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Folgen unabsehbar

Der Krieg und der Sport

Die Mobilmachung hat bereits Auswirkungen auf Sportveranstaltungen im Deutschen Reich. Es gab erste Absagen. Die volle Tragweite des Krieges für den deutschen Sport sind noch nicht absehbar.

Die Kriegsgefahr, die im Wirtschaftsleben aller Länder schon so schwere Verluste verursacht hat, wird auch dem Sportbetrieb schwere Schädigungen bringen. Wenn auch im Augenblick noch keine Entscheidung darüber getroffen sind, ob die großen Wettbewerbe auf dem Turf, im Automobilismus, im Volksport der nächsten Zukunft fallen gelassen werden, so sind doch bereits einige Ereignisse, die entweder in gefährdeten Örtlichkeiten oder in Verbindung mit Armee- und Marineangehörigen stattfinden sollen, abgesagt worden. In erster Linie gilt das für die große Wasserflugkonkurrenz in Warnemünde, die, als die erste Vorprüfung begonnen werden sollte, aufgehoben wurde. Die Maßnahme war allerdings bei der Zuspitzung der Lage zu erwarten, da die beteiligten Wasserflugzeuge und Kriegsschiffe im Falle einer Mobilmachung gebraucht werden.

Selbstverständlich sind auch bereits alle die Veranstaltungen abgesagt worden, die in Österreich ganz oder zum Teil stattfinden sollten. So ist die für heute festgesetzte Eröffnung der Internationalen Wintersportausstellung in Salzburg wegen der Kriegserklärung auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden. Weiter hat der Berliner Ruderverband „Mark Brandenburg“ auf die Durchführung der Wanderfahrt auf der Elbe verzichtet, die vom 8. Bis 16. August die Elbe von Leitmeritz abwärts stattfinden sollte. Ebenso ist die Ruderregatta, die der Deutsch-Böhmische Ruderverband auf der Elbe bei Leitmeritz abhalten wollte, abgesagt worden. Sonst sind, soweit bisher bekannt geworden, auch die Pferderennen von Lehe-Bremerhaven-Geestemünde und das Reitturnier in Travemünde, das gestern seinen Anfang nehmen sollte, sistiert worden. Allerdings dürften alle in Frage kommenden Sportbehörden, nachdem gestern der Kriegszustand über Deutschland verhängt worden ist, was eine Verlangsamung des Verkehres zur Folge haben dürfte, sich ernstlich mit der Frage beschäftigen, ob sie die geplant gewesenen Veranstaltungen zum Austrag bringen lassen werden. Bisher ist diese Frage, wie wir hören, noch nirgends entschieden worden, und man scheint damit zu rechnen, dass der Abhaltung der betreffenden Meetings nichts im Wege steht, solange es nicht zu einer Mobilisierung Deutschlands kommt. Im Rennsport kommen dabei als nächste große Ereignisse die rennen im Grunewald, in Hannover, wo der „Große Preis“ für zweijährige gelaufen wird, in Gotha, wo der „Preis für Thüringen“ zum Austrag gelangt, in Heringsdorf und in Königsberg (deren Sistierung am wahrscheinlichsten ist) in Frage. In der Athletik werden in allen Bezirken die Landesmeisterschaften abgehalten und im Radsport beginnen morgen neben einer Anzahl lokaler Ereignisse in Kopenhagen die Amateurweltmeisterschaften.

Was nun die Folgen anlangt, die eine Mobilisierung für den deutschen Sport haben würde, so muss in erster Linie darauf hingewiesen werden, dass alle Sportereignisse darunter leiden, dass der größte Teil der Beteiligten ins Feld müsste. Das generell vorausgeschickt, seien zunächst die Verluste erwähnt, die Staat und Rennvereine bei einer Sistierung der Pferderennen durch den Ausfall der Totalisatoreinnahmen erleiden würde. Dass aber die Pferderennen bei einer länger andauernden Mobilisierung zum mindesten sehr eingeschränkt werden müssten, erscheint fraglos, denn es würden sowohl die gesamten Herrenreiter als auch ein Teil der Funktionäre, der Trainer, inländischen Jockeys und Stallburschen zur Truppe eingezogen; außerdem dürfte auch ein gut Teil der Rennpferde, namentlich der „Herren-Pferde“, zum Dienst bei der Kavallerie verwendet werden.

Auch die geplanten Veranstaltungen im Automobil-, Motorboot- und Flugsport werden im Kriegsfalle aufgehoben werden. was zunächst den Automobilismus anbetrifft, so werden zuerst die Wagen in Mitleidenschaft gezogen, deren Besitzer dem Freiwilligen Automobilkorps angehören. Außer dieser, an sich recht geringen Anzahl, die aber bei den großen deutschen Tourenkonkurrenzen die Hauptrolle zu spielen pflegen, dürften aber auch weiterhin ein Teil der übrigen brauchbaren Wagen von der Heeresverwaltung requiriert werden. das gleiche gilt vom Motorboot-, vom Motorrad- und besonders vom Flugsport. Denn abgesehen davon, dass alle Flugzeugfabrikaten, soweit sie für Armee und Marine liefern, ihre Produktion noch werden steigern müssen, um den an sie gestellten Anforderungen zu genügen, werden jetzt auch alle diejenigen Flieger in die Fliegertruppen eingestellt, die auf Kosten der Nationalflugspende ihre Ausbildung genossen haben.

Die sogenannten Volkssports, wie unter anderem Leichtathletik, Schwerathletik, Schwimmen, Radfahren, Rudern werden, da sie sich in erster Linie an die Sportsleute jugendlicheren Alters wenden, darunter zu leiden haben, dass ihre Aktiven mit geringen Ausnahmen zu den Fahnen berufen werden. sollte ein Krieg von längerer Ausdauer ausbrechen, so erscheint auch die Vorbereitung und Abhaltung der Olympischen Spiele 1916 gefährdet.

Auch alle übrigen, hier nicht namentlich aufgeführten Sportzweige werden selbstverständlich unter der Mobilisierung zu leiden haben. Ein Sport aber, der Freiballonsport, dessen Ansehen beim Publikum in den letzten Jahren infolge der erfolge von Flugzeug und Luftschiff stark gesunken ist, wird, wenn er auch vielleicht nicht mehr die Rolle wie 1870/71 spielen wird, zeigen können, dass die Schmälerung seines Ansehens ungerechtfertigt war.

Alles in allem wird der deutsche Sport, wie Eingang gesagt, bei einer Mobilisierung schwere Schäden erleiden; aber seine Anhänger können zeigen, dass sie diejenigen Eigenschaften, die sie im friedlichen Wettstreit auf dem Sportfeld sich anerzogen haben, in einem Kriege zum Wohle des Vaterlandes in selbstloser Weise verwenden werden.