Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este Quelle: Wikipedia

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Serbische Verdächtigungen Österreichs

Der österreichische Schritt in Belgrad

Die Ermittlungen nach dem Attentat auf das Thronfolgerpaar haben ergeben, dass die Tat auf den in Bosnien vorherrschenden serbischen Nationalismus zurückzuführen ist. Österreich-Ungarn will nun die serbische Regierung auf die Probe stellen - allerdings ohne sie zu provozieren.

Wien, 9. Juli

Man nimmt hier an, die in Serajewo geführte Untersuchung werde in einer Woche abgeschlossen sein, das Ergebnis soll sofort veröffentlicht werden. Schon das bisherige Ergebnis der Untersuchung liefert, wie verlautet, Anhaltspunkte dafür, dass das Zentrum der in Bosnien betriebenen großserbischen Bewegung sich in Belgrad befindet.

Gravierende Momente weisen auf gewisse militärische Kreise in Serbien hin. Die serbische Regierung wird unmittelbar nach dem Abschluss der Untersuchung von deren Ergebnis in Kenntnis gesetzt werden und man erwartet hier von der serbischen Regierung, dass sie den Sachverhalt prüfen und die Schuldigen bestrafen werde. Außerdem soll, wie die „Neue Freie Presse“ erfährt, durch eine Demarche festgestellt werden, ob die serbische Regierung in der Lage ist, Garantien dafür zu geben, dass das ruhige Nebeneinanderleben beider Staaten durch die von Serbien ausgehende und nach Österreich-Ungarn getragene großserbische Agitation in Zukunft nicht gestört wird. Es seien einfache Selbstverständlichkeiten, um die es sich bei dieser Demarche handele, die alle politische Nebenabsichten ausschließen. Die serbische Regierung habe es in der Hand, diese Auseinandersetzung zu einer rein freundschaftlichen zu gestalten, da von ihr nichts anderes verlangt werde, als worauf jeder Staat Anspruch hat: Nichteinmengung in die inneren Angelegenheiten des anderen Staates. Offiziös wird erklärt, die Demarche werde keinerlei Eingriff in die staatliche Oberhoheit Serbiens bilden. Nichts werde der serbischen Regierung zugemutet, was wie ein Affront oder eine Demütigung ausgelegt werden könne.

Wien, 9. Juli
Das Wiener Korrespondenzbureau meldet aus Belgrad: In der fortgeschrittenen „Prawda“ wird behauptet, dass die Trauer um den Erzherzog Franz Ferdinand in Österreich nicht aufrichtig gewesen sei. Nur die Tränen seiner Kinder seinen echt gewesen, auch die Katholiken und Mohammedaner suchten nur politische Vorteile dadurch zu erlangen. Der „Balkan“ führt aus, Österreich-Ungarn sei selbst an der Ermordung der Erzherzogs schuld. Wenn man ihn vor dem Unglück hätte bewahren wollen, so hätte man ihn davon abhalten müssen, Serajewo an dem serbischen Nationalfeiertag zu besuchen. Nach allem scheine es glaublich, dass gerade diejenigen, welche Serbien für das Attentat verantwortlich machen wollten, die Nachricht vom Tode des Erzherzogs mit der größten Freude aufgenommen hätten.

Der Hauptmitarbeiter des Blattes „Balkan“, der frühere Anarchist Eicvaric, führt aus, man trauere gar nicht um die Person des Thronfolgers, sondern nur um seine Würde; da für den Thronfolger jedoch hier wie stets sofort Ersatz gefunden sei, so sei das sinnlos. Das Blatt klagt dann in einem historischen Überblick über die „furchtbaren Qualen“, die das serbische Volk in den letzten 40 Jahren infolge der jesuitischen Politik Österreich-Ungarns erduldet hätte; der Thronfolger musste, wie alle Söhne Loyolas, die nur im Blute der Menschen arbeiten und dem Grundsatz von der Heiligung der Mittel durch den Zweck huldigen, vom Schicksal ereilt und ein Opfer des Jesuitismus werden, wie auch Österreich-Ungarn es werden wird, durch dessen Untergang der Menschheit Ruhe und Frieden wiederkehren werde. Die „Tribuna“ rät, aus Österreich nichts zu beziehen, auch die österreichisch-ungarischen Bäder nicht zu besuchen und keine Ärzte aus Österreich-Ungarn zu berufen. Die private Initiative könne in der angedeuteten Richtung viel ausrichten.

Der Staat und die Behörden hätten sich nicht dareinzumischen. Die „Piemont“ veröffentlicht eine angeblich von einem fortschrittlichen Kroaten aus Agram stammende Zuschrift anlässlich der Demonstrationen der Frankpartei, worin ausgeführt wird, dass Serben und Kroaten bestehende Eintracht sei bereits so stark, dass sie durch keine Macht zerstört werden könne. Die „Stampa“ behauptet, dass die Serajewoer Polizei die verhafteten Attentäter der unmenschlichsten und schamlosesten Tortur aussetze, um von ihnen unwahre Geständnisse zu erpressen, auf Grund deren dann Anklagen gegen das serbische Volk erhoben werden sollen.

Die „Wiener Allgemeine Zeitung“ erklärt, dass trotz der im Auftrage des Ministerpräsidenten Paschitsch erfolgten Einflussnahme des Chefs des serbischen Pressebureaus auf die führenden Journalisten der serbischen Hauptstadt die neuesten serbischen Pressekundgebungen noch heftiger, noch hetzerischer und noch schamloser seien, als jene der letzten Tage. „Man ist darum genötigt“, so schreibt das Blatt, „als sicher anzunehmen, dass Paschitsch keine Mittel zur Verfügung stehen, um die auch nach seiner Überzeugung der Interessen Serbiens und dem serbischen Rufe so sehr widersprechenden Exzesse der Belgrader Presse einzudämmen Darauf ergeben sich zwei wichtige Folgerungen: nämlich, dass die serbischen Publizisten überzeugt sind, ihrem Lesepublikum zu Gefallen zu schreiben und dass die fast allgemein erhobene Anklage, welche von vornherein den Ursprung der Serajewoer Bluttaten auf serbischem Boden suchte, nachträglich durch die Haltung der serbischen Presse und der von ihr mit leider nur zu genauer Treue zum Ausdruck gebrachten öffentlichen Meinung des serbischen Königreichs vollauf gerechtfertigt wird. Die Hoffnung, dass der Eindruck der zur europäischen Kenntnis gebrachten serbischen Hetzartikel die serbische Regierung zu einer beunruhigenden Aktion veranlassen werde, hat sich zwar erfüllt, aber die Erwartung, dass die Aktion erfolgreich sein werde, muss angesichts der Tatsachen der bittersten Enttäuschung Platz machen“.