Kultur & Gesellschaft > Die Frau >

Bertha von Suttner

Bertha v. Suttners letzter Brief an die deutschen Frauen

In ihrem letzten Brief an die Frauen hat sich die Frauenrechtlerin Bertha von Suttner kurz vor ihrem Tod deutlich gegen den Krieg und für die politische Mitbestimmung von Frauen ausgesprochen.

Liebwerte Schwestern!

Da die Umstände es mir leider verwehrt haben, in Ihre Mitte zu kommen, so will ich doch schriftlich an der ersten Tagung des „Frauenbundes der deutschen Friedensgesellschaft“ teilnehmen, indem ich der großen freudigen Genugtuung Ausdruck gebe, die ich darüber empfinde, dass sich ein solcher Bund gebildet hat. Seien Sie mir begrüßt und beglückwünscht, verehrte Kämpferinnen.

Denn als solche werden Sie sich bewähren müssen: Es wird Ihnen nicht ganz leicht gemacht werden, für die pazifistischen Ideale einzutreten. Auch unter den Frauen selber dürften Ihnen viele Gegnerinnen erwachsen. Es ist durchaus nicht richtig, wie manche behaupten, die in der Friedensbewegung nur eine unmännliche Sentimentalität sehen, dass alle Frauen von Natur aus dem Kriege abhold sind. – Nein, nur die fortschrittlich gesinnten Frauen, nur solche, die sich zu sozialem Denken erzogen haben, sind es, die die Kraft haben, sich von dem Banne tausendjähriger Institutionen zu befreien, und zugleich die Kraft aufbringen, dieselben zu bekämpfen.

Die Zeit rückt immer näher, da die Frauen im Rat der Völker in der Lenkung politischer Dinge Sitz und Stimme besitzen werden, es wird ihnen daher möglich sein, gegen das, was sie als Kulturschäden erkannt haben, nicht lediglich zu protestieren, sondern an der Umwandlung der Zustände tätig und praktisch mitzuwirken.

Dabei werden und dürfen sie ihre spezifischen weiblichen Eigenschaften, als da sind: Milde, Reinheit, Mitleid, warme Menschenliebe, nicht zurückdrängen, sondern in der Erlangung einer höheren Zivilisationsstufe mit in den Dienst stellen.

Nicht als ob es Aufgabe und Bestimmung der Frauen wäre, allein die kriegslose Kultur herbeizuführen; doch ist ihre Mitarbeit zur Beschleunigung und Erreichung unerlässlich. Zur Stunde sind gar viele männliche Kräfte am Werke, den Krieg abzuwehren, den unerträglich gewordenen Rüstungen ein Ziel zu setzen, die verletzten Völker miteinander zu versöhnen, die Treibereien der Interessenten der Waffenfabrikation zu entlarven. Wir sehen, dass die Juristen, die Völkerrechtler, die Nationalökonomen, die Arbeiter und die Handelsleute – jeder von seinem Standpunkt – die Ergebnislosigkeit des Krieges und die Schädlichkeit der allen Wohlstand untergrabenden Rüstungen anklagen; wir lesen die genialen Bücher eines Norman Angell, die den mathematischen Beweis erbringen, dass keine Landeseroberung noch Gewinn bringen kann – kurz: politisch und ökonomisch, logisch und soziologisch wird dem anarchistisch gewordenen System der gegenseitigen Menschenabschlachtungen entgegengearbeitet. Auch zahlreiche Geistliche verschiedenster Bekenntnisse beginnen, sich pazifistisch zu organisieren, und nun treten die Frauen auf den Plan. Da fragt es sich, welche besondere Aufgabe fällt diesen zu? Eigentlich können wir, soweit unsere Kenntnisse und Einflüsse reichen, auf all den oben genannten Gebieten uns betätigen, denn heute sind uns ja keine sozialen Studien mehr verwehrt, und täglich stehen und mehr öffentliche Ämter offen.

Aber noch eines mehr können wir tun, vor dem die meisten Männer sich zurückhalten, weil sie nicht als schwachmütig und rührselig erscheinen wollen: lassen wir unsere Herzen sprechen. Im Namen der Liebe, diesem heiligsten aller Gefühle, das ja als die eigentliche Domäne des Weibes gilt, im Namen der Güte, die ja erst den Menschen „menschlich“ macht, im Namen des Gottesbegriffs, zu dem sich unsere Ehrfurcht erhebt, wollen wir den Krieg bekämpfen; nicht nur, weil er sich nicht mehr auszahlt und daher eine Torheit ist, sondern weil er grausam und daher ein Verbrechen ist. Das soll in all dem Aufwand von politischen und ökonomischen Argumenten nicht vergessen werden. Desto besser, wenn sich der Verstand auch gegen den Krieg auflehnt, aber unterdrücken wir darum nicht die Empörung unserer Herzen. Nicht nur das Denken und Erkennen, das Rechnen und Schlussfolgern zeugt von unseren Seelenkräften, sondern auch das Fühlen. Klar und scharf sollen unsere Gedanken sein, warm und edel die Gefühle – erst so ist die volle Menschenwürde erreicht. Richtige Schlüsse ziehen ist schön – begeistert sein, ist schöner. Leidenschaft brauchen wir, um zu handeln und zu wirken – nur Leidenschaft reißt hin.

Zu den Gefühlen, die uns der Krieg einflößt, gehört leidenschaftlicher Mitschmerz; denn die Gräuel, die himmelschreienden Leiden, die er verursacht, gehen schon über die Grenzen des Erträglichen hinaus. Er nimmt ja täglich mit jeder neuen Heeresverstärkung, jeder neuen Erfindung an Fürchterlichkeit zu. Warten wir nur, bis die Details aus den Balkankämpfen uns zur Kenntnis kommen – die Verjagten, die Massakrierten, die Verhungerten, die lebendig Verbrannten … nein, gegen das alles darf man sich nicht verschließen. All dem Elend muss man ins Gesicht sehen, aber nicht, um es als Unglück zu beklagen, sondern als Schlechtigkeit anzuklagen! Denn es ist keine Elementarkatastrophe, es ist das Ergebnis menschlichen Irrwahns und menschlicher Fühllosigkeit. Also lassen wir uns durch den Vorwurf der Sentimentalität nicht abschrecken. Wir haben das Recht, wir Frauen, unsere Gefühle zu zeigen. Seit jeher, auch schon zu Römerzeiten, hatten die Mütter das Privileg, den Krieg zu hassen. Lassen wir uns ja diesen instinktiven Hass – der ja nur eine intensive Form von Menschenliebe ist – nicht rauben; er soll unter den mannigfaltigen Massen die unsere neue Zeit gegen barbarische alte Institutionen schmiedet, vielleicht eine der wirksamsten, gewiss eine der edelsten sein. Also, liebe Schwestern, ans Werk und seid standhaft! Montecuculi sagt: „Zum Kriegführen braucht man Geld, Geld und wieder Geld.“ Ich will nicht sagen, dass wir das Ding unserer Kampagne nicht auch gut brauchen könnten; aber die Hauptsache ist doch: Ausdauer, Ausdauer und noch einmal Ausdauer!

Ich hoffe, noch viele vom „Frauenbund der deutschen Friedensgesellschaft“ zu hören. Und ich lade Sie herzlich ein, uns eine Abordnung des Bundes zum 21. Weltfriedenskongress nach Wien zu schicken. Eine Kundgebungsversammlung Ihnen gleichgesinnter Wiener Frauen ist auf das Programm gesetzt.

Wie würde ich mich freuen, Ihnen allen die Hand drücken und ins Auge schauen zu können!

Mit diesem Flugblatt wendet sich der „Frauenbund der deutschen Friedensgesellschaft“ zum ersten Male an die breite Öffentlichkeit. Näheres über den Bund ist zu erfahren durch Frau Professor Eudritz, Cannstatt bei Stuttgart. Ulrichstraße. Auch sind die Vorstände der Ortsgruppen der Deutschen Friedensgesellschaft gern zu jeder weiteren Auskunft bereit.