Politik > International >

Balkankriege

Der schöne Krieg

"Krieg ist schön", predigen Einige der patriotischen Jugend Deutschlands. Dabei zeigen die Greueltaten, die 1912 und 1913 während der Balkankriege verübt wurden, dass das eine Lüge ist.

„Darum ist der Krieg die hehrste und heiligste Äußerung menschlichen Handelns … Verlachen wir also aus vollem Halse alte Weiber in Männerhose, die den Krieg fürchten und darum jammern, er sei grausig oder hässlich. Nein, der Krieg ist schön.“ – Otto v. Gottberg in der „Jungdeutschland-Post“.

Als der Balkankrieg sich noch ausraste, sickerten schon Nachrichten über die namenlosen Greuel durch, deren sich die „christlichen“ Heere der Balkanstaaten, vor allem aber die Bulgaren, nicht nur gegen den bewaffneten Feind, sondern auch gegen die wehrlose Bevölkerung des Landes schuldig machten. Nun ist es mit Nachrichten aus dem Balkan und dem Orient, soweit sie nicht zweifelsfrei verbürgt sind, eine eigene Sache denn da den rein agrarischen Völkern der östlichen Länder der Zahlen- und Zeitsinn fehlt, den erst die kapitalistische Entwicklung den Massen anerzieht, so wird dort sehr leicht aus einer Mücke beim Weitererzählen nicht nur ein Elefant, sondern eine ganze Elefantenherde und nirgends gedeiht das, was man in unseren afrikanischen Kolonien als „Küstenklatsch“ abtut, auf europäischem Boden so üppig wie in den Balkanstaaten. Da ist es denn auch für die Propaganda gegen den Krieg, die der Sozialismus im Gegensatz zu den Kriegsfanatikern und Kriegsverherrlichern vom Schlage eines Gottberg betreibt, nützlich und wertvoll, dass ein Sammelwerk*) jetzt von den wilden Scheußlichkeiten, die die Bulgaren im östlichen Mazedonien und in Thrazien verübten, an der Hand urkundlicher Beweise und photographischer Aufnahmen Kunde gibt.

Es mag an mehreren Gründen liegen, warum gerade die Bulgaren durch zügellose Brutalität und unsagbare Barbareien dartaten, dass der Name eines zivilisierten Volkes ihnen nicht zukommt. Einmal steckt den Bulgaren weit mehr asiatische Wildheit im Blut als den anderen Balkanvölkern, denn sie sind ursprünglich nicht Slawen, sondern Mongolen – der Gesichtstypus vieler Bulgaren macht es noch deutlich kenntlich – die im Lauf der Jahrhunderte slawisiert wurden. Was Wunder, dass in einem Krieg, der alle bestialischen Eigenschaften des Menschen aus der Vorzeit wach kitzelt, mongolische Sinnesart den europäischen Firnis wieder durchbrach!

Dann aber bilden Bulgaren im östlichen Mazedonien und in Thrazien bei weitem nicht die Mehrheit der Bevölkerung; ihre Politik lief darum in den eroberten Gebietsteilen auf eine planmäßige Ausrottung der nichtbulgarischen Bevölkerung hinaus. Während des ersten Balkankrieges schätzte man die Zahl der Muselmanen, die in Mazedonien und Thrazien von den bulgarischen Truppen abgewürgt wurden, auf dreimalhunderttausend! Ein bulgarischer Offizier erzählte einem Kriegskorrespondenten des „Témps“, dass der formelle Befehl ausgegeben worden sei, auch Frauen und Kinder zu töten, „um ein für allemal späteren Besitzreklamationen in den von den Bulgaren eroberten Gebieten vorzubeugen“. Nur die Toten kommen nicht wieder! Und nach demselben furchtbaren Grundsatz verfuhren die bulgaren in dem zweiten Balkankrieg, dem Beuteverteilungskrieg, in den Landstrichen, die sie Griechenland streitig machten, mit der griechischen Bevölkerung. Endliche war es die ohnmächtige Wut der um ihre Beute Geprellten, die auf dem Rückzug vor den siegreichen Griechen die Soldaten Ferdinands 1. nach Herzenslust morden, rauben und zerstören ließ. Wohlverstanden, es handelt sich bei der langen Kette von Mordtaten, Folterungen, Schändungen, Brandstiftungen und Plünderungen, von denen das Buch Kunde gibt, hier und da auch um Komitatschis, um Irreguläre, aber in der Regel um reguläre Truppen die unter den Augen und oft unter dem Befehl ihrer Vorgesetzten obbemeldete Schandtaten verübten.

Schon einige wenige Fälle vermitteln einen Begriff von dem Eindruck der fürchterlichen Anklageschrift, über die die Menschheit erröten müsste. Der englische Hauptmann Trapman berichtete dem „Daily Telegraph“:

Was über die Bulgaren von Verbrechen bisher berichtet wurde, bleibt weit hinter der Wahrheit zurück. Überall, wo sie durchgekommen sind, haben sie sich Orgien hingegeben, deren scheußliche Unmoralität keine Grenzen kannte. Authentische Berichte, von deren Wahrheit ich ich mit eigenen Augen überzeugen konnte, besagen, dass Offiziere und Soldaten, die verwundet auf dem Schlachtfelde liegen geblieben waren, buchstäblich in Stücke gehackt wurden. Ich habe befreundete Offiziere gesehen, denen man die Zunge herausgeschnitten hatte und die, da sie nicht mehr sprechen konnten, schriftlich darum baten, durch den Tod von ihren Qualen erlöst zu werden! Aber das ist noch nicht im Vergleich zu den ständigen großen Massakers unter der Bevölkerung. Kein Dorf, in dem die Bulgaren durchgezogen sind, das nicht geplündert, ganz oder zum Teil niedergebrannt und einer großen Zahl seiner Einwohner beraubt wäre, die man unter den schrecklichsten Umständen abwürgte. In den letzten neun Monaten haben die Bulgaren 450 000 bis 500 000 friedlicher Einwohner vernichtet, Männer, Frauen und Kinder, Türken und Griechen.
Weil nämlich nach Gottberg der Krieg die hehrste und heiligste Äußerung menschlichen Handelns ist!

Nigirita, ein freundliches Städtchen an der Straße von Salonik nach Serres, wurde am 19. Juni nach der Schlacht von Tasolo von den flüchtenden Bulgaren überschwemmt. Sie zündeten die Stadt an allen vier Ecken an: von 1450 Häusern blieben nur 40 stehen, 470 Einwohner fanden den Tod in den Flammen, von denen zu schweigen, die man unter grausamen Martern, Schinden (!) und Augenausstechen massakrierte. Was nicht niet- und nagelfest war, schleppten die Plünderer mit. Gleichfalls durch Feuer der Erde gleich gemacht wurde das Städtchen Kilfis, von dem nur das Haus des Gouverneurs und das französische Kloster stehen blieben.

Der Superior dieses Klosters, P. Michel, erzählt, dass in einem Dorf bei Kilfis, Kirukiut, eine bulgarische Bande alle männlichen Einwohner in eine Moschee einschloss; die Frauen wurden rings um das Gebäude aufgestellt, um Augenzeugen eines schrecklichen Schauspiels zu sein. Erst schleuderte man drei Bomben gegen die Moschee; als sie versagten, legte man Feuer an und alle Eingeschlossenen, rund 700 kamen elendiglich um. „Als ich Kiurkiur besuchte“, berichtet P. Michel, „Fand ich die Straße besät mit verkohlten menschlichen Köpfen, Armen und Beinen“. Wer sich über solche Greuel entsetzt wird von den Gottbergs natürlich zu den „alten Weibern in Männerhosen“ abgeschoben.

In Demir-Hissar ließen die bulgarischen Truppen am 25. Juni 1913 insgesamt 104 Personen über die Klinge springen. Unter den ersten Opfern befand sich der Metropolit Constantin, dem samt drei anderen Geistlichen der Hauptmann Bochniakoff vom 12. bulgarischen Infanteriereaiment die Augen ausstechen und die Hände abhacken ließ, ehe sie durch Bajonettstiche erledigt wurden. Junge Mädchen wurden von bulgarischen Offizieren vergewaltigt, alle griechischen Läden ratzekahl geplündert. In Serres wurden schon vor dem zweiten Balkankrieg griechische Notabeln als Geiseln verhaftet; ihrer sechzehn schlachteten die Bulgaren vor ihrem Rückzug im Gefängnis ab.

Die Stadt wurde planmäßig niedergebrannt, von der allgemeinen Plünderung blieb nicht einmal das österreichische Konsulat verschont und neben den 100 Personen, die in den Flammen umkamen, fielen Männer, Frauen und Kinder einem wütenden Gemetzel zum Opfer. Unter viehischen Martern mordeten dabei wie überall die Bulgaren: Frauen wurde vor der Ermordung die Zunge herausgeschnitten, fast allen Leichen waren die Augen ausgestochen!

Alle Mädchen von über zehn Jahren wurden geschändet, in einem Dorf bei Serres mussten Frauen und Mädchen vor der Vergewaltigung zur Belustigung der bulgarischen Offiziere und Soldaten nackt und mit einer Glocke um den Hals Tänze aufführen! Am wildesten hausten die Barbaren aber in Dorat. Weil hier aus einem Hause auf eine bulgarische Patrouille ein paar unschädliche Schüsse abgefeuert worden waren, wurden sechshundert Einwohner der Stadt niedergemacht. Der bulgarischen Kavallerie bereitete es besonderes Vergnügen, fliehende Frauen niederzusäbeln, an anderer Stelle wurden Frauen und Mädchen unter den Augen ihrer Gatten und Eltern vergewaltigt – einigen schnitt man nachher die Brüste ab! Und vom Balkon eines Hauses warfen bulgarische Soldaten zwei Kinder von sechs und neun Jahren auf die Bajonette der unten stehenden Kameraden: Gelächter und Bravo belohnte die „Geschicklichkeit“, mit der diese Unmenschen die Kleinen aufspießten. Als der englische Hauptmann Cardele auf die Kunde von den Greueln nach Dorato kam, stieß er in den Straßen auf Schwärme wilder Hunde, die an menschlichen Leichen fraßen; alle fand er durchbohrt von unzähligen Bajonettstichen; vielfach waren die Mauern bis zur Höhe von sechs Fuß mit Blut besudelt. Sechs Kinderleichen lagen in einer Ecke aufeinander getürmt und an einer blutbefleckten Zimmerwand ließ sich noch deutlich erkennen, dass hier eine Frau und ein Kind gekreuzigt worden waren! Ja, der Krieg ist nicht hässlich oder grausig, predigt Gottberg der patriotischen Jugend Deutschlands, der Krieg ist schön!

Nun werden allerdings die Lobredner des Krieges einwenden, dass diese wilden Scheußlichkeiten nur für einen Balkankrieg, nicht aber für den Krieg an sich typisch seien. Mögen Unterschiede bestehen, Krieg bleibt Krieg und sein Zweck ist auf jeden Fall Massenmord und Zerstörung. Wenn auch europäische Völker kaum kleine Kinder auf Bajonette spießen werden, so gibt es doch kaum einen verlogeneren Kitsch als das Bild, das den preußischen Landwehrmann zeigt, wie er, eine sentimentale Pfeife rauchend, das Kind seines Quartierwirts auf den Armen schaukelt und das die Nutzanwendung enthält: so führen wir Preußen Krieg!

Denn mir Verlaub, die Bulgaren in der Zeit ihrer Siege hat die „nationale“ Presse Deutschlands mit Vorliebe „die Preußen des Balkans“ genannt!