Politik > International >

Deutschland in Kriegszustand erklärt

Die Situation war heute im Laufe des Vormittags durch zwei Tatsachen weiter und in sehr schwerwiegender Weise verschärft worden. Es traf die Nachricht ein, daß Rußland nunmehr seine ganze Armee und seine Flotte mobilisieren wolle. Gleichzeitig verstärkte sich der Eindruck, daß die Verhandlungen, durch die man von Berlin aus eine Einigung zwischen Österreich-Ungarn und Rußland zu erzielen versuchte, resultatlos bleiben würden. Rußland fordert, wie wir glauben sagen zu können, daß Österreich-Ungarn am Schlusse des Krieges nicht allein keine territorialen Ansprüche erhebe – Österreich-Ungarn hatte selbst von Anfang an erklärt, daß es keine territoriale Vergrößerung wünsche, – sondern die russische Regierung verlangt auch, daß Österreich-Ungarn sich verpflichte, die Souveränitätsrecht Serbiens nicht anzutasten. Eine über diesen Punkt nach Wien gerichtete Anfrage ist bis zur Stunde unbeantwortet geblieben und von österreichischer diplomatischer Seite wird erklärt, daß jede Verhandlung nach dieser Richtung hin aussichtslos bleiben werde. Österreich-Ungarn würde nach Übernahme einer derartigen Verpflichtung jeder Möglichkeit beraubt sein, aus dem Kriege mit Serbien, den es jetzt führt, überhaupt einen Vorteil zu ziehen und sich den notwenidgen Schutz gegen die großserbische Gefahr zu sichern.

Es lagen ferner heute Morgen hier an amtlicher Stelle Nachrichten vor, die deutlich zeigten, daß die russischen Versicherungen, Russland rüste nur gegen Österreich-Ungarn, nicht gegen Deutschland, mit den wirklichen Vorgängen nicht übereinstimmten. Es ging aus diesen Nachrichten hervor, daß Russland an der deutschen Grenze sehr umfangreiche Kriegsvorkehrungen treffe und daß diese Vorkehrungen schon ziemlich weit gediehen seien. Unter diesen Umständen wurden mittags die leitenden Persönlichkeiten der Armee und der Flotte und des Auswärtigen Amtes zu einer Konferenz im Reichskanzlerpalais zusammenberufen. Diese Konferenz währte bis 1 Uhr und es herrschte in ihr naturgemäß eine überaus ernste Stimmung. Vor dem Reichslanzlerpalais hatte sich, durch die vorfahrenden Automobile und Equipagen aufmerksam gemacht, eine große Menschenmenge eingefunden, die mit Spannung zu den Fenstern hinaufblickte, hinter denen, wie sie nicht mit Unrecht vermutete, entscheidende Beschlüsse gefaßt wurden. Unmittelbar nach Schluß der Konferenz wurde uns die Mitteilung gemacht, daß auf Grund des Artikels 68 der Verfassung der Kriegszustand in Deutschland erklärt worden sei, was indessen noch nicht einer Mobilmachung gleichkommt. Der Kaiser verlegt heute Nachmittag seine Residenz von Potsdam nach Berlin. Wir haben diese Nachrichten darauf in einem Extrablatt in vielen hunderttausend Exemplaren in ganz Berlin verbreiten lassen, wo sie naturgemäß eine ungeheure Bewegung hervorriefen. Etwas später teilte das offiziöse Wolffsche Bureau den Beschluß in folgender Form mit:
„Aus Petersburg ist heute die Nachricht des deutschen Botschafters eingetroffen, daß die allgemeine Mobilmachung der russischen Armee und Flotte befohlen worden ist. Darauf hat Seine Majestät Kaiser Wilhelm den Zustand der drohenden Kriegsgefahr befohlen. Seine Majestät wird heute nach Berlin übersiedeln.“

Eine weitere amtliche Note, die durch das offiziöse Bureau ausgegeben wurde, gibt die Meldung in folgender Fassung:
„Seine Majestät der Kaiser haben auf Grund des Artikels 68 der Reichsverfassung das Reichsgebiet ohne Bayern in Kriegszustand erklärt. Für Bayern ergeht die gleiche Anordnung.“

Wir wollen noch eine Mitteilung, die wir von hoher diplomatischer österreichischer Seite erhalten haben, hinzufügen: Die Mitteilung, daß die Mobilmachung der gesamten östereichisch-ungarischen Armee unmittelbar bevorsteht.

Was der in Deutschland angeordnete Kriegszustand rechtlich und praktisch bedeutet, sagen wir weiter unten. Er ist, um es zu wiederholen, noch nicht die Mobilisierung, aber er geht der Mobilisierung nur voran. Rußland und seine Verbündeten können sich keinem Zweifel mehr darüber hingeben, das Deutschland fest entschlossen ist, vor den Drohungen Rußlands nicht zurückzuweichen, und daß es, bei all seiner heißen und tiefwurzelnden Friedensliebe, aus der LAge auch die letzten Konsequenzen ziehen wird. Wir alle empfinden diesen Krieg, der drohend vor uns steht, als ein ungeheuerliches Unglück, das über hunderttausende friedlicher Menschen hereinbricht. Aber jeder in Deutschland ist in dieser schweren Stunde bereit, seine Pflicht zu tun.

Politik > Berlin >

Große, ernste Erregung in Berlin

Die elektrische Spannung, die seit zehn Tagen über der Reichshauptstadt gelegen hatte, löste sich heute mittag mit einem Male, als die Extrablätter des „Berliner Tageblattes“ die Nachricht verbreiten konnten, daß der Kriegszustand erklärt worden ist. Mit fieberndem Interesse wurde die Meldung aufgenommen. Vor dem Geschäftshause des „B.T.“ spielten sich, als die ersten Tausende der denkwürdigen Blätter ausgegeben wurden, turbulente Szenen ab. Den Boten wurden die Blätter aus der Hand gerissen und in erregten Gruppen lasen einzelne Menschen den Inhalt des Blattes laut vor. … weiterlesen

Politik > Deutsches Reich >

Der Kriegszustand

Die Voraussetzungen des Kriegszustandes sind in dem Artikel 68 der Reichsverfassung festgelegt. Dieser hat folgenden Wortlaut:

„Der Kaiser kann, wenn die öffentliche Sicherheit im Bundesgebiete bedroht ist, einen jeden Teil desselben in Kriegszustand erklären. Bis zum Erlaß eines die Voraussetzungen, die Form der Verkündigung und die Wirkungen einer solchen Erklräung regelnden Reichsgesetzes gelten dafür die Vorschriften des preußischen Gesetzes vom 4. Juni 1851.“ … weiterlesen

Politik > International >

Die Stimmung in Paris

Paris, 31. Juli
Die Minister hatten sich gestern in den Couloirs der Kammer den Deputierten gegenüber ziemlich zuversichtlich ausgesprochen, und unter diesem Eindruck legte sich nachts die Beunruhigung der Bevölkerung etwas. Heute früh ist jedoch alles wieder verschwunden, und die Stimmung ist äußerst gedrückt. Dieser Umschwung ist vermutlich auf drei Gründe zurückzuführen: erstens auf die (falsche, Die Redaktion) Nachricht von der Besetzung Belgrads, zweitens auf die Worte Sir Edward Greys im Unterhause, daß die Lage sich nicht gebessert habe, und drittens auf die Telegramme, die über London aus Petersburg und Berlin kommen und von deutsch-russischen Verhandlungen berichten. … weiterlesen

Politik > International >

Kriegsstimmung in Rußland

London, 31. Juli
Aus Petersburg wird gemeldet, man befürchtet dort, daß Österreich heute an Rußland den Krieg erklären werde (!). Das Auslaufen der britischen Flotte von Portland habe in Petersburg einen ungeheuren Eindruck gemacht und hat Rußlands Entschluß bestärkt, sich auf seine Waffen zu verlassen. Die Ansprache des Zaren an die Armee und an die Marinekadetten hat tiefen Eindruck auf das Publikum gemacht. In den Putisow-Werken wird heute wieder mit Anspannung aller Kräfte gearbeitet. Man nimmt an, daß im Falle der Kriegserklärung der Zar nach Moskau gehen werde, um von der Uspenty-Kathedrale ein Manifest zu erlassen.