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Ermordeter Thronfolger

Der Aufstieg zur Legende

Er konnte den Lauf der Geschichte nicht beeinflussen. Doch in jeder Krise wird die Frage aufkommen: Was hätte Franz Ferdinand getan? Der ermordetet österreichische Thronfolger wird schon bald als Legende gelten.

In dem Telegramm, das er den Kindern des ermordeten Erzherzogs sandte, hat Wilhelm II. sehr schön und herzenswarm gesagt, die Liebe der Eltern lebe über das Grab hinaus. Aber wie den Kindern diese Liebe zurückblieb, wie sie schmerzlich erschütternd und sanft umleuchtend über ihrem Denken und Fühlen liegen muss, so werden durch dieses Licht auch die tragischen Figuren Franz Ferdinands und seiner Gattin über das Grab hinaus umhellt. „Lebe für unsere Kinder!“ hat der unglückliche Mann in der Umklammerung des Todes flehend gestöhnt, als er die Frau an seiner Seite schlaff, verendend, zusammensinken sah. Kein „historisches Wort“ über die Zukunft Österreichs, das er hätte aussprechen können, hätte uns seine Menschlichkeit so nahe gebracht.

Aber es kann niemanden entgehen, dass seit dem blutroten Drama auch sonst die Gestalt Franz Ferdinands im Urteil der Zeitgenossen sich höher zu recken scheint. Es mag ein Aufstieg zu gerechter Bewertung, es wird, vereint damit, ein Aufstieg in die Legende sein. Der Schatten, der nach außen hin über seinem Wesen lag, mildert sich durch die häusliche Helligkeit, sein zehrender Ehrgeiz gewinnt, indem die Erfüllung ihm jäh versagt wurde, eine tragische Kraft. Mit allem Kleinlichen seiner Natur und mit allem Großen seines Forderns, mit seinen Kämpfen und seinem Zusammenbruch, mit der Reinheit und den Schlacken und gerade mit dem Gemisch von alledem ist er im Grunde vollendet shakespearehaft. Man hat, fast bis in die letzte Stunde hinein, eine endliche Menge von Anekdoten über ihn erzählt. Wer kennt nicht die Ringstraßenscherze, die noch jüngst die Runde durch Europa machten, als Franz Josef an seinem Frühjahrshusten litt? Man hat ihm auch, in den Tagen der Balkankatastrophe, eine Zielsicherheit, eine Willensklarheit zugeschrieben, die er vermutlich nicht besaß. Diejenigen, die ihn in der Nähe sahen, bekunden, er habe manchmal dem starken Geiste Conrad v. Hötzendorffs nachgegeben und manchmal, wie die anderen, zwischen Wollen und Bedenken geschwankt. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass aus der Fülle der Widersprüche und Gegensätze und aus dem Anekdotenklatsch vor allem eine Empfindung übrig bleiben wird. Die unkontrollierbare Empfindung, dass er ein Mann und nicht nur ein Erzherzog der Hoftafel gewesen ist.

In allen Retrologen und auch in dem deutschen Regierungsnachruf wurden der Ernst und die Geschlossenheit seines Wesens betont. Das Wort Geschlossenheit trifft schwerlich zu, aber der Ernst, der zum Finsteren gesteigerte Ernst war, sobald er sich vom Familienraum abwendete, sein auffälliger Charakterzug. War es ein Ernst, der nur aus ungestilltem Ehrgeiz, aus innerer Freudlosigkeit und Verbitterung herrührte, oder einer, der von schwerem Nachdenken und tiefer Sorge kam? Beides mag sich zusammengefunden haben, aber die aufwachsende Generation wird vielleicht nur urteilen, dass Franz Ferdinand ernst und darum voll ernster Pläne war. Es gibt Zeiten, wo die ernste Miene, so unsympathisch sie scheinen mag, doch einen besonderen Wert gewinnt. Wo sie scheinen mag, doch einen besondern Wert gewinnt. Wo man sie fürchtet und wo sie doch wie ein Protest gegen das allgemeine Gehenlassen wirkt. Die meisten Zeitgenossen in Österreich-Ungarn haben mit bedrückter Seele der Thronbesteigung Franz Ferdinands entgegengesehen. Und doch ist es heute manchen, als gleite nun alles in das Hergebrachte mit seinen Enttäuschungen und seinen halben Tröstungen zurück.

Wenn Franz Ferdinand an all das herangegangen wäre, was er angeblich auf dem Wege vor sich sah – an die völlige Klerikalisierung, an den Bruch mit Italien, an den Trailismus und an die Aussöhnung mit dem Slaventum – dann hätte er vielleicht die Völker in eine schlimme Zukunft geführt. Vermutlich hätte er nicht alles, was man ihn andichtete, wirklich erstrebt und unternommen, hätte er nicht so viel Fahnen entfaltet, hätte auch er nach den Notwendigkeiten des Tages regiert. Es kann auch geschehen, dass der neue Thronfolger, durch die große Aufgabe geschult gestrige Eigenschaften und Talente entfalten wird, die niemand heute ahnt, und er mag weit mehr sein als nur ein brillanter Reiter, ein liebenswürdiger Kavalier und ein Schütze, der dort, wo der andere die Kreaturen mit ungemütlicher Hast zusammenschoss, die Gemse und die Sau mit fescher Fröhlichkeit jagt.

Er mag weit mehr sein, als nur ein „leutseliger Herr“ und ein Repräsentant jener Gemütlichkeit, die ein bisschen Schiffbruch erlitten hat – und er wird doch in manchem kritischen Augenblick unter dem stummen, verstummten Nebenbuhler zu leiden haben: unter dem Vergleich mit dem gefürchteten Franz Ferdinand. Denn er wird, welche Eigenschaften er sonst auch besitzen mag, zu einer Gattung gezählt, die man kennt oder zu kennen meint, Franz Ferdinand aber schien das Unbekannte, das Andersartige, das Unberechenbare zu sein. In jeder Krisis, in jeder Gefahr werden die Leute fragen; was hätte Franz Ferdinand getan? – und mitunter wird der Gedanke flüsternd sich ausbreiten, der ernste, unpopuläre Menschenverächter hätte die notwendige Faust des Staatenlenkers, hätte die allein rettende Art das allein heilende Mittel gehabt. Die Verzweiflungstränen seiner Kinder haben sich auf den beiden Särgen zu Perlendiademen gefügt, und keine Kaiserkrone hätte das Menschliche dieser Eltern so umlichten können, wie sie. Und wenn Franz Ferdinand nicht, wie er heiß erträumt hatte, für die Geschichte schaffen konnte, so bleibt seinem Namen doch ein dauernder Schimmer beschert. Wir wissen nicht, wie die Geschichte sein Bild gezeichnet hätte, aber die Legende wird auf seiner Seite stehen.