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Der französische Botschafter verlässt Berlin

Der französische Botschafter Jules Cambon hat gestern eilig Berlin verlassen. Doch die vor der Botschaft versammelten nahmen von der Abreise kaum Notiz. Anders war das vor der englischen Botschaft, wo es nach Bekanntwerden der Rede Sir Edward Greys zu Ausschreitungen kam.

Der französische Botschafter in Berlin, Jules Cambon, hat gestern Abend zehn Minuten vor 10 Uhr Berlin verlassen. Bereits im Laufe des gestrigen Nachmittags waren die Akten der französischen Botschaft aus dem Botschaftspalais am Pariser Platz fortgeschafft worden. In kurzen Zwischenräumen verließen dann die Mitglieder der französischen Botschaft in Mietautomobilen das Palais, ohne dass das nur spärlich auf dem Platze weilende Publikum ihre Abreise bemerkt hätte. Erst in den Abendstunden wogte eine ungeheure Menschenmenge Unter den Linden und dem Pariser Platz, und nach 9 Uhr standen vor dem Palais der französischen Botschaft vielköpfige Menschenreihen. Die Rampe vor der Botschaft war in weitem Umkreise durch ein starkes Aufgebot von Schutzleuten abgesperrt. Wenige Minuten vor 10 Uhr erscheint der Botschafter und besteigt in Begleitung mehrerer Personen das Auto. Pfiffe und Pfuirufe werden laut. Der Wagen fährt rasch im großen Bogen die Rampe des Palais hinab, das Auto nimmt seinen Weg die Linden entlang und in rasendem Tempo ist es bald verschwunden.

Zu bedauerlichen Ausschreitungen ist es gestern Abend vor der englischen Botschaft gekommen. Schon nach dem Bekanntwerden der Rede Sir Edward Greys hatte sich vor dem englischen Botschaftsgebäude in der Wilhelmstraße eine große Menschenmenge angesammelt. Als die Extraausgabe des „Berliner Tageblatts“ den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Deutschland durch die englische Regierung bekanntmachte, wuchs die Menschenmenge vor der Botschaft auf Tausende an. Die beiden Schutzleute, die dort postiert waren, konnten dem Ansturm der Menschenmenge nicht standhalten. Die Massen drängten gegen das Palais, pfiffen, brachen in stürmische Pfuirufe aus, sangen die „Wacht am Rhein“ und „Deutschland, Deutschland über alles.“ Schließlich kletterten einige junge Leute an dem Palais empor und schlugen mit Stöcken sämtliche Fensterscheiben des Parterre ein.

Inzwischen war ein großer Trupp berittener Schutzleute requiriert worden, die zusammen mit einer größeren Anzahl anderer Beamten die Wilhelmstraße bis zu den Linden räumten. Tausende und Abertausende von Menschen standen jetzt Unter den Linden und warteten auf die Abfahrt des Botschafters. Um diese Zeit verließ der spanische Botschafter, den die Menge für Sir Edward Goschen hielt, gelungen, zum Hotel Bristol zu gelangen. Die Demonstranten wollten mit Gewalt in das Hotel eindringen, doch gelang es dem Grafen Sturm v. Sierstorpf, die Menge durch eine politische Ansprache von weiteren Demonstrationen abzuhalten. Aber noch gegen 12 Uhr standen Hunderte von Menschen vor dem Hotel.