Panorama

Die kleinen Prinzen müssen schlafen gehen

Die Kaiserin und die Kronprinzessin auf dem Balkon des Schlosses

Kronprinzessin Cecilie von Preußen, zusammen mit den kleinen Prinzein Quelle: Wikimedia

Kronprinzessin Cecilie von Preußen, zusammen mit den kleinen Prinzein
Quelle: Wikimedia

Den ganzen Abend über hatte eine große Menge vor dem Schloss gewartet und wiederholt patriotische Lieder gesungen. Plötzlich öffneten sich die Türen des Balkons oberhalb des Tores und die Kaiserin erschien mit der Kronprinzessin und größerem Gefolge auf dem Balkon. … weiterlesen

Panorama

Lieb Vaterland, magst ruhig sein

Die Reise eines Holländers

Ein in Deutschland lebender Holländer schreibt uns:
In diesen schweren Zeiten waren die Kinder meines Chefs noch in ihrem Erholungsurlaub, und ich stellte mich zur Verfügung, sie zu holen. Meine Reise fing am Sonntag morgen, am 9. August, 5 Uhr 47 Minuten von Berlin an, und nach verschiedenen Wechseln der Züge kam ich endlich mit etwa 50 Reservisten bis nach Wilhelmshöhe und weiter nach Treysa. Hier hieß es: „Alles aussteigen“. … weiterlesen

Kultur & Gesellschaft

Trauer im Vatikan

Papst Pius X.

Rom, 20. August. (Privat-Telegramm.)
Papst Pius X. ist heute früh um 1 Uhr 20 Minuten gestorben.

In der Zeit einer allgemeinen Weltwende ist Papst Pius X. dahingegangen – ein Ereignis, das in jedem anderen Augenblich die allgemeiner Aufmerksamkeit auf Rom konzentriert hätte, und das heute, wo alles wankt und alles neu wird, nicht ganz so tief wirkt. Wenig gilt uns in diesen Tagen, wo die Kanonen das letzte Wort zu sprechen scheinen, der Anspruch der römischen Kirche auf die geistige Herrschaft über alle Reiche und Völker der Welt! Aber nach dem Lärm dieser Tage wird die Stille der Besinnung kommen, und dann wird man auch die Zeit finden, eingehender zu erwägen, was Pius X. für seine Generation war, und in welcher Richtung die römische Kirche unter seiner Leitung sich entwickelte. Denn auch in diesen lärmenden Tagen sollte man nicht völlig übersehen, dass es zuletzt die Ideen sind, die die Welt beherrschen. … weiterlesen

Kultur & Gesellschaft

Vatikanstadt

Vom Sterbelager des Papstes

Rom, 20. August, 1 Uhr früh.

Der Papst liegt in der Agonie. Sein Hinscheiden kann jeden Augenblick erfolgen.

Die Verschlimmerung.

Der Papst erhält die Sterbesakramente.

Rom, 19. August.

Das Befinden des Papstes, der an einem leichten Katarrh erkrankt war, hat sich plötzlich verschlimmert. Der Papst wurde heute Vormittag 10 bewusstlos, kam aber durch Sauerstoff wieder zu sich und empfing die Sterbesakramente. Der Katarrh verbreitet sich über die linke Lunge, das Herz ist schwach, aber die Fieberreaktion noch sehr hoch, was bei Greisen ein gutes Zeichen ist. Um 6 Uhr ist eine leichte Besserung eingetreten, der Tod wird  jedoch jeden Augenblick erwartet. Das Konklave fände natürlich in Rom statt. … weiterlesen

Kultur & Gesellschaft

Eröffnung der Bürgerspeisehalle

Mittagbrot für 10 Pfennig

Die erste der vom Roten Kreuz begründeten Bürgerspeisehallen ist heute in den Kaiserhallen am Moritzplatz eröffnet worden, und ein sichtbares Zeichen der Notwendigkeit dieser Gründung war der Ansturm der Bedürftigen, der vor 12 Uhr einsetzte. Die Bedürftigkeitsfrage wird freilich nicht genau untersucht, aber auf den Plakaten liest man die Bitte, dass nur wirklich Notleidende sich einfinden mögen. … weiterlesen

Kultur & Gesellschaft

Soldaten auf dem Weg zur Front

Feldzugbriefe eines Landwehrmannes

Ein Landwehrmann schreibt uns:

I.

Am 5. Mobilmachungstage musste ich also auch einrücken – letzte Jahresklasse der Landwehr!  Der Abschied von Weib und Kind ging leichter von statten, als ich gefürchtet hatte; die Zeit vom 1. bis 4. Mobilmachungstage war die schlimmste! Die Stimmung unter den Landwehrmännern war ernst und würdig, aber etwas schwermütig; allgemein vertrat man die Ansicht: „Nun aber raus aus Berlin, nur nicht überzählig zurückgeschickt und dann wiedergeholt werden – sonst muss man den Abschied von zu Hause nochmals durchmachen!“ – Das also war das schlimmste gewesen: der Abschied von Weib und Kind! – Denn diese Männer von 38 Jahren hatten meist Kinder im Alter von 12 bis 14 Jahren, und die lassen sich nichts mehr vormachen, die wissen, was es bedeutet, „wenn Vater in’n Krieg zieht!“ – Bei mir ging es, wie gesagt, leichter; der Junge sagt: „O, Papa, wenn Du nach Russland kommst, bringst Du mir Briefmarken mit! – Und, Papa, was gibt es denn da für Geld? – Da bringst Du mir auch welches mit! … Und zu meinem Mädel sage ich: „Na, nu halte Dich tapfer die 14 Tage, die Vater nicht da ist!“ – Sie trollt auch ganz vergnügt von dannen, kehrt aber gleich wieder um und sagt: „Da bist Du ja gerade zu meinem Geburtstage nicht da, Papa!“ Und die dicken Tränen kullern ihr über die Backen. Am 18. August hat sie Geburtstag, daran habe ich allerdings nicht gedacht. … Selige Kindheit, die doch schön ihre kleinen Sorgen hat.

Die Fahrt von Berlin nach X-Dorf war recht gemütlich: in Erkner, Fürstenwalde usw. waren am Bahnhof Berge von Stullen und Brötchen aufgestapelt, die natürlich im Sturm genommen wurden; auch Tee, Kaffee, Limonade fand reißenden Absatz; und – was mich am meisten freute – es gab keinerlei Alkohol; trotz reichlichen Proviants von zu Hause habe ich den „Liebesgaben“ wacker zugesprochen, und dabei so recht die Wahrheit des Wortes empfunden: „Mit vollem Magen ist man ein guter Soldat!“ – Bürgerquartiere, welche wir nach dreitägigem Aufenthalt leider wieder verlassen, sind im allgemeinen sehr gut, das meine besonders! – Vier Töchter, welche die Einquartierung hinten und vorn bedienen! – Der einzige Sohn ist als „Kriegsfreiwilliger“ bei der Artillerie eingetreten, überhaupt diese Freiwilligen: täglich kommen neue Transporte an – und Kerlchen sind dabei, die unter regulären Zeiten im Leben nicht Soldat geworden wären! Das eine Gute ist an diesen schmächtigen, jungen Leuten: sie bieten den feindlichen Geschossen wahrlich nur ein recht kleines Ziel; wie sie allerdings ein Gewehr halten und einen Tornister tragen sollen, das mögen die Götter wissen! Aber machen werden sie es sicher.

Also die Quartiere: Die Töchter unseres Herbergsvaters sagen zu uns: „Na, Sie beschützen uns doch, wir müssen Ihnen danken!“ Diese Stimmung herrscht in den meisten Bürgerquartieren: wobei der Ton auf das Wort Bürger zu legen ist. Die einzigen Klagen, welche ich hörte stammen von der Einquartierung beim Grafen von … und von der beim Herrn von … und gerade diese Herrschaften werden doch am meisten geschützt.

Alle Hochachtung dagegen vor den Frauen und Mädchen, welche an den Bahnhöfen Liebesgaben verteilen; man sieht, die Bevölkerung bemüht sich, den Kriegsteilnehmern die Strapazen zu erleichtern, und das verschafft doch ein gewisses Gefühl der Beruhigung!

II.

Die schönen Tage der Bürgerquartiere sind nur zu schnell vorübergegangen; am Sonntag 9. August abends 10 Uhr wurden wir verladen, um eine 24-stündige Bahnfahrt anzutreten. Bei Nacht und Nebel rückte das Bataillon aus, sang- und klanglos zog es im neuen Standort ein. Die 24 stündige Bahnfahrt wurde 2 – 3-stündlich durch Ess- und Kaffeepausen unterbrochen; zweimal gab es Erbsen mit Speck aus Feldküchen, welche eigens für Verpflegung der Truppentransporte errichtet worden sind.

Im neuen Standort wurden uns Nachtlager in der Turnhalle einer Kriegsschule angewiesen; als Unterlage dient Stroh, als Kopfkissen der Tornister, zum Bedecken die Uniform, die man auf dem Leibe hat. Die Verpflegung ist nicht gerade lukullisch. Am ersten Tage mittags gibt es Komißbrot mit Speck, am Abend desselben Tage: Speck mit Komißbrot. Trostlos sehen aber die Toilettenverhältnisse aus. Die einzigen Waschgelegenheit besteht in einer Pumpe im Hofe; mir persönlich passierte dabei das Missgeschick, dass mir mein künstliches Gebiss aus der Hand glitt, als ich es abspülen wollte; ritsch – schlitterte es in den Abfluss; sofort angestellte Rettungsversuche blieben erfolglos. Der Gulli hat keinen Senkkasten – meine Zähne waren bereits weggeschwemmt. – Am anderen Tage war der Rost des Gullis vollständig mit Küchenabfällen und Speiseresten verstopft; ich betrachtete wehmütig das Gemisch und hatte nur den einen Gedanken: wenn meine Zähne dahineingefallen wären, hätte ich sie doch wenigstens wieder herausfischen können! – C’est la guerre! (Das ist der Krieg!)

 

Noch schlimmer steht es mit der anderen Hälfte der Toiletteneinrichtung: den Klosettenanlagen! – Die wenigen vorhandenen Klosetts sind vollständig verstopft bzw. „überfüllt“ in des Wortes verwegenster Bedeutung. Da aber die in der Kriegsschule einquartierten zirka 1000 Mann doch auch ihre Bedürfnisse irgendwo verrichten müssen, werden Gräben und Winkel, Sträucher und Parkanalgen benutzt – der Rest ist Schweigen! – C’est la guerre! –

Kultur & Gesellschaft

Krieg 1870/71

August 1870

Erinnerungen eines Berliner Jungen.

Wenn wir nicht mit Frankreich auf dem Kriegsfuße ständen, würde ich sagen: on revient toujors –, so aber will ich in meinem geliebten Deutsch ausdrücken, welch eigenartiges Gefühl sich unserer bemächtigt, wenn man an der Grenze zum Alter noch einmal die von überwältigender Begeisterung getragenen Zeiten durchlebt, die als stolzeste Erinnerung der Jugend tief im Herzen geborgen lagen.

Wir waren Jungens von dreizehn bis vierzehn Jahren, als König Wilhelm – für den Begriff Kaiser hatten wir noch keine Empfindung – seine Proklamation an das Volk richtete, und wenn wir auch schon zwei Kriege „mitterlebt“ hatten, solche jubelnde Begeisterung, solch brandendes Wogen freudigster Anteilnahme war neu. Ich weiß noch, wie mein Vater und unsere älteren Verwandten sorgenvoll die Köpfe zusammensteckten und darüber debattierten, ob Süddeutschland mit uns, den Preußen, gehen würde: als aber dies bestätigte Tatsache war, da freute sich jedes Herz, und alle Sorge um den Ausgang des Krieges war gewichen. … weiterlesen

Kultur & Gesellschaft

Nach der Mobilmachung

Ein Stimmungsbild aus Stuttgart

Aus Stuttgart wird uns geschrieben:

Die Mobilmachung hat das gewerbliche Leben Stuttgarts fast vollständig zum Stillstand gebracht. Nach amtlichen Mitteilungen in der Stuttgarter Presse sind bereits 30 000 Einwohner Stuttgarts, darunter 15 000 Familienväter, zum Kriegsdienst einberufen. Die meisten Fabrikbetriebe stehen still oder suchen mit kleiner Arbeiterzahl den Fortgang der Produktion aufrecht zu erhalten. Am schwersten sind die Handwerker und kleinen Industriellen getroffen, ebenso die kleinen Geschäftsleute. Nur die Lebensmittelgeschäfte haben Hochkonjunktur. Sehr segensreich wirkt der Konsumverein, der den größten Teil der Bevölkerung mit Brot versorgt. Trotz der scharf gestiegenen Mehlpreise hält er noch am alten Brotpreis fest und zwingt so die Bäckermeister, das gleiche zu tun. Dem Lebensmittelwucher der Bauern und Markthändler tritt die Behörde mit anerkennenswerter Entschiedenheit entgegen. Die Preise für Frühkartoffel waren bereits um 100 Proz. in die Höhe getrieben. Die Drohung mit sofortiger Konfiskation bewirkte, dass man sie wieder zum alten Preis haben kann. Auch gegen Hausbesitzer, die den zum Kriegsdienst Einberufenen die Wohnung kündigen, geht das Generalkommando mit rücksichtsloser Energie vor. Die Anwälte Stuttgarts haben zudem beschlossen, Austreibungsklagen nicht anzunehmen. … weiterlesen

Kultur & Gesellschaft

Von der Schulbank an die Front

Lehrer und Gymnasiasten im Kriege

Berliner Lehrer im Felde. – Die Notprüfungen der Gymnasiasten.

In den letzten Tagen hatten die Direktoren und Lehrer der Berliner Gymnasien und Realgymnasien alle Hände voll zu tun, um die durch die Kriegslage nötig gewordenen Notreiseprüfungen der Primaner vorzunehmen. Die Begeisterung unter den Berliner Primanern ist so groß, dass sich fast alle zu den Prüfungen gemeldet haben. Soweit wir erfahren konnten, haben auch alle – abgesehen von einigen ganz wenigen Ausnahmen – die Prüfung bestanden. In die allseitige Freude über die erfolgreichen Examina und die Hoffnung, nun gegen den Feind kämpfen zu können, ist aber ein bitterer Tropfen hineingegossen worden, denn die vorgesetzte Behörde hat die in Gymnasialkreisen als recht hart empfundene Bestimmung getroffen, dass die Notreifeprüfungen nur dann gültig sind, wenn der betreffende Schüler den Nachweis erbringen kann, dass der wirklich bei einem Truppenteil angenommen worden ist. Gelingt dieser Nachweis nicht, so muss der junge Mulus wieder die Schulbücher unter den Arm nehmen und von neuem zur Schule wandern, um die Abschlussprüfung dann zur gesetzmäßigen Zeit abzulegen. Auch die Annahme beim Roten Kreuz befreit nicht von dieser Bestimmung. … weiterlesen

Kultur & Gesellschaft

Berlin

Selbstmordversuche infolge Felddienstuntauglichkeit

Die Verzweifelung über ihre Nichtverwendbarkeit im Felde hat gestern nachmittag zwei Personen zum Selbstmordversuch getrieben. Vor dem Gebäude des Bezirkskommandos in Schöneberg schoß sich ein Oberleutnant der Artillerie eine Revolverkugel in die Brust und brach schwerverletzt zusammen. Er wurde in das Garnisonslazarett gebracht, dürfte aber kaum mit dem Leben davonkommen. Der Offizier war vor längerer Zeit erkrankt und sollte deshalb nicht mit ins Felde rücken. Er richtete mehrfache Gesuche an die vorgesetzte Behörde, erhielt aber einen abschlägigen Bescheid. Gestern unternahm er noch einen letzten Versuch beim Bezirkskommando. Er hatte aber wieder keinen Erfolg, und aus Verzweifelung darüber wollte er seinem Leben ein Ziel setzen. … weiterlesen