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Wer hat die größten Chancen?

Der französische Automobil-Grand-Prix

Der Automobil-Grand-Prix, der in wenigen Tagen in Lyon stattfindet, wird sicherlich ein großer Erfolg werden. Wir erklären Bestimmungen, Strecke, Teilnehmer und Motoren.

Nur wenige Tage trennen uns noch von dem großen Rennen, das am 4. Juli auf der Rundstrecke bei Lyon ausgefahren wird. Die Strecke selbst, die Tribünen und die übrigen Baulichkeiten sind so gut wie fertig. Auch die Teilnehmer an dieser großen internationalen „Zerreißprobe“ sind bereit.

Ihre Fahrzeuge haben in den letzten Tagen morgens zwischen drei und fünf Uhr im Training die Strecke in einem Höllentempo abgefahren und erhalten jetzt ihr letztes Finish. Der Erfolg dieser größten automobilsportlichen Veranstaltung des Jahres wird keinesfalls ausbleiben. Die Wahl der Rennstrecke in der Nähe von Lyon, wo gegenwärtig eine internationale Städteausstellung stattfindet, das Reglement, kurz alles trägt dazu bei, dieser Veranstaltung eine ebenso große Beteiligung wie einen glänzenden Besuch zu sichern.

Die Bestimmungen des diesjährigen Grand Prix lassen sich in einem einzigen Leitsatz zusammenfassen: Die Strecke von 752 Kilometern an Kurven, Steigungen und Gefällen reicher Straße soll auf einem Wagen von maximal 4,5 Litern Gesamt-Zylinderhubvolumen und maximal 1108 Kilogramm Gewicht so schnell als möglich durchfahren werden. Der Schnellste ist Sieger! Über vierzig Konkurrenten sind zu diesem Rennen gemeldet, ein Beweis, dass dieses einfache Reglement weit mehr Anklang gefunden hat, als die auf den Benzinverbrauch der Wagen zugeschnittenen Rennbestimmungen des Grand Prix 1913.

Die Rundstrecke ist 37 Kilometer 600 Meter lang und muss zwanzigmal durchfahren werden; sie ist reich an unübersichtlichen Kurven, starken Gefällen und Steigungen, die zum Teil recht schwierig zu befahren sind. Überdies befindet sich in den Straßen des Ortes Givors noch eine Kurve, die genau im rechten Winkel abbiegt. Die Spitze des vom Kurs gebildeten Dreiecks liegt nördlich bei der Ortschaft Brignais, die etwa zwölf Kilometer von Lyon entfernt ist. Hier werden auch die Besucher von den Tribünen aus das herrliche Schauspiel genießen, wie die Fahrer mehr oder weniger virtuos die Kurve nehmen, die man ihrer Schwierigkeit wegen etwas kinkoppmäßig „Die Todeskurve“ getauft habt. Von dieser Stelle aus, die wegen der Vereinigung von sieben Straßen den Namen „Les sept ehemins“ führt, geht die Strecke 7,5 Kilometer in fast gerader Richtung nach Süden bis Givors, wo sich die schon erwähnte rechtswinklige Kurve befindet. Von Givors bis Rive de Gier sind es 12,5 Kilometer, die über sehr welliges Terrain führen und eine recht schwierige Kehre bei La Madeleine enthalten. Die dritte Seite des Dreiecks ist 17,4 Kilometer lang und führt von La Madeleine zum Ausgangspunkt zurück. Der interessanteste Beobachtungspunkt wird sicherlich an der Kehre bei La Mafeleine sein, wo die Zuschauer Sensationen erleben können. Die Tribünen in Les Sept Ehemis haben 180 Meter Länge und enthalten 4000 Sitzplätze. Im ganzen bieten die für den Grand Prix auf 100 Hektar Boden geschaffenen Anlagen Platz für 10 000 Personen und 3000 Autos. Natürlich ist auch für Post, Telegraph, Telephon, Restaurant und Bar in umfassender Weise gesorgt.

Von den gemeldeten 41 Wagen sind 38 schon seit Wochen in Lyon versammelt. Auch die Razzaro-Wagen, deren Beteiligung erst zweifelhaft erschien, sind in den letzten Tagen noch angekommen und nur die italienischen Caesar Wagen sind nicht rechtzeitig fertig geworden und werden nicht starten. Über die wirkliche Schnelligkeit der Wagen kann man heute noch nichts Bestimmtes sagen. Die Firmen selbst hüllen sich in Schweigen und man darf ruhig annehmen, dass die im Training gezeigten Schnelligkeiten, zum Beispiel der Durchschnitt von 107 Kilometer, den Lautenschlager auf Mercedes fuhr, nicht das Höchste ist, was unsere deutschen Wagen leisten können. Man scheint sich – auch bei den Franzosen, Engländern und Italienern – die Trümpfe bis zuletzt aufsparen zu wollen. Prophezeien ist ein undankbares Geschäft, aber man kann an Hand früherer Leistungen sich wohl ein Bild davon machen, welche Schnelligkeiten mit diesen Rennern, deren Maschinen nach Bohrung und Hub etwa in unsere 13-Steuer-Pferdeklasse passen würden, zu erwarten sind.

Im vorigen Jahre leistete ein Peugeot-Wagen mit einem Gesamthubvolumen von 3 Litern auf der Straße eine Schnelligkeit von 153 und auf der Brooklandsbahn eine solche von 172 Kilometern. Die Mehrzahl der diesjährigen Grand-Prix-Motoren haben Bohrungen von 92 bis 94 Millimetern und Hube von 160 bis 168 Millimeter, das dürften an der Bremse rund 125 PS Leistung ergeben. Somit kann man annehmen, dass die Höchstgeschwindigkeit der Fahrzeuge den 170 Kilometern pro Stunde nahekommen wird. Es ist interessant, die Teilnehmer ein wenig auf ihre Konstruktion zu betrachten. Unter den 38 Startern befinden sich nicht weniger als acht deutsche Wagen, fünf Mercedes und drei Opel. Während von den Opel-Fahrern nur Joerns ein international bekannter Fahrer von Klasse ist, haben von der Mercedes-Mannschaft vier, nämlich Lautenschlager, Salzer, Wagner und Pikelte schon internationale Rennen erfolgreich bestritten. Lautenschlager gewann bekanntlich den berühmten Grand Prix von 1908, wo von den ersten sieben Plätzen sechs durch deutsche Wagen, Mercedes, Benz und Opel, belegt wurden.

Das koupierte Terrain, in dem das Rennen gefahren wird, hat einzelne Fabriken veranlasst, ihre Wagen nicht nur mit den von den meisten Konstrukteuren als ausreichend erachteten vier Geschwindigkeiten, sondern mit fünf zu versehen, und zwar sind es Ragant, Delage und Schneider. Schneider hat sich eine ganz besondere Anordnung dadurch geleistet, dass der fünfte Gang m direkten Eingriff arbeitet und der vierte Gang so übersetzt ist, dass die angetriebene Welle mehr Touren macht, wie die Motorwelle. Diese Einrichtung ist jedenfalls mit Rücksicht auf die zahlreichen Gefälle getroffen, bei denen das Gewicht des Wagens zu seiner Beschleunigung besser ausgenutzt werden kann, ohne dass der Motor dadurch gezwungen wird, seine Tourenzahl mitzusteigern. Ein einziger ventilloser Wagen ist unter den Konkurrenten, der Schweizer Piccard-Pietet, der einen ventillosen Motor nach den englischen Arghil-Patenten besitzt. Alle Motoren, mit Ausnahme der Aquila-Italiana-Wagen mit sechs Zylindern, haben vier Vierzylindermaschinen. Sie sind sämtlich Blockmotoren mit Ausnahme der Mercedes, deren Zylinder einzeln stehen. Den längsten Hub hat Peugeot mit 169 Millimeter bei 92 Millimeter Bohrung, das heißt gleich 1,84:1. Sehr viele Konkurrenten arbeiten mit einem Verhältnis von 94 x 160, so zum Beispiel Opel, Aida, Schneider, Razzaro, Delage, Sunbeam. Alle Motoren sind desaxial gebaut, das heißt die Zylinder sitzen etwas seitlich von der Kurbelwelle, damit die Pfeuelstange beim Krafthube weniger schräg steht und durch die Reibung des Kolbens im Zylinder nicht so viel Kraft verloren geht. Kein Wagen hat sich auf die Thermosiphonkühlung verlassen, sondern alle haben Wasserpumpen zum Umtrieb des Kühlwassers. Die meisten Motoren haben Preßschmierung, ein Teil arbeitet mit gemischter Druck- und Tauchschmierung und nur die Aida-Wagen laufen mit einfacher Tauchschmierung.

Auch hinsichtlich der Kraftübertragung herrscht ziemliche Einheitlichkeit; alle Racer haben Cardanantrieb. Die meisten übertragen den Schub durch die Hinterfedern auf den Rahmen, eine Lösung, die bei genügend langen, breiten und flachen Federn durchaus genügt.

Sehr interessant wird die Rolle sein, die die Vorderradbremsen in diesem Rennen spielen werden. Man verspricht sich allerhand Vorteile von ihnen, die aber vielleicht überschätzt werden. Vier der ernstesten Konkurrenten haben ihre Wagen mit Vorderradbremsen versehen und zwar Delage, Peugeot, Piccard-Pietet und Fiat. Diese Rennwagen haben also Vorder- und Hinterradbremsen, die gleichzeitig angezogen werden können und dem Wagen ein sehr schnelles Verlangsamen oder Halten ermöglichen sollen. Schnelles Abbremsen und kurzer Bremsweg ist allerdings bei den zahlreichen und schierigen Kurven der Rennstrecke sehr wichtig, und da der Sieg hier von Sekunden abhängen wird, so kann die Vorderradbremse, wenn sie gut funktioniert und zu keinen Unfällen führt, vielleicht den Ausschlag geben.

Überflüssig, zu sagen, dass alle Firmen ihre Wagen mit abnehmbaren Rädern ausgerüstet haben, die fast durchweg hinten und so untergebracht sind, dass der Luftwiderstand nicht durch sie vermehrt wird. Alles in allem zeigen die Wagen ein viel rassigeres Bild als früher, wo die Reifen oder Ersatzräder oft hingen, wo eben Platz war. Bei der annähernden Gleichheit der Motorenleistungen wird dieser Grand Prix nicht ein Rennen der Motoren oder der Pneumatiks, sondern ein Rennen der Wagen sein. Die Teilnehmer starten in folgender Reihe:

1. Alba 1 (Tabuleau)
2. Opel 1 (Brechheimer)
3. Ragant 1 (Offer)
4. Daurhall 1 (Hancock)
5. Peugeot 1 (Apillot)
6. Schneider 1 (Champoileau)
7. Carfar 1 (fällt aus)
8. Razzaro 1 (Maizare)
9. Delage 1 (unleserlich)
10. Sunbeam 1 (Chakiagne)
11. Piccard-Pietet 1 (Cournier)
12. Aquila Italiana 1 (Boria d‘Argentino)
13. Fiat 1 (Cagno)
14. Mercedes 1 (Wagner)
15. Aida 2 (Spitz)
16. Opel 2 (Erndtmann)
17. Ragant 2 (Giskamp)
18. Daurhall 2 (Ralph de Palma)
19. Peugeot 2 (Gour)
20. Schneider 2 (Gabriel)
21. Cadar 2 (fällt aus)
22. Razzaro 2 (Porporato)
23. Delage 2 (Guvot)
24. Sunbeam 2 (Le Guinneß)
25. Piccard-Pietet 2 (Claro)
26. Aquita Italiana 2 (Constantini)
27. Fiat 2 (Fognano)
28. Mercedes 2 (Lautenschläger)
29. Aida 3 (Petroenchino)
30. Opel 3 (Joerns)
31. Daurhall 3 (Watson)
32. Peugeot 3 (Rigal)
33. Schneider 3 (Juvanon)
34. Razzaro 3 (de Moraes)
35. Delage 3 (Turav)
36. Sunbeam 3 (Refta)
37. Aquila Italiana 3 (Marfaclia)
38. Fiat 3 (Seales)
39. Mercedes 3 (Satler)
40. Mercedes 4 (Salzer)
41. Mercedes 5 (Pilette)

Wer besitzt die größten Chancen? Unter den Konkurrenten ragen die Mercedes, Opel, Delane, Peugeot und Fiat vielleicht am meisten hervor, wenn man nach den Probegalopps auf der Rennbahn urteilen will. „Urteilen“ natürlich nicht nach dem im Training erreichten Durchschnitt – denn keiner von den Besten hat seine wahre Geschwindigkeit gezeigt – sondern nach dem ganzen Benehmen von Fahrer und Wagen; schneller Anlauf, kurzer Bremsweg, leichte Wendigkeit, gutes Kleben auf der Straße, das sind Punkte, nach denen man sich einigermaßen richten kann.