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Ein Edelopfer des internationalen Blutrausches

Paris, 1. August. Gestern Abend gab ein gewisser Raoul Villain in einem Kaffeehaus mehrere Revolverschüsse auf den Sozialminister Jaurès ab. Jaurès wurde am Kopf getroffen und starb bald darauf. Der Mörder ist 29 Jahre alt und Sohn eines Schreibers am Zivilgericht in Reims.

Paris, 1, August. Jaurès saß mit einigen Freunden im Café Croissant in der Nähe einer Nische, die auf die Straße führt und mit einem Vorhang abgeschlossen war. Plötzlich erschien hinter diesem Vorhang eine Hand und ehe Jaurès eine Bewegung machen konnte, wurde er von zwei Kugeln in den Kopf getroffen und sank um. Der Täter wurde einige Augenblicke später verhaftete; er weigerte sich, seine Personalien anzugeben. Man fand bei ihm zwei Revolver und eine Karte, aus der hervorging, dass er die Louvreschule besuchte.

Paris, 1. August. Die Behörden und Ärzte kamen sofort nach dem Attentat auf Jaurès am Tatort an. Die Ärzte konnten nur den Tod feststellen. Die Behörden vernahmen die Personen, die bei der Tat zugegen gewesen waren. Zu den Straßen herrschte ungeheure Aufregung. Es wurde Vive Jaurès! gerufen.

Ein furchtbarer Schlag hat die internationale Sozialdemokratie, die Arbeiterklasse aller Länder mitten ins Herz getroffen. Der geliebte Führer des französischen Proletariats, die mächtige und einflussreiche Persönlichkeit der sozialistischen Internationale, Jean Jaurès ist von ruchlosen Händen eines nationalistisch verhetzten Mordbuben meuchlings erschossen worden. Der heraufziehende düstere Brand des allgemeinen Völkermordes und Kulturmordes, verkündet sich würdig durch ein tolles Verbrechen, vollzogen an dem edelsten der Menschen, an dem Träger der höchsten Menschheitsideale, an dem Vertreter der feinsten Geisteskultur des Jahrhunderts.

Jaurès kam zur Sozialdemokratie von der bürgerlichen Demokratie, er kam als reifer Mann, als sein Name bereits vom Glanz seiner unvergleichlichen Rednergabe und vom mächtigen politischen Einfluss seiner Persönlichkeit erstrahlte. Doch offenbarte sich gerade an ihm wieder, dass der Sozialismus heutzutage die einzige Zufluchtstätte für alle wahrhaft großen Geister und warmfühlenden Herzen ist. Es zeigte sich, dass die verfallende bürgerliche Welt keine Heimat mehr sein kann für kühne und schöpferische Persönlichkeiten, die erst in der heißen historischen Werkstatt der Zukunft, im Lager des ringenden Proletariats ihre Geistesgaben entfalten ind ihre glühende Seele befriedigen können.

Jaurès kam zu uns als bürgerlicher Ideologe, der den Sozialismus nur für die letzte logische Konsequenz des bürgerlichen Republikanismus hielt und die Unerschrockenheit besaß, seine republikanischen Ideen zu Ende zu denken. Noch im Jahre 1896 legte er in glänzenden Reden im französischen Parlament dar, dass sich das sozialistische Gesellschaftsideal direkt aus den republikanischen Staatseinrichtungen ergebe. Mit dieser ideologischen Auffassung blieb er eine zeitlang noch innerlich ein Fremdling im Lager des französischen Sozialismus, der bereits durch Guesde und Lafargue auf den historisch-materialistischen Boden der Marxschen Lehre aufgebaut war. Aber Jaurès war eine lebhafte, umfassende, rastlos arbeitende Intelligenz. Indem er immer mehr mit der Arbeiterbewegung verwuchs, sich ihr mit Leib und Seele ergab, wuchs er innerlich und schwang sich immer mehr zum geborenen Führer des Proletariats auf. Die beiden Fähigkeiten des politischen Führers, wie ihn die aufstrebende Arbeiterklasse in ihrer historischen Mission braucht, besaß Jaurès in höherem Maße als irgend ein Lebender: die Fähigkeit, Massen zu sammeln, zu vereinigen, zu organisieren, und die Fähigkeit, zu handeln, die Massen zur Aktion zu zu bewegen. Durch beide Fähigkeiten trat er im französischen Volksleben zuerst in den Vordergrund, als er während der Dreyfusaffäre die Losung der sozialistischen Einigung gegenüber dem alten wirren Fraktionskader der französischen Arbeiterparteien auf den Schild erhob und zugleich das ganze Gewicht der sozialistischen Arbeiterklasse gegen die klerikal-militaristische Reaktion mit entschlossener Hand in die Wagschale warf. Ihm verdanken wir die sozialistische Einigung in Frankreich, für die er nicht bloß durch seine mächtige Feder und Stimme jahrelang unermüdlich Tag für Tag wirkte. Wir verdanken sie auch der wunderbaren Disziplin und großmütigen Bescheidenheit, mit denen Jaurès sich den Beschlüssen des Amsterdamer internationalen Kongresses und den Einigungsbedingungen der Bebelschen Resolution im Sinne des revolutionären Marxismus fügte, nachdem er im Kampfe gegen sie unterlegen war.

An der Spitze der geeinigten französischen Arbeiterpartei, neben den alten Führern Guesde und Baillant und mit ihnen im Bund machte Jaurès eine andere Idee zum Leitmotiv seines Wirkens: die Verbrüderung des französischen und des deutschen Volkes zum gemeinsamen Kampfe gegen die Barbarei des Militarismus. Er war es, der den Mut und die Kraft besaß, der Revancheidee des französischen Chauvinismus, die 30 Jahre lang wie ein Alb auf Frankreich lastete, offen den Krieg zu erklären und sie in glänzendem Treffen aufs Haupt zu schlagen. Er war es, der die Aussöhnung des französischen und des deutschen Volkes zu gemeinsamer sozialistischer Kulturarbeit mit der ganzen gewaltigen Macht seines Wortes unermüdlich predigte und das Wutgeheul der nationalistischen Meute übertönte. Ihm danken wir es in erster Linie, dass heute trotz aller Provokationen der säbelrasselnden Diplomatie sich uns aus Frankreich Millionen Bruderhände entgegenstrecken und gemeinsam mit uns dem Kriege den Krieg erklären.

Jaurès kämpfte für die deutsch-französische Verbrüderung noch in anderem Sinne. Es war das höchste Ziel seiner Wünsche und seines Strebens, den geistigen Ausgleich zwischen den besonderen Fähigkeiten der Arbeiterschaft seines Vaterlandes und der unserigen herbeizuführen, den französischen Arbeitern den Sinn für deutsche Organisation und Disziplin beizubringen, die deutschen Arbeiter mit der flammenden Aktionsfähigkeit des französischen Proletariats zu durchdringen. Er wurde nicht müde, den Arbeitern seines Landes das Beispiel der deutschen Sozialdemokratie und ihr systematisches Bauwerk der Organisation zur Nachahmung zu empfehlen und sein Wirken blieb auch auf diesem Felde nicht fruchtlos: mit Bewunderung muss man die tüchtigen und ernsten Ansätze, die schönen Fortschritte unserer Bruderpartei jenseits des Vogesen auf dem Gebiete der Organisation anerkennen.

Aber auch die deutschen Arbeiter haben die Hoffnung Jaurès nicht getäuscht. Es war in der letzten Sitzung des Internationalen Sozialistischen Bureaus in Brüssel, wo die Vertreter aller Länder gemeinsam berieten, wie das klassenbewusste Proletariat dem drohenden Verbrechen des Weltkrieges ihren entscheidenden Widerstand entgegensetzen sollen. Da kam, mitten in den wüsten Nachrichten über die diplomatischen Ränke und die Kriegshetze der blutdürstigen „patriotischen“ Preßmente ein Telegramm aus Berlin, das wie ein heller Lichtstrahl in die Sitzung fiel: Die Nachricht über die Friedensdemonstrationen der Berliner sozialdemokratischen Arbeiterschaft am 28.Juli. Wie strahlte da stolz das Auge Jaurès, wie erhellten sich seine markigen Züge!

Abends sprach Jaurès in der grandiosen Demonstrationsversammlung der Brüssler Arbeiter im Zirkusgebäude. Tausende und aber Tausende Männer und Frauen drängten sich unten bis zur höchsten Galerie, ein wogendes Meer von Köpfe, alle Augen gerichtet auf den Mann mit dem gewaltigen Kopf auf den mächtigen Schultern, der mit seinem brausenden Organ und seinen erhobenen geballten Fäusten die Maurer zu erschüttern schien.

„Ich, der ich mein Lebtag in meinem Lande die Wahrheit laut sagte – sprach Jaurès – ich habe jetzt das Recht, vor Europa für mein Land Zeugnis abzulesen. Ich erkläre feierlich, dass das französische Volk in dieser Stunde der Kriegshetze und der Provokationen völlig und restlos, ohne Hintergedanken und ohne Rückhalt, ehrlich und heiß den Frieden will und ihn zu erhalten wünscht. Sollten morgen die Würfel fallen und Russland sich in den Krieg stürzen, dann erklären die französischen Arbeiter: für uns existieren keine staatlichen Geheimverträge, wir kennen nur den einen offenen Betrag – mit der Menschheit und mit der Kultur! Aber diesmal sind wir nicht allein. Wie viel mal haben wir uns, haben wir speziell, der ich für Aussöhnung mit Deutschland kämpfte, unsere Chauvinisten entgegengehalten: ja, wo ist denn die Friedensliebe des deutschen Volkes? Sie fordern von uns Franzosen, dass wir unserer Regierung in den Arm fallen, aber die deutschen Arbeiter rühren sich nicht, sie lassen ihre Kriegshetzer gewähren, sie leisten ihnen keinen Widerstand. So rief man mir unzählige Male zu und hielt uns bösen französischen Sozialisten die braven deutschen Sozialdemokraten als Muster vor. Nun, dieses falsche Gerede ist zum Schweigen gebracht, dieser falsche Schein ist zerrissen. Die Berliner Arbeiter haben gleich den Pariser Arbeitern auf der Straße ihre Stimme gegen den Völkermord erhoben. Die deutsche Sozialdemokratie hat der Welt gezeigt, dass sie nicht bloß einen mächtigen Körper bildet, sondern dass in diesem Körper eine starke Seele und eine kühne Tatkraft wohnt, die in schwerer Schicksalsstunde mit Donnerwort sich vernehmlich machen kann. Und ich sage Ihnen, noch nie hat die deutsche Sozialdemokratie, die sich schon sie viele Verdienste vor dem internationalen Proletariat erworben hat, einen so großen Dienst der Sache der Menschheit geleistet, als jetzt, indem sie gezeigt hat, dass sie ein aktionsfähiger, mächtiger Faktor im Leben des Landes ist. Ich danke den Berliner Arbeitern im Namen der französischen Proletarier und ich schwöre, das wir ihnen weiter in dem entschlossenen Kampfe gegen den Attilaritt der wilden Kriegsrotten brüderlich zur Seite stehen werden- treu bis in den Tod!“ Das war die letzte Rede seines Lebens. Faurès hielt Wort. Er blieb der Sache der Völkerverbrüderung treu bis in den Tod, er fiel, als ihr erstes Opfer, mit seinem edlen Blute besiegelte er den Bruderbund des französischen und des deutschen Proletariats.

Die bürgerliche Presse, die über die Ermordung des österreichischen Erzherzogpaares vor heiserer Wut und kreischender Entrüstung in Krämpfe fiel, registriert kühl und gelassen die Ermordung eines Fürsten im Reiche des Geistes, dessen Leben in der Kulturgeschichte mehr wog, als eine Legion von Erzherzogpaaren, und dessen Schatten im Pantheon der Menschheit neben den Größten ragen wird, wenn man die heiteren Spiele der Monarchie und die Schrecken der Kriege wird längst vergessen haben.

Arbeiter Deutschlands, Eure Tatkraft, Euer erster Anlauf zum Kampfe gegen die Schrecken des Weltkrieges waren die letzte Huldigung, die Ihr dem gefallenen Kämpfer dargebracht habt. Senkt die Fahnen am Grabe Jean Faurès – nein, ergreift die Fahnen und eilt vorwärts, mit seinen Worten auf den Lippen: Treu der Verbrüderung mit dem französischen Volke, treu der Sache des Friedens, treu dem internationalen Sozialismus bis in den Tod!

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Die Mobilmachung

Der „Reichsanzeiger“ veröffentlicht in einer Sonderausgabe folgenden kaiserlichen Erlass:

„Ich bestimme hiermit: Das deutsche Heer und die kaiserliche Marine sind nach Maßgabe des Mobilmachungsplans für das deutsche Heer und die kaiserliche Marine kriegsbereit aufzustellen.

Der 2. August 1914 wird als erster Mobilmachungstag festgesetzt.

Berlin, den 1. August 1914

Wilhelm 1. R. v. Bethmann Hollweg“ … weiterlesen

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Eine neue Rede des Kaisers

„Keine Parteien mehr“

Der Lustgarten war den Nachmittag von einer dichtgedrängten Menschenmenge besetzt. Etwa um 5 1/2 Uhr wurde dem Publikum durch Adjutanten, Offiziere und Schutzmannswachtmeister  die erfolgte Mobilmachung bekanntgegeben, worauf es zu großen Begeisterungskundgebungen kam. Um 6 Uhr war im Dom der angeordnete liturgische Gottesdienst, den Oberhofprediger Dr. D. Dryander abhielt. An dem Gottesdienst nahmen auch Damen und Herren der Umgebung des Kaiserpaares teil. Eine ungeheure Menschenmenge wälzte sich nach 7 Uhr die Linden hinauf und staute sich vor dem kronprinzlichen Palais, wo berittene Schutzleute mühsam die Passage aufrecht erhielten. Die Schloßbrücke war abgesperrt. Plötzlich zeigten sich der Kaiser und die Kaiserin auf dem Mittelbalkon des Schlosses. Sogleich wurde die Absperrung aufgehoben und die Menge eilte im Laufschritt unter unaufhörlichen Hochrufen über die Brücke vor das Schloß, „Heil dir im Siegerkranz“ und „Deutschland, Deutschland über alles“ singend. Dann hörte man den Ruf „Ruhe!“ und der Kaiser, dessen Stimme deutlich vernehmbar über den Platz klang, sprach. Er sagte: … weiterlesen