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Alleinreisende Kinder

Alleinreisende Kinder

Immer mehr Kinder reisen ohne Begleitung in die Sommerferien. Dank der Hilfe der Mitreisenden ist das auch gar kein Problem - und hilft, die Selbständigkeit der Kinder zu fördern.

Mit dem Ferienbeginn ziehen Tausende von Kindern aus der dunstigen Großstadt aufs Land zu ihren Verwandten. Nicht immer sind diese Kinder während der Eisenbahnfahrt der Obhut ihrer nächsten Angehörigen anvertraut. Letztere können sich aus Berufsinteressen oder aus Geldmangel eine Sommerreise nicht leisten, wollen aber wenigstens ihren Kindern die Erholung gönnen. So entsteht denn die große Frage: Wollen wir es wagen, unsere Lieblinge ohne Begleitung reisen zu lassen? Und nach langen Beratungen, bei denen die besorgte Mutter hundert Bedenken erhebt, wird der „erste Schritt ins selbstständige Leben“ riskiert. Vater hat den Ausschlag gegeben. „Was? Mein Junge, der mit vierzehn Jahren schon einen Teil seines Brotes verdienen muss, soll mit elf Jahren nicht ein paar Meilen allein in der Eisenbahn fahren können? Na, und mein Mädel ist auch so erzogen, dass es sich unbegleitet in den kurzen Reisestunden nicht fürchtet!“ Mit Sack und Pack wird das glückliche Kind zum Bahnhof gebracht, in die beste Ecke des Abteils bugsiert. Ermahnungen … Küsse … Tränen … Abschied. „Lass mal, Mutter, mir passiert nichts. Ich bin ja Vaters Junge, weiß ganz genau noch vom vorigen Jahr her, wo ich aussteigen muss. Na, und wenn ich es nicht mehr genau weiß, dann frage ich eben.“

Selbstbewusst reckt sich der kleine Mann, schwenkt luftig den Strohhut, als die Dampfpfeife schrillt und die fauchende Maschine anzieht. Aber Vorsicht ist immer gut. Die praktische Mutter hat ihrem Liebling, von dem sie sich für mehrere Wochen trennen soll, um den Hals ein Pappschild gehängt mit der Aufschrift: „Ich fahre nach Martinroda in Thüringen und bitte um den Schutz der Mitfahrenden!“

Sofort ist solches Ferienkind das Ziel allgemeiner Aufmerksamkeit. Man verhätschelt den kleinen Ferienreisenden, zeigt ihm auf laufender Fahrt alles Sehenswerte, liefert ihn promt und sicher am Zielort ab, wo die Tante aus Martinroda den Jungen oder das Mädel umhalst und heimholt. Im Fluge ist die Fahrt unter Lachen und Scherzen verstrichen, und wenn es nicht schnell für das empfängliche Kindergemüt neue Eindrücke gäbe, hätte die famose Reise getrost noch länger dauern können. Aber auch der freundliche Schaffner war gefällig. Häufiger als sonst lässt er sich im Abteil blicken, wie es ihm die Mutter auf die Seele gebunden hat, betreut den Schutzbefohlenen so wacker, als wär’s sein eigenes Kind. Auch er hat ja Kinder daheim und weiß nur zu gut, wie wohl ihnen eine Ferienreise täte.

Das ist ein trauliches Bild aus dem Reiseleben, wie man es jetzt häufiger auf der Eisenbahn beobachten kann. Selbst notwendiges Umsteigen macht kaum Schwierigkeiten. Der Schaffner gibt die Anvertrauten seinem Kollegen vom geflügelten Rade ab, und freundliche Mitreisende wetteifern zum Schutze des alleinreisenden Kindes. So etwas stärkt aber im jungen Menschenkinde auch die Selbstständigkeit, die ja der Proletariersprössling früher als andere Kinder zu betätigen hat.