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Nach amtlicher Bestätigung

Der Eindruck der Lütticher Nachricht in Berlin

Der Kaiser ließ die Meldung in Berlin verkünden: Lüttich ist gefallen! Nach anfänglicher Unsicherheit herrschte nun auf den Straßen Berlins endgültig patriotische Begeisterung.

Um sechs Uhr rief man sich die Nachricht von der Einnahme Lüttichs überall zu. Aber in diesen Tagen, wo die wildesten Gerüchte einander kreuzen, antwortete man den Frohgestimmten mit der vorsichtigen Frage: „Amtlich?“ Nein. Aber der eine hatte es von einem Schutzmann, der andere von einem Offizier. Den energischen Anspruch auf Glaubwürdigkeit aber vertrat ein Herr, der kurz  vorher das Tiergartenviertel passiert hatte. Vor der ehemaligen Villa Vegas war der Generaloberst v. Plessen in ein Automobil gestiegen und hatte des Vorübergehenden zugerufen: „Lüttich ist gefallen! Geben Sie es weiter!“ Man freute sich, aber man wollte doch noch die amtliche Bestätigung haben, bevor die Befriedigung ungehemmt durchbrechen sollte.

Eine halbe Sunde später fuhr ein Schutzmann auf dem Rad die „Linden“ entlang und durch die verkehrsreichen Rebenstraßen, um der Menge die gute Botschaft mit den Worten mitzuteilen: „Im Auftrage des Kaisers! Lüttich ist gefallen!…“ Jubelnde Zurufe begleiteten ihn auf der Weiterfahrt. Um dieselbe Zeit wurde die Nachricht im Lustgarten im Auftrage des Kaisers durch einen Flügeladjutanten öffentlich verkündet. Gewaltige Menschenmengen durchzogen die Friedrichstraße und versammelten sich in dichten Reihen längs der „Linden“. Von hüben und drüben, von links und rechts erklang das „Lieb Vaterland magst ruhig sein!…“, unterbrochen von stürmischen Hurras und Heilrufen. Von den Balkons der Hotels und Cafés flatterten die Taschentücher, und immer wieder wurde „Die Wacht am Rhein“ angestimmt. An der Kranzlerecke entstand eine Verkehrsstauung. Die Autobusse, voll besetzt mit einrückenden Soldaten, blieben stehen, und man tauschte mit den singenden Soldaten stürmische Grüße.

Vor dem dichten Gewühl hielt plötzlich der Wagen des Reichskanzlers. Herr v. Bethmann Hollweg und sein im Wagen sitzender militärischer Begleiter wurden akklamiert. Der Wagen musste halten: die dicht herandrängende, winkende Menge stimmte wieder die „Wacht am Rhein“ an. Vom Verdeck des Autobusses erklang der Jubel der Soldaten. Der Reichskanzler schwang den Zylinder. Zwei Schutzmänner konnten mit vieler Mühe die Weiterfahrt des Kanzlers ermöglichen. Aber der Wagen musste gleich wieder halten, denn eben kreuzte eine Reservistentrupp die „Linden“. Sie schwangen die braunen Pappkartons und sangen mit fröhlichen Minen: „In der Heimat, da gibt‘s ein Wiedersehen!…“ Alles war in heller Freude. Einige aber äußerten diese Freude doch etwas weniger stürmisch und meinten, dass dem imponierenden schönen Anfang noch andere, wuchtigere Taten folgen würden.

Das Schloss war, wie in den letzten Tagen, auch gestern in kleinem Umkreis abgesperrt. Auf der Schlossbrücke aber standen die Menschenmassen, winkten mit den Taschentüchern zu den erleuchteten Fenstern herauf und sangen patriotische Leider. Die Menge hoffte, dass der Kaiser erscheinen werde. Durch die Wilhelmstraße bewegte sich ein singender Zug vor das Reichskanzlerpalais. Herr v. Bethmann Hollweg fand ihn vor, als er in dem Palais ankam. Vorher war, den Wartenden unerkannt geblieben, Fürst Lichnowsky am Palais vorgefahren.