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Die Eröffnung des Großschifffahrtsweges durch den Kaiser.

Der „Hohenzollernkanal“.

Das große Werk einer rastlosen, vorwärtsschreitenden Technik, der Großschifffahrtsweg Berlin-Stettin, der das Plateau von Niederbarnim kühn überwindet, sich über Höhenunterschiede hinwegsetzt, durch Wald und Wiesen bringt, ist heute im Beisein des Kaisers feierlich eröffnet worden.

Trübe Regenwolken lagen über dem Festplatz, zu dem das Gelände an dem berühmten großen Hebewerk umgestaltet worden war. Farben gab es aber in diesem Bild genug, eine hundertfältige Flaggengala zierte die weitschichtigen Anlagen. Girlanden aus Tannen- und Birkenreisern hingen da, so schön, wie wir sie nur bei Berliner Einzügen gewohnt sind. Am schönsten aber war das Bild rundum, war das blaue, leicht bewegte Wasser des Kanals mit seinen bunt bewimpelten Kähnen und der feierlich herausstaffierten Berliner Schifferkirche, waren die Weisen und gelbgeblümten Uferstreifen, die dichten Kiefern mit flammend roten Stämmen. Ganz fern grüßten die dichten Waldungen von Hohen-Finow herüber, ein Stück vom Gutsbesitz des Reichskanzlers. Die Gegend von Nieder-Finow, in der die Schleusentreppe liegt, und die sonst recht einsam im Schoße ihres Wald- und Wiesengebiets träumt, sah heute die Gäste. Zwischen den Böschungen, Ladestellen, Liegestellen, Landungsbrücken und Wendeplätzen des Schleusenwerkes, hatten sich eingefunden die Minister, die Vertreter der beteiligten Körperschaften und Mitglieder der Stadtverwaltungen, die von dem Großschifffahrtsweg eine besondere Förderung ihres kommerziellen Wohlstandes erwarten. Man sah Minister v. Breitenbach, Minister Dr. Sydow, Minister v. Löbell, Staatssekretär Dr. Delbrück, Minister Dr. Lenze, Dr. Beseler; ferner den Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg von der Schulenburg, den Regierungspräsidenten von Potsdam Freiherrn v. Falkenhausen, den Oberpräsidenten von Waldow-Stettin, den Reichtagspräsidenten Dr. Kaempf, die Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses Dr. v. Krause und Dr. Porsch, den Präsidenten des Herrenhauses v. Wedel-Piesdorf, den Vizepräsidenten des Herrenhauses Dr. v. Becker, Oberbürgermeister Wermuty, den Stadtverordnetenvorsteherstellvertreter Gaffel, den Gouverneur der Marken Generaloberst v. Kessel, Oberlandsortsmeister Wesener, Unterstaatssekretär Freiherrn Goels von der Brügghen, den Polizeipräsidenten v. Jagow. Ferner waren anwesend: Graf Hutten-Ezapist, Graf v. Arnim-Boißenburg, der Oberpräsident der Provinz Polen v. Eisenhart-Rothe, die Herren v. Mendelsohn, Graf v. Zieten-Schwerin sowie viele Mitglieder beider Häuser des Landtags, die Direktoren des Herrenhauses und Abgeordnetenhauses David und Plate.
Der Kaiser, der am frühen Morgen das neue Palais verlassen hatte und im Automobil über Werneuchen, Freienwalde und Oberberg gefahren war, traf gegen elf Uhr auf dem Festplatz ein. Er trug die Uniform der Gardes du Corps. In seiner Begleitung befand sich Prinz Augustus Wilhelm. Nach der Begrüßung hielt Minister v. Breitenbach eine Ansprache, die mit einem dreifachen Hoch auf den Kaiser schloss. Hierauf gab der Minister die auf Anlass der Kanaleröffnung verliehenen Auszeichnungen bekannt. Der Kaiser dankte allen, die an dem Werk mitgeholfen hatten, und erklärte den „Hohenzollernkanal“ für eröffnet. Darauf besichtigte der Kaiser die umfangreichen Anlagen der Schleuse, ließ sich ihre Handhabung an einigen praktischen Vorführungen erklären und wanderte von Schleuse zu Schleuse bis zur tiefstgelegenen Schleuse 1. Hier fand eine instruktive Erklärung der Pläne und Modelle, vor allem auch des großen aufgestellten Modells für das projektierte und technisch sehr interessante Schiffshebewerk statt.
Die schlanke, saubere Kaiserjacht „Alexandra“ hatte am Beginn des unteren Kanals festgemacht. Der Kaiser betrat die Jacht und erlebte nun selbst mit seiner Begleitung den interessanten Moment des Durchschleusens, wobei der Dampfer bei jeder Stufe um neun Meter aus dem tiefen Dunkel der steilen Schluchtmauern in die Höhe gehoben und auf der nächsten Stufe um ein Stück weiter geführt wurde. Das alles ging glatt vonstatten. In ihren Angeln knirschten die Schleusentore, surrten unterirdisch die Motore, rauschte unsichtbar das verdrängte Wasser. Auf der obersten Schleusenstufe kam dann der ereignisreiche Augenblick, die symbolische Handlung der Kanalöffnung. Eine von Ufer zu Ufer gespannte Schnur wurde vom Bug des Kaiserschiffes durchschnitten. Das Kaiserschiff, mit seiner bunten Flotte von kleinen Dampfern im Gefolge, fuhr nun zunächst über den sogenannten Ragöser Damm hinweg, jener Aufschüttung der Kanalsohle, die sich gegen 30 Meter über dem Tale erhebt. Die nächste Station war an der imposanten Wassertorbrücke bei Eberswalde errichtet, wo nach der Vorführung des Wassertorwerkes ein neuer Festplatz den Kaiser in Empfang nahm.
Die Stadt Eberswalde, die am Bau des Kanals ein besonderes Interesse hat, war hier durch ihren Magistrat mit Oberbürgermeister Hopf vertreten. Schulen und Vereine hatten auf dem sandigen Terrain, das den Eberswalder Stadtforst umsäumt und sich bis dicht an die Ufer des Kanals erstreckt, Aufstellung genommen. Das gab wieder ein hübsches Bild: weiße Mädchenkleider im Schatten der alten Kiefern, Blumen und Fahnen. Hart am Kanalufer säumten dichtgedrängte Menschenmassen den Wiesenrand, hoch darüber hinweg dehnte sich das flaggengeschmückte Massiv der Wassertorbrücke. Während aus dichten Wolken leise Regentropfen herniederfielen, legte die „Alexandra“ an, und der Kaiser betrat, vom Bürgermeister Hopf begrüßt, die Landungstreppe. Auf die Ansprache antwortete der Kaiser mit einigen freundlichen Worten, indem er der Hoffnung Ausdruck gab, dass die Stadt Eberswalde unter der Einwirkung des neuen Schifffahrtsweges einen großen Aufschwung nehmen würde. Die Tochter des neuen Bürgermeisters überreichte im Namen der weiblichen Bewohner der Stadt Eberswalde dem Kaiser einen Strauß Marschall-Niel-Rosen. Nach der Feier fand im Restaurant „Harmonie“ in Eberswalde ein Festessen statt, zu dem sämtliche Teilnehmer der Fahrt geladen waren. Der Kaiser fuhr kurz vorher im Automobil durch die reichgeschmückte Stadt Eberswalde nach Potsdam zurück.