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Mein Wanderziel!

An der Salzkammergut-Bahn

Seit zwanzig Jahren zieht es unseren Autor Sommer für Sommer ins Salzkammergut. Für ihn fängt das Jahr erst an, wenn er Ende Mai in Salzburg die Berge wiedersieht. Umso unverständlicher ist es für ihn, das andere seine Begeisterung nicht teilen.

Seit nahezu zwei Jahrzehnten lebe ich gewissermaßen in Monogamie mit dem Salzkammergut. Ich kenne kein anderes Reiseziel neben ihm. Ich wahre ihm die Treue mit einer Beharrlichkeit, die einen Beweis für meine ganze moralische Rückständigkeit bildet. Ich kenne jede Einsattelung in seinen Bergen. Ich habe alle Lieblichkeiten seiner Talweiten durchwandert. Ich habe an jedem seiner tiefeingeschnittenen Seebecken lautlose Stunden der Einsamkeit durchgrübelt und durchträumt. Unter den Laubdächern seiner Weißbuchen mache ich meine Morgengänge. An den farbigen Blumenpolstern seiner Alpenwiesen wird mein Auge jung. An dem Ufersaum seiner versteckten Weiher treffe ich mich mit vergangenen Tagen, die um mich gespenstern … und die Erinnerungen öffnen weit ihre Kelche.

Seitdem ich mir dieses Wanderziel in glücklicher Einseitigkeit erkoren habe, hat der Kalender für mich eine neue Einteilung gewonnen. Das Jahr beginnt mir nicht am ersten Januar, sondern an dem Tage, da ich in Salzburg wieder die gemächliche Lokalbahn besteige, um in den Sommer hineinzufahren. Es liegt eine tiefe Weisheit in dem Volksgebrauch, die Dauer eines Menschenlebens nach den Sommern zu zählen, die wir durchmessen. Der Winter ist nur ein langer lichtloser Tunnel, der keine andere Aufgabe hat, als einen Sommer mit dem anderen zu verbinden. So feiere ich denn den Jahresanfang immer erst Ende Mai in Salzburg, wenn ich wieder die ernsten Hochgebirgsgipfel sehe, die den Häusern über die Dächer schauen und mit ihrem reinen Schneeglanz in die Enge der Straßen leuchten. Nun schmiege ich mich nachdenklich in die Polster der kleinen Bahn, die ins Ischler Tal hineinschleicht und ich bin ihr dankbar dafür, dass sie dem modischen Karrierenfieber so gründlich abhold ist. Es ist wahr, sie macht von dem Recht der schmalspurigen Sekundärbahnen in ihrem bedächtigen Tempo vielleicht einen zu ausgedehnten Gebrauch. Die Lokomotivenpfiffe, die sie bei ihrer Abfahrt gellend hervorstoßt, machen einen fast großsprecherischen Eindruck und haben vielleicht nur den Zweck, den Unterschied zwischen Stillstand und Bewegung, der für das Auge nicht bemerkbar ist, wenigstens für das Ohr zu betonen. Umso leichter macht sie es uns aber das schöne Bilderbuch der Landschaften, die sich vor uns ausbreiten, mit verweilender Freude und Seite für Seite zu durchblättern.

Zuerst führt der Weg zwischen Feldbreiten und kleinen Dörfern, über die noch die Salzburger Berge ihre Felsenstirnen heben. Bald verschwinden sie aber aus dem Gesichtsfeld – und wenn wir das lang hingestreckte Dorf Talgau, das durch eine achtunggebietende Brauerei beherrscht wird, hinter uns haben, so springen schon die ersten Felsennasen des Salzkammerguts keck hervor. Nicht lange dauert‘s und der breite Wasserspiegel des Mondsees mit der mächtigen Silhouette der Drachenwand tritt in die Erscheinung. Nun blicken wir in die Dämmerung der tiefgrünen Fichtenwälder. Wir sehen in manchem Felsenknauf noch den Winterschnee prahlen. Die Sonne schnürt ihre Strahlen wie Goldnetze um das graue Gewänd und lässt den Sommer aus allen Felsfalten lachen. Wenn wir noch einige Stationen weiter gekommen sind, dann schlägt plötzlich der Wolfgangsee sein blaues Auge auf – und wir blicken, immer aufs neue erstaunt, trotz zwanzigjähriger Gewöhnung, in eine Welt voll Anmut und Größe.

Nun sind wir in Sankt Gilgen. Der Zug folgt jetzt hart am See allen Krümmungen des Ufers mit der Geschmeidigkeit einer Blindschleiche. Der schlanke nadelspitze Kirchturm von Sankt Gilgen reckt sich wolkenwärts wie ein aufgehobener Zeigefinger. Reizende Landhäuser, meist in gefälliger Holzarchitektur ausgeführt, als wären sie im Wald selbst gewachsen, umranden den Schienenweg. Das gemächliche Tempo der Fahrt lässt uns vollauf Zeit, um neugierig in die Gassen von Sankt Gilgen hineinzuschauen. Literarische Erinnerungen klingen auf. Hier hat Marie v. Ebner alljährlich ihre Sommerrast genossen, bis die Beschwerden des Alters die verehrte Dichterin von ihrem Lieblingsasyl ferngehalten haben. Einige ihrer wertvollsten Erzählungen sind aus der fruchtbaren Abgeschiedenheit des Salzkammerguts aufgeblüht. Wenn wir auf andere Ufer blicken, wo Sankt Wolfgang unter den grünen Weidenhängen der Schafbergalmen sich hinbreitet, kommt uns der Name Joseph Victor Scheffel in den Sinn; hier hat der Dichter die mächtigen Eigensätze seiner Bergpfalmen geschaffen und die Legende vom Bischof Wolfgang von Regensburg in lyrischen Chorälen aufklingen lassen.

Auf einem bescheidenen Hügel, dicht hinter der Fahrtstraße, steht ein stattliches Gehöft, das sich an den Rand des Waldes lehnt und über gewellte Wiesen aus vielen Fenstern in den See schaut. Es ist der Kendlinghof – und beim Anblick dieses friedlichen Berghauses hüllt mich eine melancholische Erinnerung in ihre dichtesten Schleier. Hier hat Alfred Freiherr v. Berger seit den Tagen der Kindheit jeden Sommer verbracht. Hier ist er als Jüngling auf manchem verstohlenen Jägersteig empor geklommen und hat alle Krümmen des Gebirges durchwandert. Hier habe ich noch in dem letzten Sommer vor seinem allzu frühen Heimgang köstliche Stunden mit ihm verplaudert und mich an seiner gedankenvollen Unterhaltung tiefsinnerlich erfreut. Denn Baron Berger war ein Gesprächskünstler, wie ich ihm nie zuvor begegnet bin. Tiefe und spielende Worte, Gedanken und Einfälle strömten ihm in ungebändigter Fülle zu und rundeten sich ungesucht zu einem Kunstwerk, das über die flüchtige Stunde hinaus den Atem des Lebens in sich festgehalten hat. In Sankt Wolfgang war es, wo ich aus seinem Munde die Bemerkung hörte:
„Unser Leben gleicht einem Roman, der uns in täglichen Fortsetzungen geliefert wird – erst in einer anderen Welt bekommen wir ihn als fertiges Buch in die Hand“ …
Wir haben damals beide nicht geahnt, dass ein Vorklang des Todes in diesen Worten geweht hat …

Wir haben oft und oft gemeinsam das Problem erörtert, wie es mir kommen mag, dass das schönge Gelände am Wolfgangsee mit seinem Rund von Bergen, seinen verlockenden Wald- und Höhenwegen, der ganzen Poesie seiner Landschaft bis in die erste Hälfte des Juli hinein fast fremdenleer ist? Selbst Baedeker, der sich sonst einer so erfreulich nüchternen Sachlichkeit befleißigt, hat eine verschämte Anwandlung von Lyrik, wenn er vom Schafberg spricht. Er nennt ihn den Rigi von Oberösterreich. Leider aber hat dieser Rigi den unvorsichtigen Einfall gehabt, nicht in der Schweiz seine wunderbare Aussichtswarte aus dem Erdboden zu heben, sondern im Salzkammergut. Die Berge, die aus dieser Talsohle ragen, sind keine Animierschönheiten. Sie äugeln nicht um unsere Bewunderung. Sie schreien uns ihre Reize nicht ins Gesicht. Sie gefallen sich in einem stillen, nur allzu stillen Selbstgenügen – und ihre Bewohner stören sie nicht in diesem unauffälligen Eigenleben.

Vielleicht hat auch, so wunderlich es klingen mag, der Schafberg unter seinem unglücklichen Namen gelitten. Es ist nicht ganz gleichgültig, wie Menschen heißen und es ist auch nicht gleichgültig, wie die Berge benannt werden. Wenn wir vom Finsteraarhorn hören, hat schon das Wort eine suggestive Kraft, die große Vorstellungen in uns aufruft. Die Radenkanzel im Pongau lockt uns schon durch ihren Namen zu sich hinauf. Wenn zwei Felsengruppen im Dachsteingebiet „Die beiden Dirndl“ und „Das Zuckerhütl“ genannt werden, trifft es unser Ohr wie ein lockendes Getändel der Anmut mit der Erhabenheit. Und hören wir den Namen des Hochkönigs, so sehen wir im Geiste einen majestätischen Bergriesen mit einer vielzackigen Krone von Eiskristallen und einem Schneeband als Stirnreif. Der Name des Schafberges aber hat etwas Verkleinerndes und Auflachendes. Der Bergpfalm wird in ein Hirtenlied verniedlicht.