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Forderung nach deutscher Selbsternährung

Das Ideal der deutschen Landwirtschaft

Immer häufiger wird die Forderung erhoben, Deutschland müsse sich selbst versorgen können. Doch diejenigen, die das fordern, übersehen die gesamtwirtschaftlichen Folgen einer deutschen Autarkie.

Immer unumwundener wird seitens agrarischer Kreise als das anzustrebende Ideal die deutsche Selbsternährung hingestellt. Wer das nicht ohne weiteres anerkennt, dem wird nationales Empfinden sehr schnell abgesprochen. In der Tat mag auf den ersten Blick die Aussicht auf eine völlige Unabhängigkeit vom Auslande in Ernährungsfragen recht verlockend erscheinen, schon in Friedenszeiten, aber erst recht im Kriegsfalle. Warum, lautet die Argumentation sollen wir andere Völker reich machen, viel besser bliebe das Geld im Inlande und käme unseren Landwirten und Bauern zugute; und erst im Kriege: Wie sollen wir einem Gegner mit Erfolg entgegentreten können, wenn durch eine Hungersnot im Inlande, hervorgerufen durch Unterbindung der Einfuhr, die nationale Widerstandskraft geschwächt wird? Der Feind hätte nur nötig, durch seine Flotte und Armeen die Nahrungszufuhr abzuschneiden und selbst ein siegreiches Heer müsste sich ergeben.

Die möglichste Förderung der heimischen Agrarproduktion durch Schutzzölle und Einfuhrscheine ist daher ein Gebot der Selbsterhaltung. Und mit Triumph wird auf die Erfolge der Schutzzollpolitik in dieser Richtung, der zunehmenden Ausfuhr von Roggen an Stelle der früheren Mehreinfuhr hingewiesen. Deutschland soll wieder ein Ausfuhrland an Agrarerzeugnissen werden!

Diese Argumentation erscheint verführerisch und mag schon manch Schwankenden zur Schutzzollpolitik bekehrt haben. Aber wie steht‘s um ihre Richtigkeit? – Was würde die Verwirklichung der „Idee der Selbstgenügsamkeit“ für Deutschland bedeuten? Nehmen wir nur die notwendigsten Ernährungsprodukte. Den Bedarf an Roggen deckt die deutsche Landwirtschaft allerdings, darüber hinaus führte sie sogar noch im letzten Jahr für etwa 80 Millionen Mark aus. Dagegen bezifferte sich die Mehreinfuhr an Weizen auf etwa 330 Millionen Mark, oder in Prozenten des Gesamtbedarfs ausgedrückt, mussten fast 30 Prozent vom Ausland gedeckt werden. Noch höher war der prozentuale Anteil an Gerste, der auf das Ausland entfiel: nämlich etwa 15 Prozent Braugerste und 50 Prozent andere Gerste. An den wichtigsten Vieh- und Fleischsorten führt Deutschland im letzten Jahre (abzüglich der Ausfuhr) für etwa 160 Millionen ein. Hier sind nur die unumgänglichen Nahrungsmittel aufgezählt, hinzu treten noch viele andere notwendige Lebensbedürfnisse, die vom Auslande bezogen werden müssen, deren Entbehrung eine Herabdrückung der Lebenshaltung bedeuten würde. Der „Nauticus“ hat eher zu niedrig gegriffen mit seiner Behauptung, der Deutsche müsste etwa ein Drittel seines Lebensbedarfes vom Auslande beziehen.

Aber auch selbst nur die Durchführung der Selbstgenügsamkeit in Bezug auf die oben aufgezählten Lebensmittel ergäbe eine ganz unerträgliche Einschränkung, beziehungsweise Verteuerung unserer Lebenshaltung. Schon jetzt muss das deutsche Volk eine Belastung von jährlich über eine Milliarde tragen, nur allein herbeigeführt durch die Zollsperrung gegen die Getreideeinfuhr. Würde auch noch das letzte Fünftel der Getreidezufuhr durch irgendwelche Maßnahme eingeschränkt, so wären die Folgen in Bezug auf Verteuerung und Herabdrückung der Lebenshaltung weiter Schichten gar nicht abzusehen. Schutzzollpolitik geht auf Kosten der Konsumenten. Und was wäre damit erreicht? Die naive Anschauung, durch Einfuhr von Agrarerzeugnissen fließe das gute inländische Geld an das Ausland ab, das Volk würde also ärmer, Steigerung der Ausfuhr brächte dagegen Reichtum ins Land, sollte doch endlich überwunden sein. Man begegnet ihr aber wirklich immer noch.

Nein, niemals wird im internationalen Handel – volkswirtschaftlich gesprochen – mit Geld gezahlt, sondern immer nur mit Waren. Rohprodukte gegen Fabrikate lautet die Formel. Je mehr Agrarerzeugnisse wir anderen Völkern abnehmen, desto mehr Fabrikate können wir an das Ausland verkaufen, das heißt, desto reicher werden wir, desto mehr Menschen können sich auf unserem heimischen Boden unter günstigen Bedingungen ernähren. Die schutzzöllnerische Sperrung gegen die Erzeugnisse anderer Länder bedeutet dagegen Verringerung der Bevölkerungskapazität eines Landes, Einschränkung ihres Nahrungsmittelspielraumes, Herabdrückung der Lebenshaltung. Industrieschädigende Retorsionsmaßnahmen des Agrarlandes sind nur die natürliche Folge einer übertriebenen Schutzzollpolitik. „Abhängigkeit vom Auslande“, oder richtiger gesprochen: zunehmende Verflechtung in die Weltwirtschaft bedeutet nicht Verelendung und Verarmung, wie man uns glauben machen möchte, sondern bei allen Schichten des ganzen Volkes, Schutzzoll dagegen Bevorzugung einzelner Begüterten auf Kosten der Gesamtheit des Volkes.

Doch wie steht‘s im Kriegsfalle, kann da die Abhängigkeit vom Auslande nicht zur schwersten Gefahr werden? Eine Gegenfrage: wer sind denn heute die Bebauer gerade der Strecken deutschen Bodens, denen der Schutzzoll am meisten zu Gute kommt? Nicht deutsche Bauern, sondern Ausländer, russische und österreichische Wanderarbeiter. Nicht der zunehmende Handelsverkehr, nicht die Öffnung der Grenzen, sondern gerade die agrarische Absperrungspolitik hat uns bereits mitten im Frieden in eine in der Tat gefahrdrohende Abhängigkeit vom östlichen Nachbarreich gebracht. Russland brauchte nur die Unfreundlichkeit zu haben, seine Wanderarbeiter nicht mehr nach Deutschland zu lassen und unsere Getreidefelder des Ostens lägen brach, kein Halm könnte mehr eingefahren werden. Eine Hungersnot mitten im Frieden stände ohne die Zufuhr von auswärts vor der Tür. So sieht die vielgerühmte deutsche Selbsternährung in Wirklichkeit aus. Das weiß man in agrarischen Kreisen sehr gut – und es ist auch eine sehr schwache Seite in unseren politischen Beziehungen zu Russland. Wenn eine solche, politisch für Deutschland recht peinliche Abhängigkeit schon mitten in Friedenszeiten besteht, wie viel mehr dann im Kriege? Im Interesse der nationalen Verteidigung liegt also nicht eine Verschärfung des Schutzzollsystems, sondern eine Herabsetzung der Zölle zur Herbeiführung gesunder agrarischer Verhältnisse. Nicht die Selbsternährung, sondern die Schaffung selbstständiger Kleinbauergüter an Stelle vom Auslande abhängigen Großgrundbesitzes sollte das Ideal der deutschen Landwirtschaft sein.