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Statistische Jahrbuch für 1914

Das Kind in der Statistik

Das Statistische Jahrbuch für 1914 enthält sogar Zahlen über die Zahl der Maulesel in Uruguay. Aber die Kinder in Deutschland spielen darin nur als Säuglinge oder Schulkinder eine Rolle. Dabei bilden die erwerbstätigen Kinder und Jugendlichen einen blinden Fleck der Statistik.

Das soeben erschienene Statistische Jahrbuch für 1914 enthält in der großen Fülle seiner Tabellen und Übersichten eine Reihe statistischer Angaben, die, herausgehoben und in inneren Zusammenhang gebracht, einen interessanten Beitrag liefern zu der Rolle, die das Kind – zunächst durch die Tatsache seiner Existenz, sodann als Glied mannigfacher kultureller Beziehungen – im sozialen Organismus spielt.

Nach dem Ergebnis der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 bezifferte sich im Deutschen Reiche bei einer Gesamtbevölkerung von 64 925 993 die Zahl der Kinder unter 14 Jahren auf 20 862 253 (32 Prozent); davon entfielen auf Preußen 13 112 511, Bayern 2 235 963, Sachsen 1 472 408, Württemberg 790 518. Nach Geschlechtern geschieden, wurden im ganzen Reiche 10 483 754 Knaben und 10 378 499 Mädchen festgestellt. Die Jugend von 14 bis 18 Jahren umfasste 5 209 535 (8 Prozent); davon waren 2 608 851 männlichen, 2 600 684 weiblichen Geschlechts.

Die Zahl der Geburten betrug 1910: 1 982 836, ging 1911 auf 1 927 039 herab und sank 1912 auf 1 925 883 (Preußen 1 237 327, Bayern 214 548, Sachsen 129 707, Württemberg 73 170); der Geburtenrückgang hält also an. Während 1910 auf 1000 Einwohner 29,8 Lebendgeborene kamen, verminderte sich die Zahl 1911 auf 28,6, 1912 auf 28,3. Von den 1912 Geborenen waren Knaben 993 146, Mädchen 932 735; uneheliche 183 857 (1911: 177 053).

Infolge der durch die Lebensmittelteuerung verschuldeten Verheiratungsschwierigkeit hat sich der Prozentsatz der Unehelichen von Jahr zu Jahr gesteigert (1909: 9 Prozent, 1910: 9,1 Prozent, 1911: 9,2 Prozent, 1912: 9,5 Prozent).

Auch die Anzahl der Mehrlingsgeburten hat sich verringert; die Zwillingsgeburten sind von 26 314 im Jahre 1908 auf 23 785 im Jahre 1912, die Drillingsgeburten in derselben Zeit von 261 auf 243 und ebenso die Vierlingsgeburten von 4 auf 2 zurückgegangen.

Während sonst dem Geburtenrückgang durch eine Verminderung der Sterblichkeit begegnet wird, ist der Anteil der Totgeburten sich gleich geblieben (2,9 Prozent); ihre Zahl belief sich 1912 im Reiche auf 56 245.

Dagegen hat die Säuglingssterblichkeit 1912 eine ansehnliche Verminderung aufzuweisen; die Bemühungen zu ihrer Bekämpfung, obwohl weder großzügig noch planvoll-einheitlich, haben doch einen Erfolg gehabt. Während 1910 noch 267 171 eheliche und 44 291 uneheliche, 1911 (dem abnorm heißen Jahre) 308 765 eheliche und 50 757 uneheliche Säuglinge starben, sank ihre Zahl 1912 auf 234 544 eheliche und 41 027 uneheliche, insgesamt also 275 571. In zehn Jahren hat sich der Prozentsatz von 18,3 Prozent (1902) auf 14,7 Prozent (1912) vermindert, gewiss ein Fortschritt, wenn auch kein überwältigender. Über dem Durchschnitt standen mit größerer Säuglingssterblichkeit noch immer Westpreußen (19,1), Bayern (18,5), Ostpreußen und Schlesien (17,8). Reuss i. L. (17,2), S-Altenburg (17,1), Pommern (17), Posen und M.-Strelitz (16,8), M-Schwerin (16,3), Sachsen (15,7), Kgr. Sachsen (15,6), Reuss ä. L. (15,4), Schwarzburg-Rudolfstadt (15,1).

Unter dem Durchschnitt hielten sich mit geringerer Säuglingssterblichkeit Preußen (14,6), Anhalt (14,5), Berlin (14,2), Württemberg und Baden (13,8), Braunschweig (13,2), Weimar-Eisenach und Elsass-Lothringen (13,1), Schleswig-Holstein (13), Pfalz und Lübeck (12,9), Hamburg (12,7), S.-Meiningen (12,6), Schwarzburg-Sondershausen (12,5), Rheinland (12,2), Westfalen und Bremen (12,1), Koburg-Gotha (12), Oldenburg (10,8), Hessen (10), Lippe (9,7), Hessen-Rassau (8,9), Waldeck (6,6). Der im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit erzielte Fortschritt hat die Position des Deutschen Reiches gegenüber den Staaten des Auslandes erheblich verbessert. Bisher rangierte es mit verhältnismäßig hoher Sterblickeitsziffer gleich hinter Russland, Rumänien und Österreich-Ungarn; jetzt gestaltet sich die Reihenfolge so: Chile (33,3), Mexiko (29,6), Russland (27,2), Österreich-Ungarn (20,7), Rumänien (18,6), Japan (16,7), Spanien (16,1), Serbien (15,8), Italien (15,7), Deutschland (14,7), Schweiz (12,8), Belgien (12), Schottland (11,3), Frankreich (11,1), Dänemark (10,6), England (9,5), Niederlande (8,7), Irland (8,5), Schweden (7,5), Norwegen (6,5), und das viel verlästerte „sozialistisch-regierte“ Neu-Seeland (5,1).

Wie ist der Sozialpolitik so klafft auch in der Statistik zwischen dem Säugling und dem schulpflichtigen Kinde eine Lücke. In dem Zwischenzeitraum existiert das Kind für die Öffentlichkeit nicht. Seine Bedeutung als soziales Glied wird erst wieder lebendig in den statistischen Zahlenreihen, die sich auf das Unterrichtswesen beziehen.
Nach den Ergebnissen der steuerstatistischen Erhebungen von 1911 gab es im Deutschen Reiche 10 309 949 Kinder (5 157 446 Knaben und 5 152 503 Mädchen), die in 61 557 öffentlichen Volksschulen von 187 485 Lehrkräften (148 127 Lehrern und 39 268 Lehrerinnen) unterrichtet wurden. Im Durchschnitt kamen auf eine Lehrkraft 55 Schüler. Das ist eine kleine Verbesserung, denn 1906 betrug die Zahl der durchschnittlich auf eine Lehrkraft entfallenden Schüler noch 57 und vor zehn Jahren (1901) gar noch 60. Für die tatsächlichen Verhältnisse in der Praxis will jedoch diese unerhebliche rechnerische Verbesserung wenig besagen. Die Mittelschulen (914 öffentliche und 1135 private) wurden 1911 von 354 054 Schülern besucht, die von 12 065 Lehrkräften unterrichtet wurden. Es kamen durchschnittlich etwa 30 Kinder auf eine Lehrkraft. Noch günstiger ist dieses Verhältnis bei den höheren Schulen; es kommen da z. B. auf eine Lehrkraft in den Real- und Oberrealschulen 21. den höheren Mädchenschulen 18, den Gymnasten und Realgymnasien 16 Schüler.

Noch einmal taucht auf den weiteren Seiten des Jahrbuchs, in den Tabellen- und Zahlenreihen das Kind auf: in der Kriminalstatistik, wo vermeldet wird, dass sich unter den im Jahre 1912 wegen Verbrechen und Vergehen gegen die Reichsgesetze verurteilten Personen 54 958 Jugendliche von 12 bis 18 Jahren (9,5 Prozent der Verurteilten) befanden. 40 824 hatten sich gegen das Vermögen, 11 883 gegen die Person, 2243 gegen Staat, Ordnung und Religion vergangen, 29 166 wurden wegen Diebstahls, 6769 wegen Körperverletzung 2827 wegen Sachbeschädigung, 2865 wegen Unterschlagung, 1400 wegen Beleidigung, 1024 wegen sexueller Delikte, 1057 wegen Hausfriedensbruchs, 27 wegen Mordes oder Totschlags bestraft.

Mit diesem düstern Kapitel entlässt die Reichsstatistik das Kind, das hier schon nicht mehr Kind im eigentlichen Sinne ist. Bis zum 18. Lebensjahre mag die Kindheit der Bessersituierten dauern, beim proletarischen Nachwuchs ist mit de 14. Jahre definitiv Schluss. Dann setzt – meist früher schon – der Erwerb, die Sorge um Brot und Dasein unerbittlich ein. Gerade hier, in der Frage der Kindererwerbsarbeit, die eins der schlimmsten Elendsgebiete umfasst, höre sich der Statistik für ihre ermittelnde, überschauende und klärende Tätigkeit eine dankbare und der Erledigung dringend bedürftige Aufgabe dar. Die gelegentlichen Statistiken über Kindererwerbsarbeit sind veraltet, die 1904 aufgenommene Statistik über landwirtschaftliche Kinderarbeit harrt – seit zehn Jahren! – noch immer der Veröffentlichung, um als veraltet und unbrauchbar beiseite gelegt zu werden, wenn sie wirklich noch erscheint. Das lebendige Interesse, das die Öffentlichkeit dem Schutzbedürfnis der Jugend und den in dieser Richtung getroffenen und zu treffenden Maßnahmen entgegenzubringen verpflichtet ist, erfordert unbedingt, dass die Reichsstatistik, die über die Zahl der in Uruguay vorhandenen Maulesel gewissenhaft Buch führt und die das Dutzend der auf Neu-Guinea angepflanzten ertragsfähigen Kickxia-Bäume pupillarisch ermittelt, endlich auch Zeit findet und Anlass nimmt, dem Schicksal des armen Kindes in der sauren Erwerbsfron seiner Jugend und dem tiefen Elend seines Daseins mit den Mitteln der Statistik etwas eifriger nachzugehen und nachzuspüren als bisher.