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Österreichisches Ultimatum

Bekanntgabe des deutschen Standpunkts an Frankreich

Laut französischen Medien hat ein deutscher Diplomat der Regierung in Paris mitgeteilt, dass das Deutsche Reich an der Seite Österreich-Ungarns steht. Dies ist wohl auch als Warnung an Frankreich und Russland gedacht.

Paris, 25.Juli

Das „Echo de Paris“ meldet an der Spitze seines Blattes, dass der deutsche Botschafter gestern am Quai d‘Orsay vorsprach und eine längere Unterredung mit Herrn Bienvenu-Martin hatte. Das Blatt glaubt zu wissen, Herr v. Schoen habe dem französischen Minister eine Note überreicht, in der folgendes erklärt werde:

1. Die deutsche Regierung billigt vollkommen die Note, die Österreich an Serbien gerichtet hat.

2. Die deutsche Regierung hofft, dass die Diskussion zwischen Wien und Belgrad lokalisiert bleibe.

3. Die deutsche Regierung macht darauf aufmerksam, dass, wenn eine dritte Macht in die Diskussion eintreten würde, sich daraus eine große Spannung zwischen den zwei großen Mächtegruppen in Europa entwickeln könnte.

Dagegen meldet der „Petit Parisien“, dass Frankreich und Russland schon gestern morgen Schritte unternommen haben, um den Frieden zu sichern. Mit einem Schlage erkennt man hier den Ernst der Lage und das Geschwätz über die intimen Briefe der Frau Gueydan beginnt nachzulassen. Die Rente ist gestern unter 80 gesunken, ein Tiefstand, den sie seit Jahrzehnten nicht erreicht hat. Man erzählt sich, Herr Viviani, der Minister des Äußeren und Ministerpräsident, der heute früh im Gefolge des Präsidenten Poincaré in Stockholm eintrifft, seine Reise unterbrechen werde. Sicher ist, dass der Stellvertreter des Ministerpräsidenten Bienvenu-Martin alle Telegramme und den Wortlaut der Note nach Stockholm gemeldet. Heute wird es sich entscheiden, ob Viviani direkt nach Paris zurückkehrt, oder ob er zusammen mit Herrn Poincaré nach Christiana und Kopenhagen reisen wird. Die Stimmung ist hier sehr ernst, doch gibt man noch nicht alle Hoffnung auf. Der „Matin“ erklärt, dass Russland wünscht, Österreich-Ungarn möge seine Aktion noch verschieben, damit die Mächte Zeit hätten, das Schriftstück das ihnen gestern überreicht wurde, genau zu studieren. Eine Lösung von gesunder Vernunft, zu der Europa sich finden müsse.

Die „Action“ nennt das Vorgehen Österreich-Ungarns eine unqualifizierbare Herausforderung, und sie fügt hinzu, ein Punkt sei ganz klar: genau wie im Augenblick der Annexion Bosniens und der Herzegowina unterstütze Deutschland auch jetzt die schauderhaften Prätentionen Österreichs. Deutschland billige die flagrante Verletzung des Souveränitätsrechts, zu der sich Österreich unter Verletzung aller internationalen Gebräuche habe hinreißen lassen. Die günstigste Hypothese für den europäischen Frieden wäre, wenn Serbien in gewissen Punkten nachgebe und über die unannehmbarsten Artikel eine Diskussion Vorschläge, die Wien nicht zurückweisen könnte. Dagegen würde der Vertrag von Budapest in Wirksamkeit treten. Alle Balkanstaaten würden in einen dritten Krieg hinein gezwungen werden und Russland stände vor einem Dilemma, das so ernst ist, dass man seine Alternative kaum auszusprechen wagt. Die radikale „Lanterne“ fordert Serbien unumwunden auf, Widerstand zu leisten. „So sehr man den Frieden liebt“, so schreibt das Blatt, „so gibt es doch Stunden, wo man sich zu der Gewalt entschließen muss, um der Gewalt zu begegnen. In solchen Stunden ist der Krieg die heiligste aller Pflichten“. Auch George Elemenceau hält den Konflikt für unvermeidlich. „Wenn Serbien,“ so meint er in seinem „Homme Libre“, „sich auf die österreichischen Vorschläge einlässt, würde es dem Kabinett von Wien ein unbegrenztes Feld der Interventionsmöglichkeiten einräumen. Noch unmöglicher wäre es, die von Österreich geforderte Ausschließung aller serbischen Offiziere zu bewilligen, die des serbischen Nationalismus verdächtig sind. Wenn eine Regierung wie die in Wien einen so ernsten Entschluss fasste, und zwar nach einer so langen Zeit der Überlegung, so kann man sicher sein, dass alle Wege der Vermittlung geschlossen sind.“

Jaurès erklärt in der „Humanité“: „Wenn Österreich den Beweis bringt, dass Serbien wirklich gegen die Existenz der Doppelmonarchie gearbeitet hat, so wird ganz Europa fordern, dass das Königreich alle Garantien gibt, die mit seiner nationalen Existenz vereinbar sind. Wenn aber Österreich mehr verlangt, so übernimmt es die Verantwortlichkeit, einen Krieg zu entfesseln, der ganz Europa in die größte Katastrophe stürzen könnte.“ Der Führer des französischen Sozialismus fügt denn ebenso wie Clemenceau bitter Verachtung über das Regime hinzu. „Wann werden wir Franzosen,“ so schreibt er, „die wir vielleicht mit in den Strudel gerissen werden sollen, bei uns eine Regierung haben? Unser Präsident reist umher; unser Ministerpräsident und Minister des Äußeren ist auch auf Reisen. Vielleicht wird der Krieg ausbrechen, während alle entscheidenden Persönlichkeiten außerhalb des Landes sind. Ich nehme an, dass unsere Gebieter in Petersburg nichts von dem Schlage gewusst habe, der sich vorbereitete“.