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Kultur in Kriegszeiten

Das Leben während des Krieges

Jetzt im Krieg lautet die Aufgabe für alle, die nicht am Krieg teilnehmen: Bereitet den Frieden vor! Das gilt besonders für den kulturellen Bereich.

Die erste ungeheure Erschütterung ist vorüber. Auch die äußere Bewegung, die mit der Mobilisierung der Truppen verbunden war, ist abgeflaut und wird bald ganz verschwinden. Wir haben eine Zeit zu erwarten, Wochen sicherlich, in der keine erregenden Nachrichten die Stille eines weit verminderten Alltagslebens unterbrechen werden. Selbst die Liebestätigkeit kann zum großen Teil nur vorbereitet werden. Und es scheint, dass auf vielen ihrer Gebiete schon Organisationen und Kräfte über den Bedarf vorhanden sind. Für laute Zerstreuungen wird kein deutscher Mensch in dieser Zeit eines großen Ernstes zu haben sein. Da entsteht die Frage, was geschehen kann, um das gefährliche müßige Warten zu bekämpfen, dass so leicht in nervöse Ungeduld umschlägt.

Mir scheint: jeder, dessen Kraft nicht wirklich furchtbare Verwendung für den Krieg finden kann, tut am besten, seine Arbeit in den Werken des Friedens ruhig fortzusetzen und anderen, die dasselbe tun wollen, zu helfen. Es ist kurzsichtig, diese Werke jetzt zu unterschätzen, weil sie im Augenblick keinen Wert haben, für die großen Entscheidungen über das Schicksal der Welt nichts bedeuten. Wir, die wir für den Krieg nichts tun können, dürfen nicht nur, sondern müssen über ihn hinausdenken. Nicht egoistisch, sondern in dem Gemeinschaftsdenken, das in den Tagen der kriegerischen Erregung so unmittelbar erwacht ist.

Die deutsche Mannschaft steht in einer früher nie gedachten Zahl unter den Massen. Auch bei dem glücklichsten Verlauf sind große Verluste sicher. Wenn der Frieden kommt, wird es auf allen Gebieten, zunächst auf denen des praktischen Lebens, an Menschen fehlen. Wie im Frieden der Krieg, so muss im Krieg der Frieden vorbereitet werden. Das aber tut jeder, der den Umfang seines Wissens und seiner Fertigkeiten vermehrt oder anderen hilft, es zu tun.

Besonders richtet sich diese Mahnung an junge Menschen und alle, die für solche verantwortlich zu denken haben. Niemand weiß, was ihm nach diesem politischen Erdbeben bleiben wird, ob es möglich sein wird, den Beruf zu verfolgen, für den sich Talent und Neigung entschieden haben. Kunst und Wissenschaft werden nicht aufhören, aber dass sie gleich wieder glückliche Zeiten haben werden, ist nicht zu hoffen. Viele, die sie üben, sind zu alt, um anderes zu lernen. Aber alle, die es noch können – nicht nach dem bequemen Begriff der Friedenszeit, sondern nach dem straffen der Tage der Not –, sollten beizeiten daran denken, sich wenigstens für den äußersten Fall auf eine andere Möglichkeit der Existenz vorzubereiten. Werkstätten und Schulen, die solche Menschen, besonders auch Frauen, unterrichten könnten, müssten, auch mit Subventionen des Staates und der Gemeinde, offen gehalten werden, besonders alle Handwerker- und technischen Schulen, an denen mancher nützlich lehren könnte, den die Ereignisse zu unfreiwilliger Muße verurteilt haben.

Deshalb erscheint auch die Schließung der Museen und Bibliotheken, wenn sie dauernd gedacht ist, als eine falsche Maßregel. Nicht nur werden viele Gelehrte und Studenten in ihrer Arbeit gehindert, sondern auch allen denen, die jetzt Dinge sehen und lernen könnten, für die sie in den Tagen regelmäßiger Arbeit keine Zeit haben, ist diese Möglichkeit genommen. Mangel an Beschäftigung ist aber auch ein großes Übel. Es muss durchaus möglich sein, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Es wird nicht an Studenten fehlen, die freiwillig den auch wichtigen Dienst in diesen gemeinnützigen Instituten übernehmen. Für den Bibliotheksdienst sind auch Frauen brauchbar. Selbst wenn man von allen praktischen Gründen absieht: im Lande Goethes sollte unter keinen Umständen die geistige Arbeit stocken.

Statt Müßige zu schaffen, sollte man sie von der Straße ziehen. Auch die Veranstaltung würdiger Unterhaltungen ist deshalb ins Auge zu fassen, besonders, da sie zugleich Menschen, die jetzt feiern müssen, zu einem Verdienst helfen kann. Ich denke dabei an Programme, wie sie die Volksunterhaltungsabende mancher Vereine vorbildlich geschaffen haben. Die Stimmung wird vielleicht mehr Kriegslyrik und Kriegslieder fordern, aber gewiss nicht allein. Die Betonung der deutschen Art wird genügen. Die Theater, die ein entsprechendes Repertoire aufgestellt hatten, werden vielleicht aus Mangel an Kräften nicht spielen können, und es ist nicht sicher, dass sie ein genügendes Publikum finden, dass ihre Preise zahlen kann. Wohl aber können, und auch, wenn sie zugleich in den Theatern gespielt werden, die vaterländischen Dramen von Schauspielern rezitiert werden. Auch der Lichtbildvortrag kommt in Betracht. Wir haben mindestens in Menzel’s Fritzenbildern ein Kunstwerk, das sich den großen nationalen Dichtungen an die Seite stellen lässt. Und ich glaube, dass in diesem Augenblick auch das Interesse an deutscher Geschichte und ihren Helden die Menschen fesseln würde, wenn sie ihnen ein berufener Mund darstellt.

Es wäre ein großes Beispiel, wenn unser Volk die Zeit des Harrens durch ruhige Tätigkeit und würdige, der Stimmung der Zeit entsprechende Unterhaltung ausfüllte. Die auf den Straßen lungern und guten Nachrichten zu lärmen, werden Rückschläge am schlechtesten ertragen. Am besten wirkt eine Stadt, in der das Leben des Friedens sich, wenn auch stiller und ernster gefasst, ruhig fortsetzt.