regierung zu bringen, bei der sie beglaubigt sind, und folgendes hinzufügen: … weiterlesen

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Eine Note Österreichs an die Mächte

Die österreichisch-ungarische Regierung hat sich – endlich! Muss man sagen – in ihrem Konflikt mit der serbischen Regierung zu einer kräftigen, aber durch die Umstände bedingten Sprache aufgerafft. Dass sie durch ihre bisherige Taktik des Zauderns und Zögerns viel verloren hat, darüber besteht wohl nirgends ein Zweifel; soviel, dass die serbische Regierung mit dem großen Nachbar wie mit einer nicht ernst zu nehmenden Figur umzuspringen sich erlauben konnte. Darüber musste man sich auch in Österreich-Ungarn nicht erst seit gestern, auch nicht erst seit dem verabscheuungswürdigen Attentat vom 28. Juni klar sein. Die Note selbst weist darauf hin, dass schon am 31. März 1909 Serbien nach langen und peinlichen Verhandlungen sich zu der formellen Verpflichtung bekannt hatte, künftig mit Österreich-Ungarn auf dem Fuße freundnachbarlicher Beziehungen zu leben, eine Versicherung, die natürlich genauso auf dem geduldigen Papier stehen blieb, wie alles, was von Serbien dem österreichischen Nachbar an freundschaftlichem Entgegenkommen verheißen worden ist. Aber es ist erklärlich, dass die Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Gattin, deren Ursprünge offenkundig in Belgrad gesucht werden mussten, das Gefäß der österreichischen Geduld zum Überlaufen brachte. … weiterlesen

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Frauenstimmrecht

Eine Tatsache beginnt sich bemerkbar zu machen, ruhig, unweigerlich: man verdammt die Suffragetten und fängt an das Frauenstimmrecht zu diskutieren. Sehen wir uns zuerst in Deutschland um. In Nr. 3 und 4 des Organs der deutschen Vereinigung für Frauenstimmrecht „Frau und Staat“ (Verlag B. G. Teubner, Leipzig) veröffentlich Professor R. Rinkel, Köln, einen Artikel „Das Stimmrecht der Frauen“, in dem er von der Tatsache ausgehend, dass die Frauen im ganzen ebenso stimmen werden wie die Männer, und somit an der Stimmverteilung der Parteien durch Erteilung des Frauenstimmrechts nichts Wesentliches geändert würde, den Entwurf eines besonderen Frauenwahlrechts bringt. … weiterlesen

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Das Kaufhaus der Ärmsten

Kaum ist ein bescheidener Eindruck möglich, als ihn das kleine einstöckige, gelblich getünchte Häuschen mitten zwischen den prunkvollen Häuserkolossen des neuen Westens der Reichshauptstadt macht. Mit einer steinernen Vortreppe ruft es die Erinnerung an längst vergangene Zeiten wach, da Schöneberg noch ein Dorf vor den Toren war, und Berliner Bürger, die es billig haben wollten, dort auf Sommerfrische wohnten. Jetzt aber sieht es nur noch melancholisch verlassen aus und der Vorübergehende kann nicht begreifen, warum die Spitzhacke dieser neuen Zeit es denn allein so höhnisch übersehen hat. … weiterlesen

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Außerordentlicher Ministerrat in Petersburg

Petersburg, 24. Juli. (W. T. B.)
Sämtliche Minister sind hier heute Nachmittag 2 Uhr zu einer außerordentlichen Sitzung des Ministerrats einberufen worden, in der über die auswärtige Lage beraten werden soll.

Wien, 24. Juli.
Hier verlautet, dass Kaiser Franz Josef aus Ischl nach Wien zurückkehren und einen Kronrat abhalten wird, an dem der Minister des Äußeren Graf Berchthold, die beiden Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh und Tisza, die beiden Landwehrminister sowie Kriegsminister Ritter Krobatin und Generalstabschef Hötzendorf teilnehmen werden.