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Pferderennen im Grunewald

Der große Preis von Berlin

Die Zuschauer des Pferderennens um den Großen Preis von Berlin bekamen auf der Rennbahn im Grunewald einen spektakulären Renntag geboten: Ein Außenseiter nach dem nächsten stürzte die Favoriten.

Es war einer der sonnerfüllten Julitage, die den Himmel blauer, das Grün des Rasens leuchtender und die Augen der Menschen strahlender erscheinen lassen, als sie es in Wirklichkeit sind. Aus der Buntheit, die das Publikum in die ausgedehnten Räume der Grunewaldbahn brachte, hob sich immer deutlicher das Weiß heraus, das in den Kostümen und Kleidern der Damen dominierte. Weiß war tonangebend, weiß vom Reiherbusch bis zu den Schuhen, oder weiß mit schwarz kombiniert in Umhang oder Cape. Es war das Bild der großen Tage des Rennsports, wenn man auch gerade vom Großen Preis von Berlin nichts Großes erwartete. Kaum dass die übliche Spannung, die sich vor jedem Rennen bemerkbar macht, eine Nuance intensiver wurde, als sich die Kandidaten für den Großen Preis auf die Bahn begaben.

Was sollten Listig, Hadschar, Einwandfrei, was schließlich auch Orelio gegen Dolomit und Ariel ausrichten, von denen der erstere mit Archibald im Sattel „erscheint“, aber jeder nach allgemeiner Überzeugung allein gut genug war, den reichen Preis zu gewinnen. Man erwartete eine zahme Affäre und erlebte eine Sensation.

Gleich der erste Versuch am Start galt und mit Listig in Front sah man das Feld hinter dem Kaiserpavillon hervorschießen. Dolomits Reiter duldete den Außenseiter, der sich so keck zum Piloten aufschwang, auch in der langen Seite bis zur zweiten Biegung in Front und legte sich erst in der kurzen Wand neben ihm zurecht. Ariel, Hadschar und Einwandrei blieben dichtauf, Orelio dagegen lief für sich klar inter dem Felde ein Rennen auf Warten. So ging es, nicht zu schnell und nicht zu langsam, bis zur Einlaufsecke, wo Dolomit Ernst machte und Listig stehen ließ, um in der Geraden sein übliches Kantertempo anzunehmen. Da tauchte aus dem Hiintertreffeen mit einem Male Orelio auf, war schnell an Listig und Hadschar vorbei und schon auch in gefährlicher Nähe bei Dolomit. Es war bald klar, dass dieser Vorstoß an dem Favoriten vorbeiführen musste und viele Augen suchten Ariel. Aber auf dem schwang Skade bereits die Peitsche, ohne dass der Derbysieger auch nur Hadschar passieren, geschweige dem bedrängten Stallgefährten zu Hilfe eilen konnte. Dieser aber leistete nur noch schwachen Widerstand und musste zusehen, wie Orelio unter dem Jubel der Zuschauer an der Distanz von ihm wegzog und schließlich mit über einer Länge Vorsprung das Rennen siegreich beendete. Sogar Hadschar lief noch dicht an den gestürzten Favoriten heran, Listig war Vierter. Einwandfrei Fünfter und Ariel Letzter! Alles drängte danach, die Rückkehr des Siegers zur Wage aus nächster Nähe zu sehen, mitzuschreien in den Hochrufen auf Orelio und seinen Jockel, ja bis in den sonst ängstlich dem Publikum verschlossen gehaltenen Vorraum der Wage zwängte sich das begeisterte Publikum. Das Turfglück ist launisch; noch wankelmütiger aber ist die Gunst der Menge. Kaum dass einer die Tragik spürte, die in dem jähen Sturz der Hoffnungen des Stalles Oppenheim lag. Mögen die Turfweisen zur Erklärung der Niederlage Dolomits sagen, dass ein Wunderpferd dazu gehört, unter 67 Kilo ein solches Rennen zu gewinnen, dass Ariel sein Bestes vorläufig im Derby gelassen hat und dass der Hengst von seinem Reiter mäßig und entgegen der erhaltenen Order geritten wurde, die Menge jauchzt dem Sieger zu. Vielleicht sah sie in diesem Falle einen Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit.

Orelios Triumph war nicht die einzige Überraschung an diesem denkwürdigen Tage. Man kann vielmehr sagen, dass ein siegreicher Außenseiter dem anderen die Hand gab, was eher stimulierend als abschwächend auf die Wettluft wirkte und wenn nicht das große Rennen so wenig zum Wetten gereizt hätte – wer hat Lust, für oder wider eine Kombination wie Dolomit-Ariel sein Geld zu riskieren?

So wäre der Rekord an der Maschine sicher geschlagen worden. Es fing gleich gut an damit, dass Caliari aus dem Weinbergschen Stall im Preis von Spandau, wo man ihm gegen Kalchas, Ladyird und Weichselmünde gar keine Chance geben konnte, seinen ersten Sieg seiner Laufbahn erfocht. Das nächste Rennen, das Station-Handicap, sollte Animato landen. Es gewann aber Dryade, die zuletzt auf der gleichen Bahn Verkaufspferde nicht hatte schlagen können. Etwas Licht wurde, als im Preis von Tetschendorf Archibald und Shaw auf Cabriolet und Minne zeigten, was ein guter Jockel für einen Zweijährigen bedeutet. Die beiden Amerikaner hatten ihre Pferde bald vom Rudel frei und fochten in einem Finish, in dem Archibald entschieden der Stärkere war, das Ende unter sich aus. Nach dem Großen Preis holte sich der Stall Oppenheim eienn zweiten Trost, in dem Grandezza überraschend leicht mit Bella Luna fertig wurde, und zwar in der blendenden Zeit von 1 Minute 1,4 Sekunden. Eine feine Leistung, gegen die auch Swirtigals rechte Schwester Swanhild Rorana und die übrigen nicht entfernt aufkommen konnten. Eine Enttäuschung für viele brachte aber wieder das Fervot-Rennen, das Longs Stall nicht mit Lapalie, sonderm mit Mentor gewann gegen Diamant und Winni, nachdem so hochgewettete Pferde wie Russie und Aschanti ihre Chance gänzlich am Start gelassen hatten. Versöhnend wirkte indes die Sicherheit, mit der zuletzt der zuverlässige Shurgold den Favoriten Swift im Slaby-Rennen nach Hause brachte. Der letzte Eindruck, nicht wie sonst im Lebn der erste, war gester im Grunewald der beste.

Preis von Spandau. 8200 Mark. Distanz 1800 Meter. Herren A. und C. v. Weinbergs Caliari (Shaw) w. Kal, Hauptgestüt Graditz‘ Weichelmünde (Winter) 2. Dr. Lemckes Kalchas (Raffenberger) 3. Nach Kampf sicher mit einer halben Länge gewonnen – 2 – ¾ L. Tol.: 225 : 10. Pl.: 36, 17, 11 : 10. Ferner liefen: Ladybird, Odaliste, Carino, Blumensegen.

Stadion-Handicap. Preis 10 000 Merk. Distanz 1600 Meter. Dr. Lemckes Dryade (Olejnik) 1. Fryrn v. Entretz-Fürstenecks Gallust (Shatwell) 2. Hrn. W. Lindenstädts Animato (W. Plüschle) 3. Nach Kampf mit einem Hals gewonnen – ¾ – 5/4 L. Tot.: 158 : 10. Pl.: 45. 39, 16 :10. Ferner liefen: For. Otta, Saint Denis, Bafikenz, Jungbrunnen, Donners Bruder, Wahrheit, Solmono, Raute, Donnatella, Gernot.

Preis von Detschendorf. 5000 Mark. Distanz 1000 Meter. Frhrn. v. Oppenheims Cabriole (Archibald) 1. Hrn. Erlers Minne (Shaw) 2. Hrn. Schaps‘ Irefix (Slade) 3. Nach schärfstem Kampf mit einem Kopf gewonnen – 2 ½ – 1 L. Tot.: 43 : 10, Pl.: 20, 34, 28 : 10. Ferner liefen: Ginster, Sandwirthin, Lützow, Champagner, Cornelius, Leckermäulchen, Pommery, Sella.

Großer Preis von Berlin. 100 000 Mark. Distanz 2400 Meter.
Herren A und E. v. Weinbergs 3j. br. Orelio (Shaw) 1.
Frhrn. v. Oppenheims 5j br. H. Dolomit (Archibald) 2.
Gestüt Rudlinghovens 3j. Schw. H. Hadschar (J. Lane) 3. J.-H. Listig (Shurgold) 4.
Herren v. Lennigsenz 3j. br. H. Einwandfrei (Gordon) 5.
Freiherrn v. Oppehnheims 5j. br. H. Ariel (Slade) 6.
Sehr sicher mit fünfviertel Längen gewonnen – ½ Länge -3 Längen.
Zeit: 2 : 34,9 Tot.: 58 : 10. Pl.: 14. 12 : 10.

Preis von Bindow. 5000 Mark. Distanz 1000 Meter. Freiherren v. Oppenheims Grandezza (Archibald) 1. Herrn Daniels Bella Luna (F. Lane) 2. Herrn v. brandt-Edimerwitz‘ Swanhild (H. Teichmann) 3. Überlegen mit anderhalb Längen gewonne 3 Längen bis ½ Länge. Tot.: 24 : 10. Pl.: 12, 12, 22 : 10. Ferner liefen: Felstrud, Sapperlot, Korana (4), Säule, Fayence.

Ferdor-Rennen. Preis 13 000 Mark. Distanz 1400 Meter. Dr. Lemckes Menton (Davies) 1. Freiherrn v. Oppenheims Diamant (Archibald) 2. Herrn Westens Winni (Diplan) 3. Sicher mit dreiviertel Längen gewonnen – ½ Länge – Kopf. Tot.: 123 : 10, Pl.: 16, 23, 38 : 10. Ferner liefen: alice, Allerweltskerl (14) Staccignata, Wiener Mädel, Goethe, Froschkönig, Freimut (4), Sin Boy, Cosimo, Panter.

Eventualquoten. 1. Rennen: 1. Caliari 225, 2. Weichselmünde 46, 3. Raschas 26, Ladybird 51, Odaliske 50, Carino 80, Blumensegen 115. – 2. Rennen: 1. Dryade 158. 2. Sallust 180, 3. Animato 39, For 75, Okka 300, Saint Denis 327, Bafileus 118, Jungbrunnen 93, Donners Bruder 85, Wahrheit 745, Solmoma 101, Raute 147, Donnafelice 142, Gernot 141. – 3. Rennen: 1. Cabriolet 43, 2. Minne 85, 3. Frefie 114, Ginster 144, Sandwirthin 45, Lutzoio 225, Champagner 413, Cornelus 178, Leckermäulchen 154, Pommery 73, Sella 84. – 4. Rennen: 1. Orelio 56, 2. Dolomit 11, 3. Hadschar 206, Listig 568, Ariel 11, Einwandfrei 387. – 5. Rennen: 1. Grandezza 24, 2. Bella Luna 24, 3. Swanhild 219, Felskeud 174, Sapperlot 80, Rorana 137, Säule 221, Fayence 361. – 6. Rennen: 1. Menton 123, Diamant 155, 3. Winni 103, Ruffle 75, Aschanti 106, Rokeketz 92, Deutschrecke 388, Nachtschatten 113, Lavalle 58, Fabella 45, Rinive 232, – 7. Rennen: 1. Swift 92, 2. Olixis 82, 3. Levidus 156, Alice 814, Allerweltskerl 309, Stacetonata 61, Wiener Mädel 175, Goethe 270, Froschkönig 80, Freimut 88, Sly Bob 326, Cosimo 79, Panter 208.

Die Entreeeinnahme am gestrigen Renntage belief sich auf 74 000 Mark gegen 88 000 Mark im Vorjahr. Auch der Totalfaktorumsatz blieb mit 822 515 Mark um 30 000 Mark hinter dem des Vorjahres zurück. 502 185 Mark wurden auf Sieg und 330 360 Mark auf Platz gewettet.