Mode In Paris Quelle: United States Library of Congress's Prints and Photographs division under the digital ID ggbain.15048. {{PD-USGov-Congress}} – for public domain images from the United States Congress.

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Deutsches Modedesign

Das deutsche Kleid

Die Mode der deutschen Frauen wird oft aus dem Ausland und von Modemagazinen bestimmt. Dabei wäre die Zeit reif, dass deutsche Frauen auch deutsche Mode tragen.

Unsre deutschen Kleiderkünstlerinnen haben schon soviel Gutes geleistet, sie haben so oft bewiesen, dass sie Geschmack, Farben- und Formensinn, Technik und eigene Ideen haben, dass man sich fragen muss: warum haben sie noch keine deutsche Mode geschaffen?

Die Antworten auf diese Frage sind bekannt: man spricht von der Schwierigkeit, gegen alte Traditionen und feststehende Organisationen zu kämpfen, von der ungenügenden Bedeutung Deutschlands als Modemarkt, vom mangelnden Verständnis der deutschen Frau für eine ihr angepasste Kleidermode und für die Opfer, die die kleiderschaffenden deutschen Künstlerinnen schon gebracht haben; man spricht auch von dem mangelnden Selbstvertrauen der deutschen Durchschnittsfrau in Dingen des Geschmacks. Ich möchte jetzt nur auf diesen letzten Punkt eingehen. Wenn es denn schon so ist, wie man sagt, wenn die deutsche Durchschnittsfrau sich ihre Möbel von ihrem Tapezierer, ihr Essen von ihrem Trakteur, ihre Kleider von ihrer Schneiderin vorschreiben lässt, warum sollen es denn nicht wenigstens die deutschen Schneiderinnen sein, die ihr die Kleidung zusammenstellen? Sie verstehen es ja viel besser als die ausländischen, für unsre Art und unsre Bedürfnisse zu schaffen. Ja, aber das mangelnde Vertrauen in den eigenen Geschmack! „Da kommt Frau A. Die Kleider die sie zeigt, sind so ganz anders als die Kleider im Modejournal. Ich möchte gern etwas davon nehmen, denn prinzipiell bin ich für deutsche Kleidung; aber ist das denn auch wirklich schön? Da kommt Frau B., da kommt Frau C. Jede hat eine andere Art. Was ist nun wirklich schön, wie soll ich das wissen? Ach, da halte ich mich doch lieber an mein Modejournal!“

Um unsrer deutschen Frau zu helfen, um sie von ihren Zweifeln zu befreien, muss man ihr nicht die Kleider von Frau A., Frau B. oder Frau C. Getrennt vorführen, sondern das, was die Künstlerinnen vereint schaffen: das deutsche Kleid. Dann werden wir allmählich dahinter kommen, was das deutsche Kleid vom ausländischen unterscheidet, wir werden herausfühlen, dass selbst unter Wahrung einiger allgemeiner Modeformen die deutsche Schneiderin für die deutsche Frau etwas schafft, das ihrem gesunden Körper und unserm feststehenden Ideal von deutscher Frauenwürde Rechnung trägt. Das Zusammenstellen von dem, was die Künstlerinnen vereint schaffen, kann aber nur dann den gewünschten Erfolg haben, wenn die Künstlerinnen nter sich zu einer gewissen Organisation schreiten, wenn sie Fühlung miteinander nehmen und unter Wahrung ihrer eigenen Originalität eine gewisse Richtung miteinander befolgen. Wäre die Machtstellung der Pariser Mode möglich, wenn Herr Worth in Paris, Herr Redfern in Lyon, Frau Paguin in Bordeaux und Herr Poiret in Marseille lebten, ohne dass sie sich im geringsten gegenseitig inspirierten? Vielleicht wird mancher darauf antworten: Ja, seht ihr, die deutsche Mode kann nur von Berlin allein diktiert werden. Tatsächlich sind aber doch unsre deutschen Verhältnisse anders als die französischen; wir können und dürfen den Einfluss der vielen geistigen Zentren Deutschlands nicht entbehren.

Und so gibt es nur den einen Ausweg: wenn eine gefundene und schöne deutsche Mode jemals Macht gewinnen soll, so müssen die deutschen Künstlerinnen trotz örtlicher Trennung fest zusammenhalten. Treten die deutschen Künstlerinnen mit dem, was sie bieten, geschlossen auf, so werden sie einen viel größeren Eindruck auf das Publikum machen als bisher, und ist dann das Publikum so weit beeinflusst, dass es die Modelle der – sagen wir einmal – Vereinigung deutscher Kleiderkünstlerinnen verlangt, so wird sich auch die Großkonfektion sehr schnell zu diesen Moden entschließen.