Das Berliner Tageblatt

Das Berliner Tageblatt erschien von 1872 bis 1939 und war während der letzten Jahre des Kaiserreiches sowie in der Weimarer Republik neben der Vossischen Zeitung das einflussreichste Hauptstadtblatt. Gemeinsam mit der Frankfurter Zeitung standen das Berliner Tageblatt und die Vossische für qualitativ hochwertigen Journalismus, der offen mit den Ideen und Gedanken des politischen Liberalismus sympathisierte, dabei allerdings parteipolitisch ungebunden war. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges lag die Auflage bei 245.000 Exemplaren. Das Berliner Tageblatt wandte sich in erster Linie an ein gebildetes bürgerliches Publikum.

Das Berliner Tageblatt war ein Kind der Reichsgründung, erstmals erschienen am 1. Januar 1872. Mit der Gründung der Zeitung – zunächst als Anzeigenblatt der Geschäftswelt – legte Rudolf Mosse den Grundstein für den ersten Pressekonzern Deutschlands. Unter der Leitung des legendären Chefredakteurs Theodor Wolff avancierte das Berliner Tageblatt zwischen 1906 und 1933 zur Stimme einer Ära. Zu den bekanntesten Mitarbeitern zählten in den Weimarer Jahren Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Zugleich trug das Berliner Tageblatt die Züge eines Familienunternehmens: Nach dem Tod Mosses im Jahre 1920 übernahm sein Schwiegersohn Hans Lachmann-Mosse die verlegerische Leitung.

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stand das liberale Blatt zunächst unter Beschuss von links: Am 5. Januar 1919 wurde der Sitz der Zeitung im Rahmen des so genannten Spartakus-Aufstandes für eine Woche von bewaffneten Teilnehmern einer von der USPD organisierten Demonstration besetzt. Erst die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete jedoch das Ende der politischen Unabhängigkeit des Berliner Tageblatts. Am 10. März 1933 wurde das Blatt nach § 1 der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933 für drei Tage verboten. Schon am 3. März 1933 hatte Lachmann-Mosse den Chefredakteur Wolff entlassen, der nach dem Reichstagsbrand aufgrund seiner deutlichen Kritik am NS-Regime und seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland geflohen war. Die Zeitung wurde gleichgeschaltet und am 31. Januar 1939 eingestellt. Die Nachfolger von Wolff waren zunächst Paul Scheffer, dann Eugen Mündler, der nach der Schließung der Berliner Tageblatts 1939 gemeinsam mit anderen Mitarbeitern zu der von Joseph Goebbels herausgegebenen Wochenzeitung Das Reich wechselte.

Ähnlich wie die Frankfurter Zeitung lavierte auch das Berliner Tageblatt während der Jahre der NS-Herrschaft zwischen politischer Anpassung und einer eigenwilligen Dialektik, die von den Mitarbeitern – und gewiss auch von etlichen Zeitzeugen – als Widerspruch zwischen den Zeilen begriffen wurde. Die Journalistin Margret Boveri hat über diesen Weg der Redaktion, den sie miterlebte, ein Buch mit dem Titel „Wir lügen alle“ geschrieben, das nach dem Krieg veröffentlicht wurde.