Kaiser Wilhelm II. mit einem Pferd Datenprovider: Berlin State Library

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Abreise des Kaisers

Der Abschied des Kaisers von Berlin

Die Abreise des Kaisers an die Front läßt Deutschland mit bangem, aber hoffenden Herzen zurück. Es ist Zeit, unsere Feinde in die Schranken zu weisen.

Wilhelm II. ist gestern zum Kriegsschauplatz abgereist, und die auch tiefster Seele emporwallenden Wünsche des ganzen deutschen Volkes begleitet ihn. Wir hoffen und vertrauen, dass auch er, der solange ein Friedenskaiser war, wie sein Großvater als ein Siegeskaiser heimkehren wird – wir hoffen und vertrauen auf den Sieg, der uns die sonnige Wohltat des Friedens wiederbringen soll. Niemand ist unter uns, der nicht heute fromm die Hände falten und flehen möchte, es möge uns bald beschieden sein, dieses große Glück zu sehen. Und niemand ist unter uns, der „die unerschütterliche Einmütigkeit des deutschen Volkes in den Stunden der Gefahr“ antasten lassen würde, von der in seinem Abschiedsgruß der Kaiser spricht. Dort unten, wo der Kaiser haltmachen und die tapferen Soldaten grüßen wird, bereitet sich der gewaltige Zusammenstoß vor. Von fern her gehen unsere segnenden Gedanken zu diesen Söhnen der deutschen Erde hin.

Bevor die große Stunde kommt, muss man sich mit dem befassen, was nur Vorspiel und Einleitung ist. Man findet die merkwürdigsten Dinge, wenn man heute die Auslandszeitungen, die auf irgendeinem Umweg spärlich über die Grenze kommen, durchsucht. Es ist nur eine Kleinigkeit, dass die Brüsseler Zeitung „Le Peuple“ vom 8. August, wie wahrscheinlich viele andere Blätter, die folgende Londoner Depesche bringt: „In London ist das Gerücht verbreitet, dass der deutsche Kaiser mehrere sozialdemokratische Abgeordnete hat erschießen lassen, weil sie gegen die Kriegskredite gewesen sind.“ Im „Echo de Paris“ vom 8. August schreibt der Akademiker Albert de Mun, der seit Jahren mit hochtönenden Phrasen die versöhnlichen und verständigen Geister in Frankreich niedergedonnert hat, Deutschland versuche vergeblich, „Lügen durch ganz Europa zu verbreiten“ und den Glauben zu erwecken, in Paris tobten Anarchie und Revolution. „Europa,“ fährt er fort, „sieht uns am Werke und weiß, dass unsere Mobilmachung durch keine Wirren beeinträchtigt worden ist. Und es weiß auch – denn die Tore Berlins sind nicht so gut bewacht, dass das Gerücht nicht hinausgedrungen wäre –, dass die deutsche Armee zunächst gezwungen war, in den Straßen der Hauptstadt die Reservisten niederzuschießen, die sich weigerten, in den Krieg zu ziehen.“ Gabriel Hanotaux, ehemaliger Minister des Äußeren, Historiker; Biograf Thiers‘ und Richelieus, versichert im „Figaro“, mit seltsamer Zähigkeit trete das Gerücht auf, dass der deutsche Kaiser von der Kriegspartei und dem Kronprinzen gefangen gehalten sei. In den Proklamationen, die mit dem Namen des Kaisers erschienen, sehe man nicht mehr seinen Stil.

Ist es begreiflich, dass der Krieg auf Männer, die doch nicht beim Weinwirt der Vorstadt ihre Phantasie erhitzen, derartig verblödend wirkt? Muss die ruhige Überlegung in einem Augenblick hinschwinden, wo überlegene Ruhe notwendiger als irgend sonst erscheint? Wir haben in Deutschland in den ersten Tagen der Mobilmachung die wilde Spionenjagd gehabt, der Bürgermeister einer süddeutschen Residenz musste in einem öffentlichen Anschlag sich entrüstet gegen das Altweibertum wenden, und die Landbevölkerung, in welcher der Märchenglaube am festesten haftet, schickt noch heute mitunter einem deutschen Automobilfahrer eine Flintenkugel nach, aber wenigstens in den Städten und bei den Gebildeten haben die dringenden Warnungen und Mahnungen der Behörden dem Sport allmählich ein Ende gemacht. Nach der ersten großen Erregung, in der man irrtümlich jene Gäste aus Warschau aufs Korn nahm, deren Beistand uns willkommen sein muss, und ganz ebenso irrtümlich jeden Japaner mit Liebkosungen umwarb, haben sich in Deutschland sehr schnell wieder Klarheit und Ruhe eingestellt, und man kann sagen, dass hier heute im Denken die gleiche Ordnung wie im Handeln herrscht. Die blühenden Wortgebilde und Übertreibungen, die vom Kriegsjournalismus und der Kriegslyrik so schwer fernzuhalten sind, bleiben auch uns nicht ganz erspart, aber der blühende Unsinn, der aus der Feder der Akademiker de Mun und Hanotaux fließt fände, fände doch bei und nur eine kopfschüttelnd zweifelnde Leserschaft. Wir wissen, dass die Begeisterung nicht die nüchterne Prüfung auszuschließen braucht. Und wir glauben, dass derjenige, der ernst die volle Größe des Unternehmens kennt, auf die Dauer stärker sein muss als die anderen, die man mit Wahngebilden berauscht.

Ein Dokument, dass man noch nicht genügend beachtet hat, ist der Ukas des Zaren, der das Schicksal der in Russland lebenden Deutschen und Österreicher bestimmt. In diesem Ukas wird die Überführung der wehrpflichtigen Deutschen und Österreicher „nach verschiedenen Gegenden des Reiches“ verfügt. Es ist berichtet worden, Deutsche und darunter Familienväter mit kleinen Kindern, würden nach Sibirien, bis nach Archangelik am Eismeer, verschleppt. Wäre es nicht angebracht mit Hilfe neutraler Staaten die Wahrheit festzustellen? Schon die Verfügung, daß deutsche und österreichische Personen „nach verschiedenen Gegenden des Reiches“ gebracht werden sollen, ist bei der Ausdehnung und den besonderen Verhältnissen Russlands, eine Infamie. Sie ist nicht, wie der grausamen Widerstand einer fanatisierten Bevölkerung; aus blutdürstender Leidenschaft zu erklären, sondern sie ist kaltherzig von abgefeimten Kerkermeistern verfasst. Die Zeit ist noch nicht lange her, wo man in Deutschland diesen Kerkermeister allzu viel Liebesdienste erwies. Dass endlich der lange aufgespeicherte Hass gegen den Zarismus hervorbrechen darf, hat mehr als alles andere befreiend auf das deutsche Volk gewirkt. Dort, wo der Kaiser nun eintrifft, wird die erste große Schlacht gegen diejenigen geschlagen werden, die aus Furcht und allem Groll, aus Schwächlichkeit und unter dem Einfluss bezahlter Schreiber zu Helfern und Prügelknaben Russlands geworden sind. Aber ganz Deutschland hofft, dass wir nicht all unser Pulver dort unten zu verschießen brauchen, und dass recht viel für die Zarenherrschaft übrig bleiben wird.