Lazarett Bereza-Kartuska (Russland, 1917) Datenprovider: europeana1914-1918.eu: Ewald Kähler

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Medizin

Der Arzt auf dem Schlachtfeld

Die Medizin hat enorme Fortschritte gemacht. Längst nicht jede Verletzung ist tödlich. Doch hinter der Front herrschen erschwerte Bedingungen. Was Ärzte auf dem Schlachtfeld ausrichten können und welche Behandlungen im Feld nicht möglich sind.

Wir haben Professor Colmers zu dem nachstehenden Aufsatz aufgefordert, da er durch seine Tätigkeit im letzten Balkankriege sowie im russisch-japanischen Feldzuge Gelegenheit hatte, reiche kriegschirurgische Erfahrungen zu sammeln. Die Redaktion.

Die Arbeit des Chirurgen im Felde unterscheidet sich sehr wesentlich von der chirurgischen Tätigkeit im Frieden. Es ist bekannt, daß die chirurgische Kunst durch die Einführung des Aseptik und Antiseptik einen gewaltigen Aufschwung genommen hat und daß es kaum Verletzungen irgendeines Organs des menschlichen Körpers gibt, die nicht, wenn nur ein Schimmer von Hoffnung auf Erhaltung des Lebens besteht, in Friedenszeiten bei rechtzeitigem Eingreifen des Chirurgen der Heilung zugeführt werden könnten. Wir kennen die großen Erfolge bei Stich- und Schußverletzungen der Bauchhöhle, trotz vielfacher Durchlöcherung und Zerreißung des Darmes, die Erfolge der Herznaht und der Gefäßnaht bei Verletzungen größerer Schlagadern, bei Operationen nach Blutungen in das Innere der Schädelkapsel und bei vielen anderen schweren Verletzungen. Man sollte also meinen, daß man imstande wäre, im Kriege derartige Verletzungen, die früher hoffnungslos waren, einer glücklichen Heilung entgegenzuführen. Leider sind jedoch trotz aller umfassenden Maßregeln und der vortrefflichen Einrichtung des Sanitätswesens der Armee die äußeren Schwierigkeiten, due sich derartigen rasch vorzunehmenden Eingriffen im Felde entgegenstellen, unüberwindlich, und so kommt es, daß die moderne Kriegschirurgie eine scharfe Unterscheidung machen muß zwischen der Art der Versorgung der Verwundeten und der ihnen zuteil werdenden Hilfe auf dem Schlachtfelde beziehungsweise auf dem Hauptverbandplatze und zwischen der Behandlung der Verwundeten im Feldlazarett und den hinter diesen gelegenen Kriegs- und Etappenlazaretten.

Die aktive Tätigkeit des Chirurgen im Felde ist außerordentlich beschränkt. Die moderne Schlacht mit den ungeheuren Massen von Truppen, mit der großen Ausdehnung des Gefechtsfeldes unter der weittragenden Wirkung des Artilleriefeuers gestattet den Sanitätsformationen nicht, während des Kampfes ihre Arbeit zu beginnen. Es können weder die Verwundeten vom Schlachtfelde aufgelesen werden, weil die Trägerkolonnen Gefahr laufen könnten, selbst weggeschossen zu werden, noch können sich die Leichtverwundeten, die imstande sind, zu gehen, nach rückwärts in Sicherheit bringen, weil sie Gefahr laufen würden, zum zweiten Male getroffen zu werden. Die eigentliche Tätigkeit des Arztes kann erst in der Nacht stattfinden, wenn das Feuergefecht mehr oder weniger zum Stillstand gekommen ist. Jetzt können sich die Sanitätsformationen dem Schlachtfelde soweit nähern, daß die Trägerkolonnen erfolgreich ihren Dienst aufnehmen können. Beim Schein der Azetylenlampen oder elektrischer Scheinwerfer wird das Schlachtfeld nach Verwundeten abgesucht, und diese werden jetzt auf Tragbahren dem Hauptverbandplatze zugeführt. Bei dem gewaltigen Andrang der Verwundeten und der außerordentlichen Kürze der verfügbaren Zeit müssen die Ärtze in fieberhafter Hast arbeiten; man kann sich lediglich darauf beschränken, dem Verwundeten gut sitzende Verbände zu machen, dem schwer Verwundeten die Schmerzen mit schmerzstillenden Mitteln zu lindern, gebrochene Gliedmaßen zu schienen und in Fällen dringendster Lebensgefahr kurzdauernde chirurgische Eingriffe vorzunehmen, wie zum Beispiel Arterienunterbindung bei bedrohlichen Blutungen, Amputationen zerschmetterter Gliedmaßen, Kehlkopfschnitt bei Erstickungsgefahr. Wenn aber auch diese Tätigkeit scheinbar undankbar und sehr beschränkt ist, so kann doch bereits hier schon durch erfahrene Kriegschirurgen außerordentlich viel Segen gestiftet werden. Die Art, wie ein Verband angelegt wird und wie die Wunden zu behandeln sind, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Durch Vermeidung aller Schädlichkeiten, die zu einer Infektion führen könnten, durch richtige Behandlung der Schußbrüche der Knochen, durch sachgemäßes Sortieren der Verwundeten für den Transport nach Art ihrer Verletzung (zum Beispiel Vermeidung des Transports bei Bauchschüssen und umgekehrt schleuniger Transport schwerer Schädel- und Gelenkverletzungen in das nächstgelegene Lazarett), durch Vermeidung der Verabreichung von Nahrung bei solchen Verwundeten, wo Verdacht auf Verletzung des Darmkanals besteht, kann sehr viel Segen gestiftet werden. Die Gefahr einer Wundinfektion ist bei kleinen Ein- und Ausschüssen verhältnismäßig sehr gering, weil durch die kulissenartige Verschiebung der Haut über die darunter liegenden Teile nach dem Moment des Durchschlagens des Geschosses die große innere Wunde gegen die äußere Umgebung so gut wie ganz abgeschlossen wird; freilich, falls schwere äußere Zerreißungen der Weichteile vorliegen, wird sich selten eine Infektion vermeiden lassen. Wer als Kriegschirurg tätig war, wird häufig gesehen haben, daß schwere Schußverletzungen, wie Schußbrüche der langfen Röhrenknochen aus dem oben angeführten Grunde, trotzdem sie überhaupt nicht verbunden worden waren, ohne jede Infektion zur Heilung gelangten.

Bezüglich der Behandlung der Schädelschüsse geht die Meinung der Kriegschirurgen noch auseinander, aber nach den Erfahrungen des letzten Balkankrieges neigt doch die überwiegende Mehrzahl derselbender Ansicht von Zoege v. Mannteufel zu, der solche Schädelschüsse, wo es sich um Rinnenschüsse beziehungsweise Tangentialschüsse handelt, möglichst frühzeitig, wenn irgend möglich schon auf dem Hauptverbandsplatze, operiert wissen will.

Das bisher Gesagte bezieht sich lediglich auf Verletzungen mit dem modernen Infanteriegeschoß. Verletzungen durch Artilleriegeschosse sind wesentlich schwerer. Verletzungen durch Granaten sind meist tödlich, wenn der Verwundete von einem größeren Splitter des Geschosses getroffen worden ist. Die häufigsten Artillerieverletzungen sind diejenigen durch Schrapnells. Das Schrapnell ist bekanntlich eine mit einer größeren Anzahl, etwa 200, Hartbleikugeln gefüllte Metallhülle, die in einer bestimmten Entfernung über dem Erdboden explodiert und nun ihren Inhalt in einer ziemlich breit streuenden Garbe nach abwärts sendet. Da die Durchschlagskraft dieser Kugeln wesentlich geringer wie die des Infanteriegeschosses ist, so bleiben sie häufig im Körper stecken und bilden schon dadurch eine größere Infektionsgefahr, und da sie ferner einen erheblich größeren Durchmesser als das Infanteriegeschoß besitzen, das sich mit seiner Spitze gewissernmaßen durch die Umhüllung hindurchbohrt, so pflegen die Schrapnellkugeln fast stets mehr oder weniger einen Teil der bedeckenden Kleidung in die Wunde zu reißen. Die Folge hiervon ist in vielen Fällen eine Infektion.

Trotz der strengen konservativen Behandlung und der scheinbar sehr geringen ärztlichen Tätigkeit auf dem Schlachtfelde hat diese Art der Behandlung doch sehr günstige Erfolge auszuweisen. Wir sehen Schüsse durch die Brust, wenn sie nicht unmittelbar auf dem Schlachtfelde zum Verblutungstode geführt haben, trotz Verletzung der Lungen, ja zuweilen sogar des Herzens zur Ausheilung kommen. Ich hatte selbst Gelegeenheit, im russisch-japanischen Kriege die Leichenöffnung bei einem an anderweitiger Ursache acht Wochen nach der Verwundung gestorbenen Soldaten zu machen, bei dem sich die große Hauptschlagader des Körpers von Geschoss durchschlagen zeigte; Ein- und Ausschuß waren bereits vernarbt. Also selbst derartige Verwundungen müssen nicht unbedingt zum Tode führen. Bauchschüsse, die früher immer tödlich waren, werden heute durch diese konservative Behandlung öfter geheilt. Die kleineren in den Darm geschlagenen Löcher verschließen sich durch Zusammenziehung der Darmmuskulatur und infolge rascher Verklebung der Öffnungen mit den angrenzenden Bauchfellteilendurch den entzündlichen Reiz. Begünstigend für die Heilung dieser Art Verletzungen kommt noch hinzu, daß der Darmkanal der Soldaten in der Schlacht wegen der langdauernden Märsche meist leer oder nur wenig gefüllt zu sein pflegt.

Großes Interesse haben in den letzten Feldzügen die Verletzungen der Blutgefäße und der Nerven erregt. Verletzungen selbst großer Blutgefäße pflegen, wie schon erwähnt, oft nicht zu tödlichen Blutungen zu führen, besonders wenn das Blut sich nicht in eine der großen Körperhöhlen frei ergießen kann, sondern sich in die umliegenden Weichteile einwühlen muß, zum Beispiel bei Verletzungen der Bein- und Armschlagadern. Man hat die Erfahrung gemacht, daß heute nur noch in sehr seltenen Fällen auf den Verbandplätzen die Unterbindung eines Blutgefäßes wegen Blutung vorgenommen zu werden braucht. Die Blutungen kommen zumeist von selbst zum Stillstand. Nach Aussaugen des Blutergusses pflegt es aber später häufig zu Komplikationen zu kommen, nämlich zur Bildung von pulsierenden Blutgefäßsäcken, die sich an der Stelle der nachgiebigen Gefäßwandnarbe unter dem arteriellen Druck ausbilden. Hier helfend einzugreifen, ist Sache des in den Etappen- oder Heimatlazaretten tätigen Chirurgen.

Schußverletzungen des Rückenmarks pflegen immer sehr schwere und meist tödliche Verletzungen zu sein, da es infolge der vollständigen Gefühlslähmung sehr rasch zum Aufliegen der Verletzten kommt, die dann meist einer septischen Infektion erliegen. Die Verletzungen der Nervenstämme bieten ein dankbares Feld der Tätigkeit der Chirurgen in den Etappen- und Heimatlazaretten. Durch Naht des freigelegten Nervs beziehungsweise durch Ausschneidung der ihn zusammendrückenden Narbe kann vielfach Heilung herbeigeführt werden.

Einen weiteren Raum im Gebiet der Kriegschirurgie nehmen die Knochenschüsse ein. Das souveräne Mittel für die Behandlung der letzteren ist, wie schon von Bergmann im russisch-japanischen Kriege festgestellt hat, der immobilisierende Gipsverband. Wenn es auch zumeist nicht möglich sein wird, alle Knochenschüsse auf dem Hauptverbandplatz schon einzugipsen, so liegen docvh die Feldlazarette dem letzteren so nahe, daß ein Transport mit einem immobilisierenden Schienenverbande keinen wesentlichen Unterschied bedeutet. Das Röntgen-Verfahren, das dem Friedenschirurgen eine unentbehrliche Hilfe bei allen Verletzungen des Knochensystems geworden ist, kann auf dem Hauptverbandplatz wegen Mangel an Zeit überhaupt keine Verwendung finden. Es wird erst in den größeren hinter der Front gelegenen Kriegslazaretten seine volle segensreiche Wirkung entfalten können.

Bereits im Feldlazarett beginnt die eigentliche Tätigkeit des modernen Kriegschirurgen, die sich dann noch im verstärkten Maße in den großen Lazaretten der Etappe fortsetzt. Im Feldlazarett, das zumeist in entsprechenden Baulichkeiten, wie Schulen, Kirchen, Gerichtsgebäuden usw. von dem Schlachtfelde nahe gelegenen Ortschaften improvisiert wird, unter Umständenaber auch in Zelten untergebracht werden kann, sind alle jene dringenden Operationen vorzunehmen, die auf dem Hauptverbandplatz wegen Mangel an Zeit und mangels der dazu notwendigen Einrichtungen unterbleiben mußten: hier werden die Operationen bei Schädelschüssen und bei Bauchfellentzündungen vorgenommen, hier werden Amputationen ausgeführt und Geschosse aus dem Körper entfernt, die durch ihren Sitz gefährlich werden, hier werden vor allem kunstgerechte Gipsverbände bei Knochen- und Gelenkverletzungen der Gliedmaßen angelegt. Auch im Feldlazarett kann der Chirurg noch nicht im vollen Umfang jene Tätigkeit entfalten, die er vom Frieden her gewöhnt ist. Die Aufgabe des Feldlazaretts ist es, die dringendsten chirurgischen Erfordernisse zu befriedigen, um dann die Verwundeten sobald als möglich nach rückwärts zu evakuieren beziehungsweise einem die Stelle des Feldlazaretts einzunehmen Kriegslazarett zu übergeben, weil das Feldlazarett eine mobile Formation darstellt, welche an die Bewegungen seines Armeekorps gebunden ist. Erst auf der nächsten Etappe, die der Verwundete erreicht, nämlich im festen Kriegslazarett, kann der Chirurg alle modernen Errungenschaften seiner Kunst ausnützen, deren Erfolge einem jeden aus der chirurgischen Friedenstätigkeit bekannt ist.