Kaiser Wilhelm II. mit einem Pferd Datenprovider: Berlin State Library

Politik > Deutsches Reich >

Portrait

Der Kaiser

In 25 Jahren seiner Regentschaft hat Kaiser Wilhelm II. wohl ein Dutzend politischer Krisen in Europa durchlebt und den Frieden bewahrt. Wenn er sich nun also zum Krieg entschließt, dann muss ihn etwas Besonderes zu diesem Entschluss bewegt haben.

Am Ende fallen alle Entscheidungen doch aus dem Gefühl. Große geschäftliche Transaktionen, das Für und Wider eines Ehebundes, Berufung auf einen wichtigen Posten – nach allen Berechnungen des Verstandes, nach allen Abwägungen logischer Konsequenzen, nach Vorbedacht, Berechnung und Erwägung kommt der Augenblick, wo das Ja oder das Nein von den Lippen eines Menschen fällt, der seine Intelligenz wie in eine Wolke verdichtet, sozusagen selber verdunkelt hat. Gefühl ist dann alles, und die Entscheidung fällt ganz und gar aus der Seele.

Jahrelang ward dieser Krieg bedacht, verworfen, berechnet wieder verworfen. Nun plötzlich in acht, fünf Tagen stieg das Crescendo hoch, das Stichwort wurde den Herrschenden vorgelegt, die Geschichte stellte sie vor ein Ultimatum. Durch den Draht verhandelten die Kabinette, als ob sie in einem Zimmer säßen, Erwägungen flogen hin und zurück, man rechnete, gab nach, zählte zu. Schließlich war alles abgewogen, alle Standpunkte fixiert, sechs Mächte, bisher in Bewegung und Gegenbewegung, stehen sich schließlich stumm gegenüber. Die Wage steht ein und wartet.

Durch 25 Jahre hat der Kaiser in einem halben Dutzend europäischer Krisen bewiesen, dass er Frieden will. Er hat es in Jahren bewiesen, in denen ein unerwartet jung zum Thron gelangter Mann, kaum dreißig, den natürlichen Wunsch nach geschichtlicher, weithin fühlbarer Leistung, nach dem Verdienst und seiner Krone nur schwer Einhalt gebieten mag. Zu einem Zeitpunkt, wo er wie alle Welt hinausfährt in den Sommer, rufen ihn die Ereignisse zurück. Er kommt, er setzt seine Kräfte ein, um die Katastrophe einzudämmen. Wenn dieser Mann heute die Hand hob, um ein Reskript zu unterschreiben, das zu zeichnen er durch zweieinhalb Jahrzehnte bei jedem Anlass sich weigerte, so kann nicht nur die „Kriegspartei“ – die es bei uns wie überall gibt -, so muss, nach allen kalten Erwägungen des Offiziers und Staatsmanns in ihm, am Ende ein Gefühl entschieden haben. Eine Seele, bewährt im Feuer des Ehrgeizes und der Expansionswünsche, gehärtet in der Entsagung, die jedem Offizier der dauernde Friede kostet, muss im innersten Gefühle getroffen worden sein, ehe sie sich nach der Mitte des Lebens zum ersten Mal zum Kriege wendet. Der Zar hat dies Gefühl in ihm erregt.

Der Zar bittet den deutschen Vetter, mit Österreich zu vermitteln. Der Deutsche tut’s. Zugleich erfährt er, dass der Russe rüstet. Er tut es weiter, im Vertrauen auf Loyalität, Ritterlichkeit, Noblesse eines Kaisers. Der aber nutzte die Tage aus, und während er den anderen am Frieden wirken lässt, bereitet er den Krieg.

Eine solche Handlung allein genügt, um einen Mann von Redlichkeit mit einem mal durch das Gefühl zu einem Entschluss zu bewegen, den die Staatskunst allein nicht satzt.

Man kann sich als Gegner dieses Krieges bekennen. Man kann sich zu gewissem Teil als Gegner der Politik bekennen, die von den von diesem Kaiser ausgewählten Männern gemacht wird. Heute aber muss man mit Ehrfurcht und mit Schweigen vor dem Gefühl dieses Mannes stehen, der mit ergrauten Haaren tut, was ihm der helle Jugendmut nicht abzuzwingen wusste.

Am Nachmittag fuhr der Kaiser mit der Kaiserin in sein Schloss. Die Menge brach durch die Kordons, der Wagen kam kaum vorwärts. Der Kronprinz folgte und mit ihm die feurige Frau und der Knabe, der die Krone tragen soll. Die Prinzen folgten, der Kanzler, die Minister, Prinz Heinrich, Admirale, Generale. Alle hatten das helle Auge von Männern, die glücklich sind, dass ein Entschluss gefallen ist, endlich ein Entschluss.

Nur der Kaiser schien eine Maske von Eisen zu tragen. Er grüßte wohl, aber er schien niemand zu sehen. Schien nichts zu hören. Er sah niemand. Er blickte geradeaus, bleich, stumm, stählern. Bei allen anderen belebte Jugend, Tatenlust, Hoffnung die Züge. Er allein trug unsichtbar die Last des Entschlusses.

Und während die Berliner ihm zujubelten, fuhr er mit einem unvergessbar starren Blick, bewegungslos und mit dem Ausdruck eines fühlenden Fürsten, der für eine Stunde alle Erwägungen in sich zum Schweigen brachte, an der Seite seiner Frau in sein Schloss.