Zentralbild Anstehen nach Brot während des Krieges 1914-18. [Scherl Bilderdienst]

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Beschwerden können in der Gormanstraße eingereicht werden

Arbeitslose Frauen in Berlin.

Lohnherren nutzen die Not der Frauen schamlos aus. Dienstboten, Landarbeiterinnen - sie drücken Löhne und rationalisieren Stellen durch Zusammenlegung.

Die Not der Dienstmädchen.

II.

Die Zahl der arbeitslosen Frauen in rein gewerblichen Betrieben ist, wie wir in der gestrigen Abendausgabe gezeigt haben, im August stark gestiegen. Aber auch die Gastwirtsgehilfinnen und Dienstboten sind durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden.
Auf dem paritätischen Facharbeitsnachweis für das Gastwirtsgewerbe – von dem überdies Kellnerinnen für Animierkneipen ausgeschlossen sind – wurden vom 1, August bis zum 27. 625 Aushilfen registriert, von denen 186 feste Stellungen und 54 Aushilfen erhielten, so dass 385 arbeitslos blieben. In dem Zentralarbeitsnachweis meldeten sich 9 Büffetdamen und 279 Restaurationsangestellte, von denen bis zum 27. 2 Büffetdamen und 80 Restaurationsangestellte untergebracht wurden.

Große Arbeitsnot besteht auch bei den Dienstboten. Viele Herrschaften haben ihre Hausmädchen überhaupt entlassen, ihre Zahl eingeschränkt oder durch Zusammenlegung verschiedener Haushalte zu einem eine Anzahl Mädchen überflüssig gemacht. In dem Dienstbotenkrankenversicherungsvereinen von Dienstherrschaften auf Gegenseitigkeit sind, wie uns erklärt wird, seit Ausbruch des Krieges für etwa 5000 Dienstmädchen, die bereits bis Ultimo September gezahlten Beiträge zurückgefordert worden. Dementsprechend sind jetzt auch alle Mietsbureaus und Arbeitsnachweise von Mädchen überfüllt. Die Zahl von 5000 ist allerdings weit zu niedrig gegriffen, weil ein großer Teil derjenigen Mädchen, die vom Lande stammen, auf eigene Kosten zu ihren Verwandten aufs Land gefahren sind. Ein anderer Teil wandte sich an den Zentralarbeitsnachweis, um durch dessen Vermittlung zu seinen Verwandten zwecks Landarbeit befördert zu werden. Der Nachweis hat dann weiterhin auch zu anderen Bauern und Landwirten Frauen zur Landarbeit geschickt und auf diese Weise insgesamt etwa 900 untergebracht. Insgesamt haben sich im August etwa 3500 für Landarbeit gemeldet, von denen sicherlich nur die wenigsten Landarbeiterinnen von Beruf waren. Im Übrigen ist auch die Zahl der mädchensuchenden Herrschaften nicht gering; allerdings versucht eine ganze Anzahl, wie uns erklärt wird, die Notlage der Mädchen auszunutzen und sie lediglich gegen freie Kost und Logis zu mieten. Die Arbeitsnachweise und größeren Mitesbureaus lehnen indes vorläufig die Vermittlung auf dieser Basis ab, und so kommt es, dass im Zentralarbeitsnachweis bei 1712 Mädchen von 1219 Dienstangeboten nur 949 besetzt wurden.

Dienstmädchen Quelle: Bukovina society of the Americans

Dienstmädchen
Quelle: Bukovina society of the Americans


Auch von Arbeiterinnen anderer Berufe wird darüber geklagt, dass die Lohnherren sich ihre ungünstige Lage zunutze zu machen versuchen. Insbesondere betreffen diese Klagen die Militärlieferanten, und es bedarf wohl keine besonderen Hervorhebung, dass gerade diese, zumal sie von der Militärverwaltung besser als im Frieden bezahlt werden, Löhne zahlen sollten, die mit ihrem eigenen Verdienst in einem gewissen Verhältnis stehen. Der Zentralverein für Arbeitsnachweis in der Gormannstraße hat sich zwecks Beseitigung dieser Missstände dazu bereit erklärt, Beschwerden von Arbeitnehmern entgegenzunehmen, sie zu prüfen und bei ihrer Berechtigung Abhilfe zu schaffen.