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Mordversuch in der Xantener Strasse

Der Mordversuch in der Xantenerstraße

Der zunächst mysteriös erscheinende Mordversuch an einer 67-Jährigen scheint bereits dicht vor der Aufklärung zu stehen. Ein ehemaliger Pastor steht im Verdacht, geschossen zu haben. Die Rentnerin hatte ihre Tochter von dem Mann fernhalten wollen.

Unter dem Verdacht das Revolverattentat auf die Rentiere Jenny Meyer in der Xantener Straße 17 in Wilmersdorf begangen zu haben, ist gestern Vormittag der 52 Jahre alte Pastor a. D. Albert Schmidt von der Schöneberger Kriminalpolizei verhaftet worden. Schon bald nach der Tat war der Verdacht aufgetaucht, dass der Täter eine Person sein müsste, die mit der Familie Meyer bekannt war. Dieser Verdacht wurde jedoch durch die Angaben der schwerverletzten Dame, die erklärte, dass sie den Täter nicht gekannt habe, vorläufig beseitigt. Gestern Morgen wurde nun Pastor Schmidt, von mehreren Personen in der Xantener Straße in der Nähe des Hauses, in dem die Tat verübt wurde, beobachtet. Man erkannte ihn als den Mann wieder, der gleich nach der Tat das Haus verlassen und nach einem Arzt gerufen hatte. Diese Beobachtungen wurden der Schöneberger Kriminalpolizei mitgeteilt. Die Kriminalkommissare Sanders und Schenck zu Schweinsberg, die die Affäre bearbeiten, ordneten daher die Festnahme des Pastors an, die dann auch in seiner Wohnung in der Pestalozzistraße in Charlottenburg erfolgte.

Bei dem ersten Verhör bestritt Schmidt entschieden mit dem Mordversuch irgendwie in Verbindung zu stehen. Er behauptete sogar, dass er erst bei seiner Verhaftung Kenntnis von dem Vorfall erhalten habe. Er gab aber zu, die alte Dame und deren Tochter seit längerer Zeit zu kennen.

Inzwischen ist durch die Kriminalpolizei folgendes festgestellt worden: Schmidt, der verheiratet ist und mehrere erwachsene Kinder hat, übte mehrere Jahre hindurch in Breslau das Amt des Seelsorgers aus. Aus Gründen, die nicht bekannt sind, wurde er vom Amt suspendiert und siedelte bald darauf nach Freienwalde an der Oder über, wo er ein Pensionat übernahm. In dieser Pension lernte er Frau Meyer und deren Tochter kennen. Beide nahmen dort wiederholt Wohnung und hielten sich längere Zeit in dem Pensionat auf. Zwischen der Tochter der Frau Meyer und dem Pastor a. D. entwickelte sich im Laufe der Zeit ein freundschaftliches Verhältnis, das jedoch die alte Frau Meyer nicht dulden wollte und mit allen Mitteln zu hintertreiben suchte.

Im April dieses Jahres gab Schmidt die Pension in Freienwalde auf und zog nach Berlin, wo er mit seiner Familie in der Pestalozzistraße Wohnung nahm. Er suchte sofort die Beziehung zu Fräulein Meyer wieder aufzunehmen, und beide haben sich in der nun folgenden Zeit wiederholt getroffen. In den letzten Wochen fanden die Zusammenkünfte fast täglich statt. Auch am Tage der Tat trafen sich Schmidt und Fräulein Meyer in der Xantener Straße und suchten gemeinschaftlich gegen 4 Uhr nachmittags ein Weinrestaurant auf, in dem sie etwa eine Stunde lang verblieben. Dann ging Fräulein Meyer in ihre Wohnung zurück, während Schmidt, wie er selbst zugibt, in der Xantener Straße zurück blieb. Er ist dann eine Stunde lang auf und ab gegangen und hat auch gesehen, wie Frau Meyer vom Olivaer Platz her gegangen kam und in ihr Haus hineinging. Dann will er sich aus der Xantener Straße entfernt haben und nach seiner eigenen Wohnung gegangen sein.

Dem letzten Teil dieser Aussagen steht die Kriminalpolizei sehr skeptisch gegenüber, umso mehr, als gestern bei einer Haussuchung in der Wohnung des Verdächtigen ein sechsläufiger Revolver gefunden wurde, der indessen noch mit fünf Kugeln geladen war. Der Revolver wurde zum Zweck der Untersuchung durch einen Sachverständigen beschlagnahmt. Schmidt ist übrigens gestern Vormittag wieder am Ort der Tat gewesen. Als Grund dafür gab er an, dass er nur zufällig in die Xantener Straße gekommen sei und dass er in diesem Augenblick noch gar nichts von dem Attentat gewusst habe. Eine Gegenüberstellung der schwer verletzten Frau Meyer mit dem Verhafteten war bisher noch nicht möglich, da die behandelnden Ärzte erklärten, dass Frau Meyer vor jeder Aufregung geschützt werden müsse, nachdem sich herausgestellt, dass durch den Schuss die Lunge verletzt worden ist. Auch Fräulein Meyer ist noch nicht vernommen worden. Dagegen wurden einige Passanten gehört, die zum Teil in Schmidt den Mann wiedererkannt haben, der aus dem Hause Xantener Straße 17 in eiligem Schritt herausgegangen kam. Andere Zeugen sind in ihren Aussagen schwankend. Schmidt wurde in Haft behalten.