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Krieg 1870/71

August 1870

Die momentane Kriegseuphorie erinnert unseren Autor an die Euphorie im Krieg 1870/71 gegen die Franzosen. Er erinnert sich noch lebhaft daran, wie er den Kriegsausbruch gegen Frankreich mit 14 Jahren empfunden hat.

Erinnerungen eines Berliner Jungen.

Wenn wir nicht mit Frankreich auf dem Kriegsfuße ständen, würde ich sagen: on revient toujors –, so aber will ich in meinem geliebten Deutsch ausdrücken, welch eigenartiges Gefühl sich unserer bemächtigt, wenn man an der Grenze zum Alter noch einmal die von überwältigender Begeisterung getragenen Zeiten durchlebt, die als stolzeste Erinnerung der Jugend tief im Herzen geborgen lagen.

Wir waren Jungens von dreizehn bis vierzehn Jahren, als König Wilhelm – für den Begriff Kaiser hatten wir noch keine Empfindung – seine Proklamation an das Volk richtete, und wenn wir auch schon zwei Kriege „mitterlebt“ hatten, solche jubelnde Begeisterung, solch brandendes Wogen freudigster Anteilnahme war neu. Ich weiß noch, wie mein Vater und unsere älteren Verwandten sorgenvoll die Köpfe zusammensteckten und darüber debattierten, ob Süddeutschland mit uns, den Preußen, gehen würde: als aber dies bestätigte Tatsache war, da freute sich jedes Herz, und alle Sorge um den Ausgang des Krieges war gewichen.

Auf unserem Werderschen Gymnasium, das unter Bonnells, des einstigen Pensionsvaters Bismarcks, trefflicher Leitung stand, waren die straffen Zügel des ortsüblichen Schulzwanges schon reichlich gelockert und unsere jugendliche Begeisterung interessierte sich erheblich mehr für die Kriegsnachrichten, als für die nachzuprüfende Beweiskraft mathematischer Lehrsätze. Wir waren ja sozusagen auch die nächsten dazu, denn die beiden Söhne Bismarcks waren unsere Primaner, und sie zogen mit anderen Primanern und vielen unserer Lehrer als Freiwillige hinaus, um unsere gerechte Sache zum Siege zu führen. Auch die beiden Hülsens waren Werderaner, und mir ist es so, als ob auch Dietrich v. Hülsen, der spätere Chef des Militärkabinetts, sich freiwillig zum Heer stellte, während der jüngere, Georg, der jetzige Generalintendant, friedlich mit uns in der Quarta saß und, weil er doch bei Kronprinzens verkehrte, uns manches harmlos Intime erzählen musste. Wir waren stolz, solche Nachrichten aus „erster Quelle“ weitergeben zu können, und in jugendlicher Selbsteinschätzung kamen wir uns den wenigen Unterrichteten gegenüber unsagbar wichtig vor.

Meine Eltern wohnten damals im Osten Berlins, in der Blumenstraße, nahe beim Residenztheater, und im Englischen Garten, einem baumbestandenen Restaurationshof in der Alexanderstraße, mit einem sehr, sehr bescheidenen Sommerbühnchen, war es, wo ich zum ersten Male „die Wacht am Rhein“ hörte. Das war ein Ereignis, denn dieses Lied war bis zu dieser Zeit unbekannt, obwohl es schon lange gedichtet war; seine glanzvolle Popularität, die durchschlagend alle Herzen bezwang, wurde damals geboren. Erst sang man wohl auch noch das Lied. „Sie sollen ihn nicht haben, den freier deutschen Rhein“, aber bald hatte sich der Sang „Es braucht ein Ruf wie Donnerhall“ die Alleinherrschaft errungen, und die Namen des Dichters und des Komponisten, Max Schneckenburger und Karl Wilhelm, wurden die populärsten unserer Zeit.

An jenem Abend stürzte ich voller Begeisterung nach Hause, und in jugendlicher Erregung erzählte ich, was ich Bedeutendes gelernt hatte; ich sang die Melodie, die dem Ohre noch fremd war, jedenfalls recht falsch, aber die Hauptsache war, dass ich den Kehrreim richtig behalten hatte, und mit heller Kinderstimme, die ich später zu einem freundlichen Tenor entwickelte, sang ich unermüdlich den unerfahrenen Meinen vor: Lieb Vaterland, magst ruhig sein, fest steht und treu die Macht am Rhein!

In den Schulstunden ging es, wie gesagt, schon erheblich formloser zu, und ein Zuspätkommen, das sonst mit der üblichen halben Stunde Nachsitzen bestraft wurde, war glatt entschuldigt, wenn man leuchtenden Auges erzählen konnte, dass man ausziehende Soldaten getroffen hatte. Und erst als die amtlichen, täglich nummerierten Kriegsdepeschen erschienen, die an der Litfaßsäule veröffentlicht wurden, da war es bei uns Schülern stillschweigendes Übereinkommen: erst kommen die Kriegsnachrichten und dann das Gymnasium.

Die Kriegsdepeschen kamen aus dem Hauptquartier und waren meistens v. Podbielski unterzeichnet, ein Name, der besonders volkstümlich wurde, als es später wochenlang in den Depeschen lakonisch heißt: „Vor Paris nichts Neues. v. Pobdbielski.“ Oft waren es auch Telegramme, die König Wilhelm an die Königin Augusta sandte, besonders, wenn es sich darum handelte zu berichten, dass „Fritz“ siegreich und mit Erfolg gekämpft hatte; dass dieser Fritz unser Kaiser Friedrich ruhmreichen Angedenkens war, brauchte ich dem Leser wohl nicht erst zu sagen.

Selbstverständlich spielte sich das öffentliche Leben und Treiben hauptsächlich Unter den Linden ab, und vor dem königlichen Schlosse, gegenüber dem Denkmal des alten Fritzen, staute sich die Menge, denn unter den Fenstern der Königin wurden die Kriegsdepeschen zuerst vorgelesen. Und als die Nachrichten von den ersten großen Siegen bei Weißenburg und Wörth kamen, als man es wusste, dass auch die süddeutschen Soldaten tapfer und todesmutig ihren Mann standen, da war man sich klar, dass das Schicksal des französischen Heeres besiegelt war. Bald danach kamen die Siegesdepeschen von Mars la Tour, von Gravelotte und Vionville , wenn ich aus der Erinnerung erzähle, dass sich vor Freude und Jubel fremde Männer auf der Straße umarmten und sich beglückwünschend herzhaft die Hände schüttelten. In heller Begeisterung kletterte da ein Bürschchen von höchstens acht Jahren auf das Fritzen-Denkmal und setzte einen Lorbeerkranz auf das königliche Haupt. Da öffnete oben die Königin ihr Fenster, winkte den Jungen zu sich ins Schloss und schenkte ihm zum Angedenken an diese Stunde eine wertvolle Tasse, die der forsche kleine Kerl glückstrahlend und beseligt im Laufschritt nach Hause trug.

Immerhin wurde auch von unseren schwachen Kräften ernstere Arbeit verlangt als Hurraschrein – wir zupften Charpie. Jeden Abend, wenn die Schularbeiten erledigt waren, und die waren schnell erledigt, gab uns unsere Mutter ein Stück Leinwand zum Zupfen, und wir hatten einen Trieb und einen Stolz, ein möglichst großes Quantum abliefern zu können; bald hatten wir (wir waren unserer sechs) eine Fertigkeit darin, das Gewebe zu zertrennen, erst eine Reihe Schutzfäden und dann die Kettenfäden; und weil in allen Familien mit einem wunderbaren Eifer gearbeitet wurde, muss eine Unmenge Verbandzeug geschafft worden sein. Der Bedarf war aber auch unendlich groß, denn damals war es mit der Lazaretteinrichtung wohl noch nicht so musterhaft bestellt, wie es fraglos heute der Fall ist, und wir hatten das freudige Bewusstsein, nach unseren schwachen Kräften zur Linderung der Schmerzen unserer armen Verwundeten beigetragen zu haben.

Wir Jungens hatten damals drei Lieder, die wir mit Begeisterung sangen; das waren „Ich bin Preuße“, „Heil dir im Siegerkranz“, und vor allen und immer zuerst „Die Wacht am Rhein“. Das war das Jubellied und Siegeslied, das überall zu hören war, denn „Deutschland, Deutschland über alles“ kam erst viel später auf Repertoire, weil ja in diesen Tagen das Deutschland erst in der Schmiede des eisernen Kanzlers auf dem Ambos lag. Dafür sangen wir zwischendurch die Kriegslieder, die die Laune des Tages geschaffen hatte.

Jede bessere Familie hatte damals in den ersten Augusttagen ihren eigenen Generalstab. Es wurde eine schöne große Karte vom Kriegsschauplatz gekauft und eine Menge kleiner bunter Fähnchen dazu, die an Stecknadeln befestigt waren; solche Fähnchen markierten die Regimenter, die im Felde standen, und wenn abends die Zeitungen mit den neuesten Berichten eintrafen, ging es ans Umsetzen der Fähnchen. Natürlich zogen unsere Farben immer weiter nach Westen, und wir Kinder lernten dabei praktisch Geographie. Nachher aber trat der Familienkriegsrat in Tätigkeit, und es wurde ernstlich erwogen, ob man Steimetz nicht morgen nach Süden oder Herwarth v. Bittenfeld nach Westen marschieren lassen müsste. Es war eine Lust zu leben, und eine Freude und Begeisterung trieb in allen Herzen, dass Jung und Alt mit Leichtigkeit die Opfer trug, die immerhin fühlbar zu tragen waren.

Auch die Theater passten sich der Zeitströmung an, und ich erinnere mich, dass an einer Bühne das Volksstück „An der Spree und am Rhein“ mit vielem Erfolg gegeben wurde. Das schönste Volksstück aber gab man im Wallner-Theater, es hieß „Gewonnene Herzen“ und war von Hugo Müller, dem damals beliebtesten und erfolgreichsten Schriftsteller und Bonvivant. Dem armen Müller ist es später betrüblich schlecht ergangen, er musste seine Besitzung in Honnef a. Rh. verkaufen und auf seine alten Tage mit Gastspielen an kleinen Bühnen dürftig das Leben fristen. Damals aber stand er am Gipfel seines Ruhmes, und sein Stück war gut. Ich konnte es wiederholt sehen, und in kührender Erinnerung steht mir noch heute der Schluss des vorletzten Aktes vor Augen, wo Toni, der Bursch vom bayrischen Hochland, vor der Entscheidung steht. Ein französischer Abbé, der Intrigant des Stückes, will ihn zu irgendeiner Schlechtigkeit verführen, er solle Verrat üben, glaube ich. Mit allen Listen redet dieser Franzose auf ihn ein, verspicht ihm alle Herrlichkeiten des Himmels und der Erde, und eine Liebesgeschichte ist natürlich auch dabei. Toni ringt auf der halbdunklen Bühne mit seinem Gewissen, er kämpft mit seinem besseren Ich, und fast ist er den gleißenden Lockungen schon unterlegen. Da setzt leise ein Orchester die Musik ein, melodramatisch begleitet sie die oben gesprochenen und geflüsterten Worte – und plötzlich klingt es von dem Berge, der an die Schlucht heranführt, in der der Hinterhalt gestellt worden: „Lieb‘ Vaterland, magst ruhig sein.“ Toni stutzt, sein besseres Gemüt siegt, mit kraftvoller Gebärde stößt er den teuflischen Versucher beiseite, und ebenso hell klingt es aus seinem Munde: „Fest steht und treu die Wacht am Rhein!“ Sein Herz war gewonnen.

Gott sei Dank, solchen Versuchungen sind wir heute nicht mehr ausgesetzt. Nord und Süd steht fest und treu zusammen, und Elsass-Lothringen sind deutsche Reichslande. Aber wenn der Himmel unserer gerechten Sach zum Siege verhilft, was wir zuversichtlich hoffen, dann mögen unsere Enkel sich von den stolzen Tagen erzählen lassen, die wir heute in schwerer Zeit durchleben.