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Abmarsch der ersten Soldaten

Der erste Abmarsch

In Wien sind die ersten Soldaten in den Krieg ausgerückt. Vor der Kaserne säumten 20 000 Menschen die Straße. Nur, wer genau hinschaute, erblickte auch stillere Abschiedsszenen.

Wien, 29. Juli, nachts.
Die Neununddreißig sind populär. Dem Mittelstand aus der Mariahilfer Straße, der jeden Tag an der großen alten Stiftskaserne vorübergeht, ist dieses ungarische Regiment vertrauerter als manches deutsche. Sie sind jung, hübsch – und vor allem schneidige Musikanten, und haben somit alles, wovon die Wienerin träumt.

Aber heute Abend ist die Manöverstimmung verflogen. Den ganzen Nachmittag stauten sich die Tausende vor der Kaserne, doch nur, wer die Bedeckung eines Offiziers erwischen konnte, um durch das große Tor bei den Wachen vorbei zu gleiten, drang in den grün bewachsenen Kasernenhof vor. Dort warten tausend Mann. Alle sind grau, und man spürt voraus, wie schwer es zuweilen sein wird, Truppengattungen im Staube zu unterscheiden, da alles grau sein wird.

Feldmarschmäßig stehen, sitzen, liegen sie in Gruppen, bei den Gewehrpyramiden, neben den Pferden. Das sind kleine bosnische Braune, nicht größer wie Maultiere, aber stark wie Brabanter und flink wie Berber. Manche tragen die Maschinengewehre, manche unter regensicherer Plane Munition. Sie stehen geduldig da und denken, es geht nur ins Manöver, und über acht Tage haben sie wieder Ruhe.

Ihre Herren sind heiter und getrost, sie sind wie die Pferde klein, stark und flink, nicht von jenem groben Typus, den wir aus den Operetten kennen, mehr Mongolen als Ungarn. Sie aber wissen, diesmal geht es nicht uns Manöver. Unter hunderttausend Wiener Bürgern, die seit vier Tagen Straßen durchsingen, Plätze beleuchten, Hymnen applaudieren, sind diese tausend grauen Ungarn die ersten, die morgen hier nicht mehr erwachen werden. gerade, dass es wenig sind, nur tausend, nur in einem Hofe, den man überblicken kann, gibt ihnen die sichtbare Stellung. Halb mit Mitleid, halb mit Neugier umsteht sie das zivile Publikum und betrachtet sie wie die Stiere hinter der spanischen Arena, vor dem Kampfe – wie Morituri. Neben ihnen stehen schon die zusammengelegten Tragbahren, auf denen sie fortgetragen werden, und der mit der Binde mit dem roten Kreuz lacht und pufft den anderen, der sein Gewehr abprüft. Der organisierte Mord, der Mittel gegen sich selber mitschleppt, die furchtbare, kalte Logik einer Armee, eines Krieges und der Heilung wird wortlos deutlich in den beiden Soldaten, dem Schützen und dem Arzt, die vor dem Abmarsch noch einmal auf dem Kasernenhofe liegen, lachen und die Tabaksbeutel vergleichen: welcher wohl der hübschere sei.

Drüben in einem offenen Schuppen stehen fahrtbereit die Feldküchenwagen, und der Offizier demonstriert uns Töpfe, Kessel und Tiegel so exakt, als wäre er nie etwas anderes gewesen als Koch. Aber durch die Luke des Schuppens blicke ich in ein Kasernenfenster hinüber, und aus dem Dunkel meines Schuppens sehe ich drüben nichts als einen hellblonden Kinderkopf, der in der Sonne glänzt. Über dem Kopf streicht eine gebräunte Hand, immer wieder, und dass der Herr der Hand, der Vater, Soldat ist, kann ich mit Augen nur aus dem Ärmelende schließen, das auftaucht. Ich kann die handelnden Personen dieser Szene nicht sehen, dazu ist die Luke zu klein – nur die gebräunte Hand des Soldaten, wie sie drei Stunden vor dem Abmarsch das hellblonde Köpfchen streicht und wieder streicht. –

Um zehn Uhr kam niemand mehr in den Hof. 20 000 Menschen umsäumen die Straße. Das große Tor der Stiftskaserne steht angelweit, und aus dem Tore quillt der graue Zug im Laternenlicht. Die Fahne, die Musik – wieder und nochmal Radetzky. Prinz Eugen und die Hymne. 20 000 Menschen jubeln, als wäre es der Zug der Heimgekehrten. Sie aber marschieren in die Nacht hinein, männlich, getrost.

Alle tragen sie ein frisches Eichenblatt an der grauen Mütze. Manche warten. Die meisten marschieren, als wären sie allen. 20 000 Menschen geben tausend Menschen preis. Sie schicken sie fort, wie ihre Boten. Sie beten zu Hause, sie weinen. Aber sie setzen nicht sich als Preis.

Drüben vom Rathaus her dringen wieder die vereinigten Hymnen, achtzigtausend Veteranen und Kriegervereine jubeln zur erleuchteten Fassade empor, wo aus spitzbogigen Fenstern die Damen der Gemeinderäte grüßen, winken, Schleier schwenken, als wäre heute ein Siegesfest. Die Musikkorps durchschwirren einander. Bengalische Feuer setzen den Platz in strahlendes Licht, bis zum Halbrund des Burgtheaters, hundert Fahnen werden geschwungen, werden akklamiert. Wer unkundig hierher käme, der müsste glauben, der Friede sei erklärt und nicht der Krieg.

Aber indessen ziehen die tausend Mann durch die Straßen, mit einer einzigen Fahne, einer einzigen Musik, schmucklos grau, belastet mit Tornister, Mantel und Waffe, geradewegs mitten in die Nacht hinein.