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Feldzugbriefe eines Landwehrmannes

Ein Landwehrmann schreibt uns:

I.

Am 5. Mobilmachungstage musste ich also auch einrücken – letzte Jahresklasse der Landwehr!  Der Abschied von Weib und Kind ging leichter von statten, als ich gefürchtet hatte; die Zeit vom 1. bis 4. Mobilmachungstage war die schlimmste! Die Stimmung unter den Landwehrmännern war ernst und würdig, aber etwas schwermütig; allgemein vertrat man die Ansicht: „Nun aber raus aus Berlin, nur nicht überzählig zurückgeschickt und dann wiedergeholt werden – sonst muss man den Abschied von zu Hause nochmals durchmachen!“ – Das also war das schlimmste gewesen: der Abschied von Weib und Kind! – Denn diese Männer von 38 Jahren hatten meist Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren, und die lassen sich nichts mehr vormachen, die wissen, was es bedeutet, „wenn Vater in’n Krieg zieht!“ – Bei mir ging es, wie gesagt, leichter; der Junge sagt: „O, Papa, wenn Du nach Russland kommst, bringst Du mir Briefmarken mit! – Und, Papa, was gibt es denn da für Geld? – Da bringst Du mir auch welches mit! … Und zu meinem Mädel sage ich: „Na, nu halte Dich tapfer die 14 Tage, die Vater nicht da ist!“ – Sie trollt auch ganz vergnügt von dannen, kehrt aber gleich wieder um und sagt: „Da bist Du ja gerade zu meinem Geburtstage nicht da, Papa!“ Und die dicken Tränen kullern ihr über die Backen. Am 18. August hat sie Geburtstag, daran habe ich allerdings nicht gedacht. … Selige Kindheit, die doch schön ihre kleinen Sorgen hat.

Die Fahrt von Berlin nach X-Dorf war recht gemütlich: in Erkner, Fürstenwalde usw. waren am Bahnhof Berge von Stullen und Brötchen aufgestapelt, die natürlich im Sturm genommen wurden; auch Tee, Kaffee, Limonade fand reißenden Absatz; und – was mich am meisten freute – es gab keinerlei Alkohol; trotz reichlichen Proviants von zu Hause habe ich den „Liebesgaben“ wacker zugesprochen, und dabei so recht die Wahrheit des Wortes empfunden: „Mit vollem Magen ist man ein guter Soldat!“ – Bürgerquartiere, welche wir nach dreitägigem Aufenthalt leider wieder verlassen, sind im allgemeinen sehr gut, das meine besonders! – Vier Töchter, welche die Einquartierung hinten und vorn bedienen! – Der einzige Sohn ist als „Kriegsfreiwilliger“ bei der Artillerie eingetreten, überhaupt diese Freiwilligen: täglich kommen neue Transporte an – und Kerlchen sind dabei, die unter regulären Zeiten im Leben nicht Soldat geworden wären! Das eine Gute ist an diesen schmächtigen, jungen Leuten: sie bieten den feindlichen Geschossen wahrlich nur ein recht kleines Ziel; wie sie allerdings ein Gewehr halten und einen Tornister tragen sollen, das mögen die Götter wissen! Aber machen werden sie es sicher.

Also die Quartiere: Die Töchter unseres Herbergsvaters sagen zu uns: „Na, Sie beschützen uns doch, wir müssen Ihnen danken!“ Diese Stimmung herrscht in den meisten Bürgerquartieren: wobei der Ton auf das Wort Bürger zu legen ist. Die einzigen Klagen, welche ich hörte stammen von der Einquartierung beim Grafen von … und von der beim Herrn von … und gerade diese Herrschaften werden doch am meisten geschützt.

Alle Hochachtung dagegen vor den Frauen und Mädchen, welche an den Bahnhöfen Liebesgaben verteilen; man sieht, die Bevölkerung bemüht sich, den Kriegsteilnehmern die Strapazen zu erleichtern, und das verschafft doch ein gewisses Gefühl der Beruhigung!

II.

Die schönen Tage der Bürgerquartiere sind nur zu schnell vorübergegangen; am Sonntag 9. August abends 10 Uhr wurden wir verladen, um eine 24-stündige Bahnfahrt anzutreten. Bei Nacht und Nebel rückte das Bataillon aus, sang- und klanglos zog es im neuen Standort ein. Die 24 stündige Bahnfahrt wurde 2 – 3-stündlich durch Ess- und Kaffeepausen unterbrochen; zweimal gab es Erbsen mit Speck aus Feldküchen, welche eigens für Verpflegung der Truppentransporte errichtet worden sind.

Im neuen Standort wurden uns Nachtlager in der Turnhalle einer Kriegsschule angewiesen; als Unterlage dient Stroh, als Kopfkissen der Tornister, zum Bedecken die Uniform, die man auf dem Leibe hat. Die Verpflegung ist nicht gerade lukullisch. Am ersten Tage mittags gibt es Komißbrot mit Speck, am Abend desselben Tage: Speck mit Komißbrot. Trostlos sehen aber die Toilettenverhältnisse aus. Die einzigen Waschgelegenheit besteht in einer Pumpe im Hofe; mir persönlich passierte dabei das Missgeschick, dass mir mein künstliches Gebiss aus der Hand glitt, als ich es abspülen wollte; ritsch – schlitterte es in den Abfluss; sofort angestellte Rettungsversuche blieben erfolglos. Der Gulli hat keinen Senkkasten – meine Zähne waren bereits weggeschwemmt. – Am anderen Tage war der Rost des Gullis vollständig mit Küchenabfällen und Speiseresten verstopft; ich betrachtete wehmütig das Gemisch und hatte nur den einen Gedanken: wenn meine Zähne dahineingefallen wären, hätte ich sie doch wenigstens wieder herausfischen können! – C’est la guerre! (Das ist der Krieg!)

 

Noch schlimmer steht es mit der anderen Hälfte der Toiletteneinrichtung: den Klosettenanlagen! – Die wenigen vorhandenen Klosetts sind vollständig verstopft bzw. „überfüllt“ in des Wortes verwegenster Bedeutung. Da aber die in der Kriegsschule einquartierten zirka 1000 Mann doch auch ihre Bedürfnisse irgendwo verrichten müssen, werden Gräben und Winkel, Sträucher und Parkanalgen benutzt – der Rest ist Schweigen! – C’est la guerre! –

Politik > Deutsches Reich >

Der Abschied des Kaisers von Berlin

Wilhelm II. ist gestern zum Kriegsschauplatz abgereist, und die auch tiefster Seele emporwallenden Wünsche des ganzen deutschen Volkes begleitet ihn. Wir hoffen und vertrauen, dass auch er, der solange ein Friedenskaiser war, wie sein Großvater als ein Siegeskaiser heimkehren wird – wir hoffen und vertrauen auf den Sieg, der uns die sonnige Wohltat des Friedens wiederbringen soll. Niemand ist unter uns, der nicht heute fromm die Hände falten und flehen möchte, es möge uns bald beschieden sein, dieses große Glück zu sehen. Und niemand ist unter uns, der „die unerschütterliche Einmütigkeit des deutschen Volkes in den Stunden der Gefahr“ antasten lassen würde, von der in seinem Abschiedsgruß der Kaiser spricht. Dort unten, wo der Kaiser haltmachen und die tapferen Soldaten grüßen wird, bereitet sich der gewaltige Zusammenstoß vor. Von fern her gehen unsere segnenden Gedanken zu diesen Söhnen der deutschen Erde hin. … weiterlesen

Lifestyle > Vom Hofe >

Der Abschiedsgruß des Kaisers

Amtlich wird gemeldet: Der Kaiser hat an den Oberbürgermeister von Berlin folgenden Erlass gelangen lassen: „Der Fortgang der kriegerischen Operationen nötigt mich, mein Hauptquartier von Berlin zu verlegen. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, der Berliner Bürgerschaft mit meinem Lebewohl innigsten Dank zu sagen für alle die Kundgebungen und Beweise der Liebe und Zuneigung, die ich in diesen großen und schicksalsschweren Tagen in so reichen Maße erfahren habe. Ich vertraue fest auf Gottes Hilfe, auf die Tapferkeit von Heer und Marine und die unerschütterliche Einmütigkeit des deutschen Volkes in den Stunden der Gefahr. Unserer gerechten Sache wird der Sieg nicht fehlen.

Berlin Im Schloss, den 16. August 1914

Wilhelm I.R.

Politik > Berlin >

Die Abreise des Kaisers

Amtlich wird gemeldet: Berlin, 16. August. Seine Majestät der Kaiser hat heute 8 Uhr vormittags in der Richtung Mainz Berlin verlassen.

Der Kaiser verließ gestern Morgen kurz vor 8 Uhr im Automobil das Schloss und begab sich zum Bahnhof, um die Ausreise ins Feld anzutreten. Obwohl die Zeit der Abfahrt geheim gehalten war, hatten sich am Schloss und in der Nähe des Bahnhofs zahlreiche Menschen eingefunden, die den Kaiser mit lauten Hurrarufen und Tücherschwenken begrüßten. Die Hochrufe wechselten mit den Wünschen siegreicher Wiederkehr, und die Schutzleute, die die Straße abgesperrt hatten, konnten nur mit Mühe verhindern, dass sich das Volk von Berlin um den Wagen des Kaisers drängte. Angesichts der herzlichen Kundgebungen flog für einen Augenblick ein frohes Lächeln über die Züge des Kaisers. Vor seiner Abreise empfing der Kaiser im Schloss den Oberbürgermeister von Berlin, Wermuth, und den Stadtverordnetenvorsteher Michelet, die dem Kaiser die Abschiedsgrüße der Stadt Berlin überbrachten. (Durch besondere Ausgaben des „Berliner Tageblatts“ gestern Abend mitgeteilt.)