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Berichte über Meuchelmorde

Der Deutschenhass in Belgien

In Brüssel und Antwerpen ist es Augenzeugenberichten zufolge zu deutschenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Deutsche mussten aus Belgien fliehen und konnten dabei oft nur wenig ihres Besitzes mitnehmen.

Verhaftungen von Deutschen in Antwerpen.

Ein aus Antwerpen gestern Abend zurückgekehrter Berliner erzählte, dass vor zwei Tagen sämtliche Deutsche von der Polizei angewiesen wurden, innerhalb einer Stunde Antwerpen zu verlassen. Es wurde ihnen nicht einmal Zeit gegeben, ihr Eigentum mitzunehmen. Sie mussten alles im Stich lassen. Viele Deutsche, darunter zahlreiche Reserveoffiziere, wurden verhaftet. Es herrscht ein ungeheurer Deutschenhass. Sämtliche deutsche Wirtschaften wurden von dem Pöbel zertrümmert, viele Deutsche wurden auf der Straße überfallen und misshandelt.

Der Verleger des „Deutschen Anzeigers“ in Antwerpen, der auf der Flucht aus Belgien in Wesel eingetroffen ist, weiß sogar über Meuchelmorde an Deutschen (?) zu berichten. „Was mit den in Belgien zurückgebliebenen minderbemittelten Deutschen geschehen ist“, so erklärt er, „kann ich nicht sagen. Nach allem aber, was wir in den letzten 24 Stunden in Belgien durchmachen mussten, halte ich es für ausgeschlossen, dass sie mit dem Leben davongekommen sind, so groß war die Wut der belgischen Volksmassen, die keine Zivilisation mehr beachteten. Bei Rosendaal auf belgischem Boden ist man mit dem offenen Messer auf deutsche Frauen losgegangen, wobei viele verwundet wurden und nur noch mit Fetzen am Leibe ihren Verfolgern entgingen. Die deutschen Schulen, das Seemannsheim, das deutsche Konsulat sind vollständig zertrümmert, die Möbel wurden aus den Fenstern auf die Straße geworfen. Zahlreiche Meuchelmorde an Deutschen können von Augenzeugen bestätigt werden. Von Lüttich ist kein Weg zur Flucht offen. Die Reisenden, die Mittwochmorgen dahin abgefahren waren, kehrten zurück und setzten ihre Reise über Holland fort. Nur aus Belgien weg, das war der letzte und innige Wunsch aller, um der belgischen Wut zu entgehen. Noch in den letzten Tagen brachten fast alle belgischen Zeitungen Artikel, in denen geschildert wurde, wie Belgien alle Ursache habe, sich deutschfreundlich zu zeigen. Die Presse erkannte an, was deutscher Unternehmergeist und deutsches Kapital für Belgien getan haben, und wie die Deutschen den belgischen Handel gehoben hätten. Am Montag erschien dann in der Presse ein gefälschtes Manifest des Bürgermeisters von Antwerpen, der berichtete, dass Holländisch-Limburg von deutschen Truppen eingenommen worden sei und schwere Gefahr für Belgien bestehe, so dass über Antwerpen der Belagerungszustand verhängt werde. Dieses gefälschte Manifest musste auf ministerielle Anordnung hin dann wiederrufen werden, was durch die Presse jedoch in so kleinem Druck vorgenommen wurde, dass es von der Bevölkerung übersehen wurde. Der franzosenfreundliche Bürgermeister von Antwerpen hat also diesen großen Aufruhr mit den schrecklichen Folgen für die Deutschen hauptsächlich verschuldet. Wieviel Kapital in Belgien verloren worden ist, das ist heute noch nicht festzustellen. Die deutschen Besitzer der großen Werke und Reedereien, die Tausende von Menschen in ihren Betrieben beschäftigten, mussten ihre Fabriken und Geschäfte schließen, alles zurücklassen und flüchten, da niemand zu ihrem Schutze etwas unternahm. Die Lagerhäuser wurden vom Pöbel ausgeraubt, die Villen der reichen Deutschen geplündert.“

 

Von einem Deutschen, der soeben aus Brüssel zurückgekehrt ist, wird uns mitgeteilt:

War schon im allgemeinen immer die Stimmung der Brüsseler Bevölkerung den Deutschen gegenüber nicht besonders gut, wenigstens nicht annähernd so freundlich wie Frankreich gegenüber, so zeigte sie in den letzten Tagen ihr wahres Gesicht. Natürlich muss man dieses Übelwollen gegen die Deutschen in erster Reihe den Hetzartikeln der vielgelesenen französischen Presse zuschreiben, aber heute auch den von belgisch-offiziöser Seite herausgegebenen Telegrammen. Es wurde gemeldet, da Belgien ein deutsches Ultimatum abgelehnt habe, hätte Deutschland Belgien den Krieg erklärt! Darauf tobte die Bevölkerung gegen Deutschland in unflätiger Weise; man hörte nur Rufe: „A bas les Allemands! Vive la France!“ Alte deutsche Geschäfte, vornehmlich Bierhäuser usw. wurden demoliert, so dass den Inhabern nichts anderes übrig blieb, als die Geschäfte zu schließen. Alle Deutschen stürmten auf das deutsche Konsulat und baten um Schutz. Hier erhielt man als Antwort: „Nur so schnell als möglich aus Belgien heraus!“ Man könnte den Deutschen keinen Schutz gewähren und für nichts einstehen. Die Folge war, dass die Deutschen fluchtartig Brüssel verließen. Nun kam erst das Schlimmste: es war in der Eile natürlich nicht mehr daran zu denken, alles Notwendige zu ordnen, sondern man konnte nur ein nicht zu großes Stück Handgepäck mitführen, begleitet von dem Hohn und der Schadenfreude der hauptstädtischen Bevölkerung. Ich wohnte in einem deutschen Hause, das von einer deutschen Familie vor einigen Monaten gemietet und mit Möbeln ausgestattet worden war. Diese Leute hatten ihr ganzes Vermögen in dem Unternehmen angelegt und einzelne Teile des Hauses an mich und andere Deutsche vermietet. Alles dies sahen sich die Leute genötigt, im Stich zu lassen, eventuell mussten sie Einheimische mit dem Verkauf beauftragen. Natürlich glauben sie selbst kaum, jemals einen Pfennig davon wiederzusehen. Auch ich musste meine Sachen – Betten, Wäsche, Porzellan –, zum größten Teil auch meine Garderobe im Stich lassen und im Laufschritt, nur mit zwei kleinen Handgepäckstücken versehen, zur Bahn eilen, um Belgien zu verlassen. Mein bares Geld auf der Bank und Wichtigeres musste ich zurücklassen. Sahen die Belgier einen Auflauf auf der Straße, so stürzte alles hin und schrie: „Vive la France! A bas les Allemands!“ „Schlagt sie tot!“ Dagegen sah ich auf dem Boulevard einen französischen Soldaten, der sonst nichts Seltenes in Brüssel ist, von Tausenden von Belgiern begleitet, nicht nur von Kindern und jungen Leuten, sondern von allen, weißhaarigen, gebildeten Menschen, die wie unsinnig alle nur „Nieder mit Deutschland!“ brüllten. So flüchteten wir am 4. August über Holland, denn die belgische Grenze ist längst gesperrt. Jetzt kamen in Holland die Schwierigkeiten mit dem belgischen Geld, das man uns nicht abnehmen wollte. Über die Schwierigkeiten der Fahrt von Holland nach Berlin ist von anderen flüchtenden Reisenden schon berichtet worden.