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Fünf russische Korps und drei Kavalleriedivisonen überwältigt

Der Sieg bei Ortelsburg

Die russische Narew-Armee geschlagen. Der Sieger Generaloberst v. Beneckendorff und v. Lindenburg. In Galizien und Bukowina.

Unseren großen Erfolgen im Westen gegen die verbündeten Franzosen, Belgier und Engländer schließt sich jetzt ein herrlicher Sieg unserer tapferen Truppen an, welche seit Wochen sich gegen die Überfälle überlegener russischer Streitkräfte in unserem Ostpreußen mehren.
Wir haben schon früher im einzelnen die Versuche großer russischer Kavalleriekörper verzeichnet, welche gleich nach Ausbruch der Feindseligkeiten über die Grenzen Ostpreußens vorritten und bei Stalluponen, Goldap, Marggrabowa, Lyck, Johannisburg, Ortelsburg und Soldau Einblick zu gewinnen versuchten in unseren Truppenaufmarsch. Es gelang ihnen nicht unsere Mobilmachung und den Aufmarsch der Ostarmee zu stören. Immerhin haben sie unserem Lande durch Sengen und Morden einen empfindlichen Schaden zugefügt. Die lange offene Grenze konnte mit unseren dort verfügbaren Truppen nicht hermetisch verschlossen werden, aber wo die Russen sich zum Kampfe stellten, wurden sie trotz ihrer Überzahl unter Verlusten aller Art zurückgeschlagen. Da begann sich fühlbar zu machen, dass der russische Aufmarsch einer Narew-Armee beendet war. Erhebliche russische Kräfte stießen vor von Südosten gegen die Linie Osterode-Allenstein und von Osten längs der Bahn Eydtkuhnen – Insterburg – Königsberg. Wie weit es den Russen gelang, mit dieser nördlichen Heeresabteilung Teile Ostpreußens in die Hand zu bekommen, ist amtlich nicht genau bekannt gegeben. Nur wissen wir aus dem Hauptquartier des östlichen Kriegsschauplatzes, dass am 26. August Insterburg in russischem Besitz sein sollte, und dass die russische Kavallerie in westlicher Richtung über die Angerapp vorfühlte.
Nun gibt uns das heutige Telegramm des Generalquartiermeisters die erfreuliche Kunde, dass es den südlichen Teilen unserer Ostarmee, die unser Masuren zu schützen hatten, gelungen ist, den südlichen russischen Vorstoß vom Narew her abzuschlagen. In dreitägiger Schlacht zwischen Gilgenburg und Ortelsburg ist es gelungen, fünf russische Korps und drei russische Kavalleriedivisonen zu überwältigen, und dem Siege ist die Verfolgung angeschlossen. Wie unsere Truppen in Frankreich und Belgien, treiben unsere braven Osttruppen die russische Narew-Armee über die Grenze nach Polen hinein und werden ihr dabei wohl noch manchen Denkzettel mit auf den Weg geben, den sie reichlich verdient haben. Das Städtchen Gilgenburg liegt an der Grenze West- und Ostpreußens, wenige Kilometer nördlich der Bahn Marienburg – Deutsch-Eylau – Soldau. Von hier, wo wahrscheinlich der rechte Flügel unserer Truppen kämpfte, bis Ortelsburg (vermutlich die Stellung unseres linken Flügels) liegt eine Strecke von rund 70 Kilometer. Es ist also eine breite Schlachtlinie gewesen, in der um den Sieg gegen den Russen gerungen ist. Fast so breit, wie der Kampfplatz der Armee des Kronprinzen Rupprecht von Bayern zwischen Metz und Vogesen.

Der Sieger ist der Generaloberst v. Beneckendorff und v. Hindenburg. Er führte zuletzt das 4. Armeekorps (Magdeburg), wurde 1905 zum General der Infanterie befördert und besitzt bereits das Eiserne Kreuz zweiter Klasse aus dem deutsch-französischen Kriege im Jahre 1870/71. Im Jahre 1911 ist der General zur Disposition gestellt und wird in der Rangliste à la suite des 3. Garderegiments zu Fuß geführt. Jetzt hat der alte 67-jährige Herr sein körperliches Leiden mit der eisernen Energie überwunden, über die er während seiner ganzen Dienstzeit verfügte. Wieder hat er seinen erprobten Degen in die Hand genommen und ihn mit derselben Ruhe und Kaltblütigkeit, die ihn immer auszeichnete, gegen den Russen geschwungen, wie vor 44 Jahren gegen den Franzosen. Welche Truppen unter seiner Führung den Sieg errangen, wissen wir nicht. Aber das erfreute deutsche Vaterland hat wieder einen neuen Heerführer kennen gelernt, dem es Dank schuldet.

Wir können erwarten, dass diese Niederlage der russischen Narew-Armee nicht ohne Einfluss auf die Offensive der nördlich vorgehenden russischen Heeresteile bleiben wird, und geben uns weiter der Hoffnung hin, dass die inzwischen im Süden des Königreichs Polen stattgehabten Ereignisse den Rückzug der Russen beschleunigen werden. Über den großen österreichischen Sieg bei Krasnik, der den rechten Flügel der starken russischen Weichselarmee zur Flucht über Lublin hinaus nötigte, haben wir schon berichtet und wissen seit gestern, dass unsere Bundesgenossen es machen wie wir: Sie bleiben dem Feind an der Klinge und geben nicht wieder heraus, was sie im harten Ringen unter Blutopfern sich erkämpft haben. Kaum war der Sieg von Krasnik in Deutschland gebührend gewürdigt, da tauchten Nachrichten auf, die eine gewaltige Offensive der nunmehr fertigen russischen Hauptarmeen gegen das nördliche und östliche Galizien entschleierten. Durch Wolhynien hindurch ist ein riesiges russisches Heer im Anmarsch auf die Linie Brody – Lemberg von der aufklärenden österreichisch-ungarischen Kavallerie festgestellt worden. Diese Heeresmasse hat die Grenze Galiziens zwischen Bug und Brody überschritten, bis sie auf die zentrale Austro-Armee gestoßen ist, die sich hart nördlich Lemberg gesammelt hatte. Seit mehr als drei Tagen finden hier erbitterte Kämpfe statt. Die Entscheidung steht noch aus, aber schon haben unsere Verbündeten bedeutsame Erfolge errungen. Über 100 Kilometer breit ist die Schlachtlinie zwischen den galizischen Orten Zloczow und Rawaruska, und, wie uns ein Telegramm aus dem österreichischen Hauptquartier heute morgen gemeldet hat, neigt sich der Sieg zwischen Zolkiew (25 Kilometer nördlich Lember) und Rawaruska auf österreichische Seite.

Region Ortelsburg in Ostpreußen  Quelle: Qikipedia

Region Ortelsburg in Ostpreußen
Quelle: Qikipedia


Damit aber nicht genug. Zu den bisher bekannten vier russischen Armeen – zwei gegen Ostpreußen, eine gegen Lublin, eine gegen Lemberg – ist noch eine fünfte hinzugekommen. Schon vor einigen Tagen meldeten wir, dass ihr Vortruppen im bessarabischen Winkel zwischen Pruth und Dnjestr gespürt waren. Jetzt ist den Vortruppen eine größere Armee gefolgt, und gegen sie spielen sich wichtige Kämpfe an der Grenze der Bukowina ab. Der russische Plan, nördlich der Karpathen auf Lemberg zu operieren, ist nicht neu. Russland versprach sich von ihm eine Aufwiegelung des österreichischen Kronlandes. Sollte es wirklich gelingen, Teile Galiziens mit Kosaken zu überschwemmen, so wird doch die falsche moskowitische Rechnung bald sich offenbaren. Diesem östlichen russischen Vorstoß ist eine östliche Austro-Armee am Zusammenfluss des Dnjepr mit dem Zbruzfluss (Grenzfluss zwischen Galizien und Russisch-Podolien) entgegengetreten. Es liegt berechtigte Hoffnung vor, dass auch hier die entflammte Tapferkeit der Völker der Doppelmonarchie die russische Invasion zurückschlagen wird.

So bietet uns der Blick auf den weiten Kampfplatz im Osten zwischen Insterburg und Czernowitz heute die Aussicht auf einen weiten und breiten Sieg, zum mindesten auf eine erfolgreiche Defensive an der deutschen Grenze, dann aber auch auf eine fortschreitende Offensive der Hauptkräfte Österreich-Ungarns in das Herz Russisch-Polens hinein.