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"Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies.“ Goethe

An die Erzieher

Kinder zu erziehen heißt, nichts von ihren Anlagen und zu unterbinden, sondern die Kinder zur Entfaltung zu bringen.

Wer eine Klage über sein Kind ausspricht, hat eine Anklage gegen sich ausgesprochen. Normale, unverdorbene Kinder sind reicher und besser wie die Erwachsenen. Ihnen sprudelt noch die göttliche Quelle der Heiterkeit, die uns versandet und unergiebig geworden ist. Hundert entwicklungsfähige Anlagen zeigen sich an ihnen, die an uns nutzlos verstümmelt sind. Tausend Wege stehen ihnen offen, wo wir uns in graue öde Sackgassen verlaufen haben. Sie sind bildsam wie Wachs in Händen dessen, der aus Wachs Schönes zu bilden weiß, während wir knöchern und unbildsam geworden sind. Darum, wenn wir uns anmaßen, diese, die reicher und besser sind als wir, erziehen und bilden zu wollen, muss unsere erste Sorge sein, nichts an ihnen zu verderben.

In der besten Absicht wird heute den Kindern das Beste genommen. Die meisten glauben, was ihnen dienlich ist, muss auch den Kindern gut sein. Und wenn einer seine Gesundheit so schlecht gepflegt, dass er kein Lüftchen vertragen kann, bindet er den Kindern Tücher um den Hals. Und wen das Leben zum Schmächtling gemacht hat, der sich ducken muss, der lehrt die Kinder stillhalten, wenn sie geschlagen werden. Und wen das Leben so arm gemacht, dass sich keine natürliche Freudenäußerung seiner Brust entspringt, der verbietet den Kindern das Jauchzen und Springen. Es ist eine grundlose Eitelkeit, sich für den Menschen zu halten, der in noch weiteren Exemplaren naturgetreu kopiert werden müsse. Diesen Kopierungsversuch nennen die meisten heute Erziehung. Sie bilden nicht, sie verbilden. Sie nehmen, wo sie geben sollen. Erziehen heißt, den vorhandenen Reichtum zur Entfaltung zu bringen. Nicht nach der eigenen Armseligkeit messen, sondern nach dem Reichtum, der in dem anderen liegt. Nicht auf die eigenen Glücks- und Entwicklungsmöglichkeiten eingestellt sein, sondern auf die des Kindes. „Die Jugend ist um ihretwillen hier. Es wäre töricht zu verlangen, komm ältle du mit mir.“ (Goethe.) Das Wichtigste in der Erziehung ist: die vorhandenen Entwicklungsmöglichkeiten nicht unterbinden. Nichts verderben, was an natürlichen Anlagen und Fähigkeiten vorhanden ist. Aus sich hinausgehen können in der Beurteilung der Dinge. Die Ziele über sich hinaus stecken. „Nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf!“ Dann werden wir diejenigen sein, die von den Kindern gebildet werden. „Was sogar die Frauen an uns ungebildet zurücklassen, das bilden die Kinder aus, wenn wir uns mir ihnen abgeben.“
(Aus Wilh. Reister.)
Reth.