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Eklat bei Stapellauf

Der Kaiser und die Werftarbeiter

Beim Stapellauf eines neuen Schiffes der Hamburg-Amerika-Linie ist es offenbar zu einem Eklat zwischen Kaiser Wilhelm II. und Werftarbeitern gekommen.

Beim Stapellauf des neuesten Riesendampfers der Hamburg-Amerika-Linie haben sich auf der Werft vom Blohm u. Voss entsetzliche Dinge zugetragen. Patriotische Gemüter, die darüber auf tiefste empört sind, haben erst nachträglich genügend Fassung gefunden, die Vorgänge zu schildern. Wie es kam, darüber gehen freilich die Berichte der Augenzeugen auseinander. In norddeutschen und mitteldeutschen Zeitungen ist zunächst mitgeteilt worden, der Kaiser habe beim Gang zu Taufkanzel die Arbeiter, die sich an ihn herandrängten, keines Blickes gewürdigt. Andere Augenzeugen haben darauf erwidert, dieses Verhalten des Kaisers sei die Antwort darauf gewesen, dass die Arbeiter, als er an ihnen vorüberschritt, die Hände in die Hosentaschen und die Mütze auf dem Kopf behielten. Das habe auf den Kaiser ersichtlich einen peinlichen Eindruck gemacht; er habe sich ostentativ von den Arbeitern, ab- und den Senatoren, Direktoren und Beamten zugewendet, die ihn mit dem Zylinder in der Hand und mit tiefem Bückling empfingen.

Ungefähr so mag sich der Vorfall wirklich abgespielt haben. Die Werftarbeiter haben im „Hamburger Echo“ sich dahin geäußert, dass der Kaiserbesuch in der Tat ihnen keine Freude bereite. Sie verlieren durch die damit verbundenen Feierlichkeiten nur Arbeitsverdienst und werden beim Stapellauf des aus ihren Händen hervorgegangenen Schiffes in den Hintergrund gedrängt. Der Gedanke an die vielen auf der Werft verunglückten Kameraden, für die nur unzureichend gesorgt sei, stimme sie auch nicht heiterer, zumal wenn sie sich bekannter Äußerungen Wilhelms II. dabei erinnern. Es lag also Grund genug zu jener stummen Demonstration vor, an der übrigens auch dann nichts auszusetzen wäre, wenn sie lediglich der allgemeinen Stellung der Arbeiterschaft zur Monarchie hätte Ausdruck geben sollen.