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Gegen den Militarismus

Der Vampyr

Der Militarismus hat in unserer Gesellschaft extreme Formen angenommen. Vaterländische Idealisten wollen ihn noch weiter befördern. Dabei ist die Militärtechnik bald so weit, dass keine Nation mehr „ins Feld zu rücken“ müsste.

Jeder Mann kennt ihn, den Vampyr Militarismus.

Aus einem kleinen Raubtier hat er sich zu einem riesenhaften Ungeheuer entwickelt und hockt nun mit geschwollenem Leibe und ausgestreckten Tatzen auf den stöhnenden Völkern. Auf den Kulturvölkern vor allem, die sich auch darum so nennen, weil sie das Biest so schön fett gemästet haben, was unkultivierte Völker nicht fertigkriegen. Unzählige Hirne stehen in seinem Dienst, von den Leibern die ihm fronden, nicht zureden. Alle sind darauf aus, den Vampyr nicht fetter zu machen, noch bissiger – zwei Eigenschaften, die sich sonst zuweilen gegenseitig beeinträchtigen, aber bei unserem Ungeheuer in schöner Harmonie gedeihen.

Es gibt eine ganze Menge Leute, die sein Gewicht als drückende Last empfinden, die ihm die Krallen beschneiden und ihn für längere Zeit aber immer auf Magerkost setzen möchten. Und es gibt andere, die unter dem Alp kaum noch japsen können und doch mit ersterbender Stimme rufen: Hurra, hurra!

Diese nennt man vaterländische Idealisten, weil sie die Idee haben, der Glanz und die Größe des Vaterlandes seien abhängig vom Glanz der Knöpfe und der Größe der Dreadnoughts.

Wenn sie einen Kanonenschuss hören dann erzittert ihr Herz vor Wonne bei der Vorstellung, wie eine Granate im Ernstfall wirken würde. Sie möchten nicht grade ihre eigenen, aber doch die Gliedmaßen des Feindes in der Luft herumspringen sehen. Und weil so ein Schuss unter Umständen Tausende von Mark kostet, sind sie von heiligen Schauern durchwühlt und bedauern höchstens im Stillen, dass so eine Menge Geld ohne greifbare Resultate verpulvert wird.

Sie schauen sich Paraden an, schlucken Staub, riechen Leder und Schweiß, lassen sich begeistert auf die Hühneraugen treten und erfahren auf diese Weise eine seelische Bereicherung, die sie kleinen Opfern geneigt macht. Wenn sie am Kieler Hafen, oder auf der Mole von Swinemünde die Panzerfeuer an sich vorüberziehen lassen, sind sie erstaunt über das geduldige Wasser, das diese kolossalen Stahlmassen anscheinend so leicht und mühelos trägt. Aber es fällt ihnen nicht auf, dass die Völker geduldiger noch als das Wasser sind, sintemalen dieses nur Schiffe, jene aber neben den Schiffen auch noch die Landtruppen tragen müssen.

Und außer diesen das, was an militärischen Flugzeugen und Ballons in der Luft schwebt! Auch die Völker sind in gewissem Sinne Luft. Für den Vampyr nämlich.

Es rührt ihn nicht sehr, was nörgelnde Seelen gegen ihn vorbringen. Er ist von selbstbewusster Unbekümmertheit und frei von wirtschaftlichen, politischen, ethischen Bedenken. Nichts liegt ihm ferner als Selbstkritik. Diese und das Gewissen sind zivile Einrichtungen.
Alle Versuche, ihm von dieser Richtung her beizukommen, scheitern an der gepanzerten Stirn des Vampyrs, der die Kulturnationen beschützt, indem er die Kultur ignoriert.

Als beste Aussicht erscheint gegenwärtig die Technik, die militärische Technik, die in brennendem Ehrgeiz und schlaflosen Nächten an der Vervollkommnung aller Mordwaffen arbeitet und sich dabei sozusagen selber überspringt. Denn es ist dem Vampyr trotz des besten Willens unmöglich, der Theorie im gleichen Tempo zu folgen.

Mit den Dreadnoughts ist man, wie der englische Admiral Scott bewiesen hat, so gut wie fertig. Im Frieden sind sie überflüssig und im Kriege taugen sie nichts. Dagegen ist die „ungeheure Flotte“ der Unterseeboote, Torpedos und Luftfahrzeuge, die derselbe Mister Scott fordert, noch nicht fertig. Schließlich will das alles erst zusammen genietet und gelötet sein. Und wenn es so weit ist, ist die Technik noch weiter. Woraus vorsichtige Leute die Anregung schöpfen könnten, dann doch erst einmal zu warten, bis die militärische Technik jenen Gipfel erklommen hat, von dem aus es nicht mehr „höger rup“ geht.

Es sieht nämlich fast so aus, als seien wir diesem Ziele nahe.

Ein italienischer Ingenieur erprobt zurzeit ein System, das geeignet sein soll, von Italien aus Kriegsschiffe in die Luft zu sprengen, die sich am anderen Ufer der Adria befinden.

Dies ist eine Aussicht.

Denn bedenkt, liebe Schriften:
Man schickt elektrische Wellen in die Lüfte, ohne das Ziel zu sehen. Wo sie auf eine Pulverkammer oder andere explosive Stoffe stoßen, gibt’s einen Knall – und die ganze Munition ist auf einen Puff verschossen. Was zweifellos eine Vereinfachung der Kriegführung bedeutet.
Die Sache wird aber erst segensreich über alle Maßen und noch viel, viel einfacher, sobald jene Erfindung internationales Eigentum geworden ist. (Dass sie es wird, dafür wird die Toleranz des Kapitals schon sorgen.)

Dann braucht überhaupt keine Nation mehr „ins Feld zu rücken“. Man stellt jene Apparate an den Grenzen auf und drückt auf einen Knopf.
Der Feind tut dasselbe.
Und im Rücken beider fährt alles Pulver und Dynamit zum Himmel.
Die Feuerwaffen also wären schon ausgeschaltet, was eine hübsche Ersparnis bedeuten würde.
Soll nun wieder der Krieg Mann gegen Mann beginnen? Mit Säbel, Bajonett und Flitzbogen?
Keine Sorge. Die Entwicklung geht nicht rückwärts. Warum sollte das System der elektrischen Wellen bei seinen ersten Erfolgen stehen bleiben? Weshalb z.B. sollte es nicht dahin gelangen, aus einem Hosenknopf tödliche Wirkung zu holen?
Gewiss: Hosenknöpfe gehören an sich nicht zu den explosiven Stoffen. Aber wie der Blitz in einen beliebigen Gegenstand fährt, so könnten doch auch jene Wellen möglicherweise entsprechend abgerichtet werden.
Darüber mögen die militärischen Techniker nachdenken.
Jedenfalls: Dann wären wir endlich soweit, wie wir kommen müssen.
Auf jeden Fingerdruck ein totes Armeekorps.
Auf jeden Apparat eine menschenleere Provinz.
Keine Rekruten mehr.
Keine Steuerzahler mehr.
Keine Liberalen, die dem Vampyr das Budget bewilligen.
Ja, dies wäre das Ärgste.
Oder meint ihr, dass der Vampyr dann kapitulieren würde?
Mit Nichten. Er würde zunächst einmal Uniformen aus Porzellan fordern.