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Tausende russische Gefangene entlang der Ostfront

Beim Ostheer

Unser Korrespondent reist mit den deutschen Truppen an die Ostfront und berichtet für uns von seinen Eindrücken.

(Von unserem zum östlichen Kriegsschauplatz entsandten Korrespondenten.)

Hauptquartier, 24. August.

„Auf Zuwiderhandelnde wird sofort geschossen!“ – Dieser mit großen Buchstaben gedruckte Schlusssatz einer Eisenbahn und Brücken betreffenden Bekanntmachung auf dem Bahnhofe des westpreußischen Städtchens kündete uns bei unserem Eintreffen sofort den ganzen Ernst der Lage und den nicht fernen Schauplatz kriegerischer Ereignisse im Osten.
Und als Ergänzung fielen unsere Blicke, als wir nach 25-stündiger Eisenbahnfahrt von Berlin aus den Wartesaal des hiesigen Bahnhofs betraten, auf einen verwundeten Offizier, der den linken Arm verbunden in der Schlinge trung, und auf eine Gruppe von Frauen und Kindern, die aus einem der Grenzorte hier eingetroffen, mit Sack und Pack verschüchtert zusammensaßen, ihrer Weiterbeförderung harrend. Wir, die fünf zum Ostheer zugelassenen Berichterstatter denen die Nacht in den einzelnen Abteilen des und zu Verfügung gestellten Wagens wenig Schlaf gebracht, konnten nun in Ruhe unsere Eindrücke, Vermutungen und Hoffnungen austauschen. Unser umsichtiger Generalstabshauptmann hatte sich in die Stadt begeben, um die nötigen Quartiere für uns und die Ordonnanzen zu besorgen, die letzteren luden unterdessen unsere Gefährte, Rößlein und Gepäck aus, und als unser militärischer Führer und Begleiter mit den Einquartierungszetteln zurückkam, da konnte sofort der gemeinsame Einzug in das sonst gewiss sehr beschauliche und trauliche Städtchen stattfinden.

Soldau 1914 Quelle: Stahlgewitter

Soldau 1914
Quelle: Stahlgewitter


Sonst – jetzt nicht mehr! Auf Schritt und Tritt militärisches, kriegsmäßiges Leben und Treiben! Bunte, oft malerische Szenen überall im Gegensatz stehend zu – den ihr Obst, Gemüse, Kartoffeln friedlich feilhaltenden Höferinnen auf dem kleinen Marktplatz, auf den das rotgedeckte Türmchen des schlichten Rathauses gemütlich herabschaut und auf den die Fenster verschiedenster, in Eile errichteter militärischer Bureaus gehen. Es schwirrt und wirrt durcheinander von Soldaten aller Waffengattungen und Grade, die mannigfachsten Uniformen tauchen auf. Säbel klappern und Sporen klirren, auch manch geruhsamer Bürger trägt des Königs Rock, das künden die Schmisse auf den gebräunten Gesichtern der Adjutanten des Etappenkommandos, die, soweit es nur irgend möglich, alle Wünsche liebenswürdig erfüllen. Auffallend ist die beträchtliche Zahl der gespornten und bewaffneten Postbeamten, denen der jetzt wohl nicht übermäßige Dienst mit dem gelösten Briefgeheimnis noch genügend Zeit zu kühnen Reiterübungen und russischen Sprachstudien lässt.

Immer von neuem ertönen die schrillen Hupsignale der grauen Kriegsautos, vor denen die kleineren Trupps von Burschen geführten, gezäumten und ungesattelten Pferde keinerlei Scheu mehr haben; lange Züge von Verpflegungs- und Feldküchenwagen rattern über das holprige Pflaster, das rote Kreuz auf weisem Felde weht uns häufig entgegen, auch auf sehr langsam fahrenden Autos, deren größere Hälfte mit einem Plantuch bedeckt und deren Ziel das Lazarett ist. „Feld-Königen-Wagen“ steht auf einzelnen Gefährten, die jetzt aufgehalten werden durch eine Herde von Schlachtvieh, denen hochverpackte Heu- und Kartoffelwagen, von Trainsoldaten gelenkt folgen. Dazwischen Feldgendarmen, Sanitätsmannschaften, Pflegerinnen und fromme Schwester. Die gesamte Bevölkerung hat sich opferfreudig in den Dienst der Nächstenliebe gestellt und übt ihn hingebungsvoll aus, wozu in diesen Tagen sich häufig wiederholende Gelegenheit bietet. Mancherlei Erzählungen der Verwundeten sickern durch, wie sie stets gegen eine große Übermacht zu kämpfen hatten, welche Ausdauer und Angriffslust unserer braven Truppen bewiesen, wie sie trotz Ermüdung und Ermattung immer wieder vorgegangen. Ein arg zugerichteter Wachtmeister erzählt, wie er bei Soldau mit seine Schwadron mitten in der feindlichen Kavallerie gewesen. „Wir glaubten nicht mehr herauszukommen. ‚Jugens,‘ rief ich den Leuten zu, ‚wir wollen unser Leben teuer verkaufen!‘ Und da hieben wir rechts und links, dass die Lappen flogen, auch wir bekamen tüchtig was ab, mancher blieb, aber mit lautem Hurra drangen wir durch – wir hatten es nicht mehr erhofft – und wurden mit lautem Hurra von den Umrigen in den Schanzgräben begrüßt! Ganze Haufen Gefangener fanden wir dann später!“

Die bei Soldau und bei Gumbinnen-Insterburg gemachten Gefangenen müssen nach Tausenden und Abertausenden zählen. Ist die Dämmerung herabgesunken, dann langen hier zu kurzem Aufenthalt lange Eisenbahnzüge mit russischen Gefangene an. Offiziere und Soldaten sind von völlig entmutigtem Wesen, schlecht uniformiert und noch schlechter verpflegt. Ein Infanteriehauptmann traf hier barfüßig ein und suchte seine völlig zerrissene Uniform mit einem langen, arg zerschlissenen Mantel zu verhüllen; er konnte ganz gut Deutsch und meinte: „Den Einzug in Deutschland haben wir uns anders vorgestellt.“

Mit dem russischen Einbruch an unbeschützten Stellen Westpreußens rechnen doch viele Bewohner der zunächst gefährdeten Ortschaft. Mit der Bahn wie auf allerhand Gefährten, in wackeligen Kaleschen und auf steilen Leiterwagen, in allerhand notdürftig zusammengeflickten Karräten, von mageren Kleppern, die oft zehn- und zwölfjährige Knirpse reitend lenken, gezogen, langen hier täglich die Flüchtlinge an. Nur wenig Hab und Gut führen sie mit sich, vor allem ward dabei der vielen Kinder gedacht, die, wie aus einem Nest, aus den Heubündeln blondköpfig und blauäugig herausschauen, frisch und munter, während ihre Mütter noch deutlich die ausgestandene Angst und die Sorge um die zurückgefallene Habe verraten. Aber spricht man mit ihnen, so ist man verwundert über ihre Gelassenheit, und mit welcher Ruhe sie sich ins Unvermeidliche fügen. Das fällt einem auch sonst bei der übrigen Bevölkerung auf, die mit stolzer Genugtuung, aber ihne lautes Jubelieren, die Siegesbotschaften aus dem Westen vernimmt, in dem festen Vertrauen, dass die deutsche Wacht im Osten bis zum letzten Blutstropfen ihre Schuldigkeit tun wird. und die auch keine Besorgnis bei all den Gerüchten von einem Eindringen russischer Truppen in bestimmte unbefestigte Grenzgebiete hegt. Ähnlich wie im oberen Elsass rechnet auch hier der überwiegende Teil der Einwohnerschaft mit einem solchen Vorkommnis. „Wir werden sie dann schon wieder ´rausbringen, und den Schaden sollen sie uns hundertfach bezahlen!“

An Gerüchten ist natürlich kein Mangel. Bismarcks Wort, dass nirgends so viel gelogen wird, wie bei einem Kriege, einer Jagd und einer Wahl, bewahrheitet sich von neuem. Selbstverständlich wird das Schlimme eher geglaubt als das Günstige. Auch an allerhand Romantik fehlt’s nicht, ein kleiner Teil hätte Gregor Samarow zu einem langen, spannenden Roman genügt. Da sollen gleich nach Verkündung der Mobilmachung deutsche Reiter in polnischer Nationaltracht mit flatternder Fahne durch die hauptsächlich von Polen bewohnten Dörfer gesprengt sein, jubelnd ausrufend, dass nun das lange Sehnen der Polen erfüllt und wieder ein polnisches Reich begründet werden würde, die Jünglinge und Männer zum Kampfe gegen Russland auffordernd; da werde allerhand Verrätereien und Spionagegeschichten berichtet, mit Verkleidungs- und Entdeckungsszenen; da ist man geheimnisvollen Lichtsignalen auf die Spur gekommen, und nach der Festnahme knallten die Gewehre!

Von anderer, unbedingter Glaubwürdigkeit sind dagegen die Berichte der schönen, schlanken, trotz des herangewachsenen Sohnes noch so jugendlichen Schwester meines Quartierwirtes, eines sehr angesehenen Bürgers, von den Schreckenstagen in Antwerpen, die sie miterlebt. Seit einer Reihe von Jahren in der belgischen Hafenstadt wohnend, in der ihr Mann ein Getreideausfuhrgeschäft betreibt, konnte sie sich mit ihrem Sohn – ihr Gatte war sofort ausgewiesen worden – noch im letzten Augenblick unter den äußersten Gefahren retten. „Das Furchtbarste, was die Zeitungen gebracht, ist leider wahr,“ betont sie eindringlich. „Nie werde ich die selige Minute vergessen, als wir nach einer Wanderung von acht Kilometern die ersten preußischen Solddaten sahen, die uns schon aus der Ferne zuwinkten und zuriefen. Da fühlten wir uns endlich geborgen! Und fühlen dies auch hier, genau wie am Rhein. Wo Deutschlands Fahnen wehen, sind wir in gutem Schutz!“

Paul Lindenberg,

Kriegsberichterstatter beim Ostheer.