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Neue phantastische Angaben des verhafteten Täters

Der Neuköllner Kindesmord

Der Hutmacher Beständig, der in dem dringenden Verdacht steht, am Sonntag nachmittag die kleine Grete Rapp in seiner Wohnung in der Warthestraße 13 erdrosselt und dann ihren Leichnam vergraben zu haben, ist auch heute früh wieder eingehend von Kriminalinspektor Berlin von der Neuköllner Kriminalpolizei vernommen worden. Wie nicht anders zu erwarten, ist er bei der Aussage geblieben, das er die Tat nicht allein verübt habe, sondern dass der Hauptschuldige der angebliche Arbeiter Karl Werner sei. Dieser konnte jedoch bisher nicht ermittelt werden und steht wahrscheinlich mit der Tat überhaupt nicht in Verbindung.

Um seine Angaben glaubhaft zu machen, hat der Verhaftete eine sehr eingehende Beschreibung des vermeintlichen Haupttäters abgegeben. Durch die Polizei ist inzwischen festgestellt worden, dass ein Mann namens Werner wie ihn der Verhaftete beschreibt, in Wirklichkeit existiert, dass aber dieser Mann, den Beständig von einer früheren Arbeitsgelegenheit her kannte, gar nicht als Täter in Frage kommen kann, da er sich nicht mehr in Berlin befindet. E ist also zweifellos Lüge, was sich Beständig über den angeblichen Werner zurechtphantasiert. Er sagt, der Mann sei 1,70 bis 1,80 Meter groß, von schlanker Figur und habe ein schmales blasses Gesicht, blondes Haar und trage einen gebrannten, nach oben gedrehten Schnurrbart. Als besondere Kennzeichen führt er an, dass Werner auf der rechten Wange eine auffallend große Narbe habe. Außerdem sei er tätowiert, am linken Unterarm habe er das Bild einer schwebenden Jungfrau am Trapez, von wo sich eine Schlange über das Handgelenk über den linken Daumen zieht. Auf dem rechten Oberarm trage er ein Medaillon, in dem sich ein Mädchenkopf befinde.

Über die Ausführung des Verbrechens selbst machte Beständig noch folgende Angaben: Er und Werner hätten in der Trunkenheit auf dem Hof zwei kleine Mädchen an sich gelockt, das eine dann aber wieder gehen lassen. Diese Angabe hat sich als richtig erwiesen. Beständig hat auf de Hof, ein zweites, drei Jahre altes Mädchen, das im selben Hause wohnt, wirklich angesprochen und hat es mit in seine Wohnung nehmen wollen. An der Tür hat er dem Kinde jedoch gesagt, es möge jetzt gehen und sich für die viert Pfennige, die er dem Mädchen gab, Bonbons kaufen. Ihre Freundin käme in wenigen Minuten wieder auf den Hof zurück. Das kleine Mädchen ist inzwischen bereits vernommen worden, hat aber – worauf es in erster Linie angekommen wäre – nicht angeben können, ob noch ein zweiter Mann in der Nähe oder schon in der Wohnung Beständigs war. Jedenfalls sind die Ausagen des Kindes völlig unsicher.

Der verhaftete Mörder hat nun weiter folgendes erzählt: Werner habe die kleine Rapp auf den Schoß genommen und habe das Kind wiederholt gestreichelt und geküsst. Er selbst habe sich um die ganze Geschichte nicht viel gekümmert, sondern sei nach seinem Garten gegangen, um die Kaninchen zu füttern. Als er nach einiger Zeit wieder in seine Stube zurückkam, sei der Mord bereits ausgeführt gewesen. Werner habe das Kind bei den Beinen gefasst und habe es wiederholt mit dem Kopf auf den Boden geschlagen. Erst später habe er, Beständig, die Wahrnehmung gemacht, dass das Kind vorher erdrosselt worden sei. Bei der Beseitigung der Leiche habe er dann allerdings, wie schon angegeben, mitgeholfen. Er habe dies aber nur getan, um Werner, der ein guter Freund von ihm gewesen sei, keine Ungelegenheiten zu machen.

Alle diese Angaben klingen, wie gesagt, völlig unglaubwürdig, und es erscheint so gut wie sicher, dass Beständig die Tat allein ausgeführt hat. Er wird heute dem Ermittlungsrichter am Amtsgericht vorgeführt. Die Obduktion des ermordeten Kindes soll morgen im Berliner Schauhaus stattfinden. Heute Abend trifft die Frau des Verhafteten mit ihrem sechsjährigen Sohn aus Graudenz wieder in Berlin ein. Sie wird sofort vernommen werden und vor allem befragt werden, ob sie etwas von dem angeblichen Werner weiß.