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Siege bei Lüttich und Mühlhausen

Der Sieg bei Mühlhausen

Die deutschen Siege bei Lüttich und Mühlhausen haben mehr als eine militärische Bedeutung. Sie dürften beim Feind besonderen Eindruck hinterlassen haben. Für den Beginn des Krieges hätte das Deutsche Reich sich jedenfalls nichts Besseres wünschen können.

Der Sieg im Südwestwinkel unserer Reichsgrenze hat eine ganz besondere Bedeutung. Wenn es überhaupt möglich ist, die Kriegsbegeisterung unseres ganzen Volkes und besonders der Feldtruppen noch zu erhöhen, so sind es glückliche Nachrichten während der Zeit der Mobilmachung und des Aufmarsches. Und schon haben wir zwei Heerestaten zu verzeichnen, die uns fast wie eine Fortsetzung unseres Siegeslaufes im Herbst des Jahres 1870 anmuten. Im Norden eine starke feindliche Festung, verteidigt von einer großen Übermacht, fast im Anlauf genommen, im Süden ein feindlicher Vorstoß von über 50 000 Mann aus befestigter Stellung versagt und von der Rückmarschlinie abgedrängt. Unsere Truppen werden jubeln und alle Welt wird mit denen fühlen, die nicht mit hinaus können, um an dem Ruhm der Nation ihren Anteil zu erwerben. Die andere Bedeutung ist der Eindruck auf den Feind. Wir scheinen nicht die ganze Besatzung Lüttichs zu Gefangenen gemacht zu haben. Sie hat sich schlecht geschlagen, wie der Generalquatiermeister v. Stein uns mitteilt. Das heißt also, man ist ausgerissen und wohl in der Richtung aus Antwerpen. Welches Entsetzen eine so verjagte aus ihren Werken getriebene Armee unter noch nicht im Kampf gewesenen Truppen verbreitet, dafür hat die Geschichte unzweideutig Beispiele. Der belgische Mut wird zusammenschrumpfen. Und ebenso wird es auf französischer Seite gehen. Denn die „Vogesendivision“, die bei Mühlhausen das Laufen lernte, war eine Elitetruppe. Ob sie die Wälle Belforts glücklich erreicht hat, ohne dezimiert oder gefangen zu sein, wissen wir noch nicht. Vielleicht hat sie ein anderes Ende vorgezogen: sich von den Schweizer Truppen, wie einst Bourbaki, entwaffnen zu lassen.

Das 7. und 21. französische Armeekorps sind seit längerer Zeit gegen das Elsass konzentriert.  Sie konnten zur Abwehr, aber auch zur Offensive verwendet werden. Das 7. Armeekorps mit dem Generalkommando in Besancon ist zwei Infanteriedivisionen stark, wovon die 14. in Belfort, die 41. in Remiremont ihren Stab hat. Zum 7. Armeekorps gehören aber auch noch zwei Festungsinfanterieregimenter Nr. 171 und 172, beide in Belfort, und das 11. Jägerbataillon in Bófoul. Die Stärke des 7. Armeekorps ist größer als die normale, weil auch noch das 5. Jägerbataillon (Remiremont) dazu rechnet.

Dieser Vorstoß hat an sich nicht die Bedeutung einer Heeresoffensive. Dazu sind die Kräfte ganz unzulänglich gewesen. Vielmehr fällt er auch noch unter den Begriff der Grenzkämpfe, welche während der Zeit des Heeresaufmarsches sich abspielen und den Zweck verfolgen, den Schleier zu durchbrechen, hinter dem der Gegner seine Versammlung bewerkstelligt. Eine Heeresoffensive der Franzosen aus der Enge von Belfort heraus würde eine Armee stark sein.

Schon seit Jahren plant man solchen strategischen Überfall gegen den linken Flügel unseres Aufmarsches. Als nächstes Ziel sollte immer der wichtige Ort Mühlhausen dienen: Kontenpunkt der Bahnstrecke Basel-Straßburg. Die deutsche Garnison Mühlhausen ist daher besonders stark gemacht. Zu den weitausschauenden Plänen französischer Militärschriftsteller gehörte auch die Umfassung unseres Aufmarsches durch einen Vorstoß, der das Gebiet der Schweiz verletzen sollte. Die neutrale Schweiz ist aber auf der Wacht und rechnet mit dieser Gefahr.

Ein Vertreten ihres Gebietes würde sie blutig zurückweisen oder mindestens imstande sein, ihn längere Zeit aufzuhalten. Ihre drei Armeekorps sind mobil und schlagfertig. In erster Linie ist das mobile Schweizerheer 142 000 Mann stark, also 6 Divisionen gemischter Waffen. Dazu kann noch die Landwehr treten mit 70 000 Mann. Die Bewaffnung ist eine vorzügliche, und in ihren Manövern hat sie den Beweis erbracht, dass der Ausbildungsgrad ein ungewöhnlich guter ist. Ich selbst habe 1912 den Eindruck beobachtet, den die Leitungsfähigkeit der Feldtruppen auf die zu den großen Herbstmanövern gesandte französische Generalität machte.

Nun noch ein kurzer Rückblick auf die Tage von Belfort, die uns die letzten Anstrengungen Frankreichs vor 44 Jahren vergegenwärtigen. Gambetta hatte einen Vorstoß Bourbakis nach Osten, in deutsches Gebiet hinein, geplant, um unsere empfindlichen langgestreckten rückwärtigen Verbindungen zu durchbrechen. Er hoffte von diesem Vorgehen Bourbakis auch die Aufhebung der Belagerung von Belfort, und das Ziel war das Badener Land. Dazu sollte Garibaldi seine linke Flanke mit rund 20 000 Mann decken. Am 5. Januar begann  Bourbaki mit 140 000 Mann und 400 Geschützen die Operation, den Marsch von Besancon über Villerfexel, begleitet von einem Parallelmarsch der Division Crémer, 20 000 Mann, von Dihon auf Béfoul. General v. Werder aber war auf der Wacht, und die Franzosen erlebten die dreitägige erbitterte Schlacht an der Lisaine (15. Bis 17. Januar 1871). Reißend schmolz danach die Bourbakische Armee zusammen und ging auf Villerfexel zurück, dann weiter bis auf Besancon. Am 24. Januar beschloss Bourbaki den Rückzug durch den schneebedeckten Jura, und Ende Januar stand er eng um Pontarlier zusammengedrängt. Nach kurzem Gefecht flutete die französische Armee, nach einem Verlust von 15 000 Gefangenen und 28 Geschützen, in völliger Auflösung über die Schweizer Grenze, wo sie entwaffnet wurden.

Wir aber haben den Feldzug im Westen mit einer fröhlichen Offensive begonnen und haben sie bis jetzt im Norden und Süden siegreich durchgeführt. Und die Freude der Heimat wird noch erhöht durch die Nachricht, dass unsere Opfer nicht allzu groß waren.