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Wagner und Mendelssohn pflegten Freundschaft

Wagner und Mendelssohn

Bisher unveröffentlichte Briefe werfen ein neues Licht auf die Beziehungen zwischen den beiden Komponisten.

Richard Wagner hat Mendelssohn 1835 kennen gelernt, als er selbst noch ein unberühmter Theaterkapellenmeister war, der um vier Jahre ältere Tondichter aber bereits auf der Höhe seines Lebens stand. Die beiden Männer sind sich dann häufiger begegnet und haben zweifellos anregenden Verkehr gepflogen. Mendelssohn hat den großen Aufstieg Wagners nicht mehr erlebt; aber er hat noch den „Fliegenden Holländer“ in Berlin und den „Tannhäuser“ in Dresden gehört und am 14. Februar 1846 die „Tannhäuser“-Ouvertüre bei ihrem ersten Erscheinen im Leipziger Gewandhaus dirigiert. Er schätzte Wagner, obwohl seine Kunstideale andere waren, und äußerte gelegentlich zu Rubinstein: „Ein Mensch, der Text und Musik zu seinen Opern selbst schreibt, ist jedenfalls kein gewöhnlicher Mensch.“ Es ist durch einwandfreie Zeugnisse erwiesen, dass auch Wagner für Mendelssohn aufrichtige Verehrung an den Tag gelegt hat. Er pflegte ihn „das größte spezifische Musikergenie, das der Welt seit Mozart erschienen ist,“ zu nennen. Leider sind im Gedächtnis der Nachwelt nur die Angriffe halten geblieben, die Wagner später (1850) in seiner Schrift „Das Judentum in der Musik“ wie gegen Meyerbeer so auch gegen Mendelssohn richtete. Um so wichtiger müssen Briefe Wagners erscheinen, die bisher um stillen Besitz der Familie Mendelssohn geblieben waren, und bis jetzt Professor Albrecht Mendelssohn-Bartholdy zum ersten Mal im Programmheft eines Würzburger Musikheftes veröffentlicht. Der hochgeschätzte Gelehrte tut es mit so vornehmer Zurückhaltung, ohne auf die naherliegenden Folgerungen aus solchem Gesinnungswechsel einzugehen, dass auch wir seinem Beispiel folgen wollen. Aber die Briefe sind so hübsch und für das Verhältnis der beiden Meister so bezeichnend, dass sie verdienen, einem breiteren Leserkreise unterbreitet zu werden. Sie lassen die wahre Meinung Wagners jedenfalls besser erkennen als die durch sinnlosen Fanatismus getrübten Ausführungen einer zu tendenziösen Zwecken verfassten Schmähschrift.

Der erste der vier Briefe ist aus Magdeburg datiert und nimmt auf Wagners Jugendsymphonie Bezug, die der Meister kurz vor seinem Tode in Venedig aus den Stimmen wiederherstellen und aufführen ließ. Die Partitur hat sich in Mendelssohns Nachlass nicht aufgefunden. Dem allmächtigen Gewandhausdirektor wurden ja so viele Werke zugeschickt! Das Schreiben lautet:

Magdeburg, den 11. April 1836

Verehrter Herr!
Ich führe den Streich aus, den Sie so gütig waren, im voraus einen gescheiten zu nennen, und bitte Sie beiliegende Symphonie, die ich 18 Jahre alt schrieb, als Geschenk von mir anzunehmen; ich wüsste für sie keine schönere Bestimmung. Ich mache als Gegengeschenk auf nichts weiter Anspruch, als dass Sie dieselbe in irgend einer Mußestunde einmal durchlesen möchten, vielleicht reicht sie hin, Ihnen einen Beweis meines redlichen Bestrebens und meines Fleißes zu geben und ich bedarf dieser günstigen Vormeinung von Ihnen, da Sie mich vielleicht verdammen würden, wenn Sie, ohne diese Basis meiner Studien zu kennen, sogleich meine neueren Kompositionen beurteilen sollten. Das Wünschenswerteste aber wäre mir, wenn die Bekanntschaft mit mir, die Sie durch diese Symphonie machen werden, Sie mir einigermaßen näher führen sollte.

Mit Verehrung,
Ihr ergebenster
Richard Wagner

Einen ungemein herzlichen Ton schlagen die folgenden Zeilen an:

Mein lieber, lieber Mendelssohn,

ich bin recht glücklich darüber,dass Sie mir gut sind. Bin ich Ihnen ein kleines wenig näher gekommen, so ist mir das das Liebste von meiner ganzen Berliner Expedition.

Ihr
Richard Wagner
Berlin, 10. Januar 1844

Interessant ist das Datum. Am 9. Januar, also am Tage vorher, war im Schauspielhause die zweite Aufführung des „Fliegenden Holländers“ gewesen, zu dessen Direktion Wagner aus Dresden herübergekommen war. Mendelssohn, der im Winter 1843/44 auf Wunsch Friedrich Wilhelms IV die Symphoniesoireen der königlichen Kapelle und de Domkonzerte leitete, hatte schon der ersten Aufführung (7. Januar) beigewohnt. Sollen wir nach Kenntnisse dieses warmen Abschiedsgrußes nun noch weiter an die kühle Zurückhaltung Mendelssohns glauben, von der der Wagnerbiograph Blasenapp (II, S. 59) berichtet? Was für ein Heuchler und Streber müsste Wagner gewesen sein! *) Dass die Beziehungen der beiden Meister zueinander auch weiterhin freundschaftlich geblieben sind, dafür sprechen die beiden letzten der Albrecht Mendelssohn mitgeteilten Briefe, deren Inhalt eines weiteren Kommentars nicht bedarf.

Mein hochverehrter Freund,
ich habe mich sehr anzuklagen einer recht wichtigen Veranlassung Ihnen zu schreiben und mich mit Ihnen zu unterhalten, nicht bereits lange schon wahrgenommen zu haben. Erlassen Sie mir alle Entschuldigungen, die auf wirklicher Überbeschäftigung beruhen, und seien Sie dagegen versichert, dass es mir wahrhafte und große Freude macht, mich nach ziemlich langer Unterbrechung Ihnen einmal wieder nähern zu können. Die erwähnte Veranlassung wird mir diesmal durch den hiesigen Comité für Webers Denkmals-Errichtung an die Hand gegeben; ich bin durch ihn beauftragt, mich persönlich an Sie zu wenden, um Sie zu ersuchen, der Sache, um die es sich hier handelt, Ihre außerordentliche wichtige Tätigkeit zur Mithilfe zuwenden zu wollen. Nachdem wir unserm schwärmerischen Verlangen, Weber auch in seinen irdischen Überresten wieder bei uns zu haben, durch die Übersiedlung derselben von London nach Dresden Genüge geleistet haben, wünschten wir diesen Beweisen einer innigen Liebe, die uns an den teuren Tondichter fesselt, auch noch ein großes öffentliches Siegel für alle Zukunft aufzudrücken, und zwar, wie Sie bereits wissen werden, durch ein in Dresden zu errichtendes Monument. Die haben bereits auch erfahren, was vonseiten Berlins, nach dem Vorgange Dresdens für dieses Unternehmen getan worden ist, können sich aber wohl auch denken, dass noch viel mehr geschehen muss. Lange nun hatte ich schon den Auftrag, vor allen Dingen zu suchen, Sie für die Sache zu gewinnen; dass ich so spät erst daran gehe, diese angenehme Pflicht zu erfüllen, macht mich ganz alleine strafbar, und ich habe nur Ihre Nachsicht und Verzeihung für diese Schuld anzusprechen. Nun, mein liebster hochverehrter Mendelssohn, lassen Sie sich jetzt meine einfache Bitte genügen, der Unsere sein zu wollen! Tun Sie, was Sie eben können, um unsern Fonds nach Kräften zu mehren!

*) Auf Wagners eigenes Zeugnis kann man sich nicht stützen, weil er sich widersprechend geäußert hat. Seine spätere Darstellung in „Mein Leben“ deckt sich mit der Blasenapps. In dem Briefe aber an Minna vom 8. Januar früh – also unter unmittelbaren Eindruck des Erlebten und ohne jede literarische Absicht – heißt es: „Er (Mendelssohn) kam nach der Vorstellung auf die Bühne, umarmte mich und gratulierte mir sehr herzlich.