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Familien helfen Familien

Bei den flüchtigen Ostpreußen

Die Hilfsbereitschaft der Berliner ist überwältigend. Einige erinnern sich noch an die Zeit von 1870/71

Mit den Frühzügen trafen heute wieder einige Hundert ostpreußischer Landbewohner in Berlin ein. Auf dem Schlesischen Bahnhof, auf den Bahnsteigen Friedrichstraße, Zoologischer Garten und Charlottenburg lagen die Gepäckstücke zu kleinen Bergen geschichtet. Und um das Wenige, was sie in eiliger Flucht zusammenraffen konnten, standen die Armen, die von der heimatlichen Scholle fliehen mussten. Ältere und jüngere Männer, Frauen und Kinder. Auch ein steinaltes Großmütterchen, das den Umstehenden immer wieder beteuert, sie hätte nie gedacht, auf ihre alten Tage noch „so etwas“ zu erleben. In der Erinnerung der alten Frau leben noch die großen Tage von 1870/71. Und indem sie das alles umständlich erzählt, lässt sie es an wütenden Bemerkungen gegen die Russen nicht fehlen. Sie beruhigt ihre Angehörigen mit der Versicherung, dass alle bald wieder in die Heimat zurückkehren werden. Es geht ihnen jetzt schlecht, den Brüdern aus Ostpreußen, aber alle stehen sie unter frommer Zuversicht und Siegesgewissheit.
Die Ostpreußen auf den Bahnhöfen geben nur ein kleines Bild von der großen Flucht. Die „Beratungsstelle für Flüchtlinge“ aber, die seit einer Woche den aus Belgien, England und Frankreich vertriebenen Deutschen mit Rat und Tat zur Seite steht, sah heute einen Massenandrang von hilfsbedürftigen Ostpreußen. Gestern war der Hilfsaufruf erschienen, und heute morgen standen an 100 Damen und Herren in der Säulenhalle, die zum Sitzungssaal führt; sie waren aus allen Teilen der Stadt gekommen, um ihre Hilfe anzubieten. Viele Ostpreußen waren unter ihnen, die nun seit langem in Berlin die neue Heimat gefunden haben, aber auch waschechte Berliner sind da, und sie können es kaum erwarten, ihr Hilfsanerbieten vorzubringen. Bogen werden ihnen überreicht, auf denen kurze Fragen nach der Art der Hilfeleistung vermerkt sind. „Wollen Sie Wäsche, Kost oder Wohnung geben?“ „Alles!“ ruft ein behäbiger, gutmütiger Mann, „Jeben Sie mir ‚n paar Kinderchen dazu! …“ Und bald darauf zieht er mit Mutter, Vater und zwei niedlichen Mädchens glückstrahlend ab.

Im Saale geht es zu wie in einem Warenhaus. Auf den Bänken der Seitenwände liegen große Koffer und Schachteln, gefüllt mit Kleidern und Wäsche. Da sieht man Kinderhemden und Kleider, aber auch schöne Straßenkostüme für anspruchsvollere Damen. Und Herrenanzüge in allen Farben. Paletots, Hüte und – Regenschirme. Kurz – hier kann alles verschenkt werden. Mit Rührung und Staunen sieht man, wie über Nacht das Warenhaus zur öffentlichen Hilfstätigkeit entstanden ist. Die Kleiderrechen biegen sich unter ihrer Last. Und immer neue Ladungen treffen ein. Eine elegante Dame erscheint mit ihren beiden Töchtern. Sie schleppen große Koffer über die breite Treppe und stehen dann aufatmend vor dem Tisch, an dem die Damen und Herren des Hilfskomitees – im Beisein von Vertretern des Reichsamts des Innern – Listen führen über alle Eingänge. Hier werden die Angebote entgegengenommen. Inzwischen wickelt sich bei der Ausgabestelle alles glatt ab. Da probiert ein junger Mann den grauen Anzug, der beinahe passt, schließlich aber doch durch einen noch besser passenden ersetzt wird. Kinder werden eingekleidet und sind stolz auf die neuen Moden, in denen sie sich jetzt den Eltern zeigen können, denen inzwischen die Wohnungen zugewiesen wurden. Für alle ist vorläufig gesorgt.

Niemals sah man so viel rührende Hilfsbereitschaft, wie sie sich jetzt für jene kundgibt, die, mehr als alle anderen Daheimgebliebenen, unter dem Schrecken des Krieges zu leiden haben. Man konnte heute feststellen, dass das Angebot die Nachfrage überstieg. Heute waren mehr Hilfsbereitschaft als Hilfsbedürftigkeit vertreten. Und wenn die nächsten Tage dasselbe Ergebnis zeitigen, dann wird für alle Ostpreußen gesorgt sein.