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Debatte

Der Wert der Persönlichkeit in Heer und Flotte

Sind die modernen Zeiten und der Frieden geeignet, um starke Persönlichkeiten hervorzubringen, wie sie Heer und Flotte brauchen? Vizeadmiral Freiherr von Malzahn meint: nein! Dabei haben die Vorgesetzten einen entscheidenden Einfluss darauf, wie stark Persönlichkeit und Nerven ihrer Untergebenen sind.

„Um Persönlichkeiten zu züchten,“ sagt der durch sein großzügiges Werk „Der Seekrieg zwischen Russland und Japan“ bekannte Vizeadmiral Freiherr v. Malzahn in einem Urtitel der „Marinerundschau“ – „müssen Elternhaus, Schule und Leben, und im Leben jeder einzelne für sich durch unermüdliche und redliche Selbsterziehung zusammenwirken. Es liegt die Frage nahe, ob unser heutiges Dasein geeignet ist, Persönlichkeit zu züchten. Der Verfasser verneint dies, und er lässt Freytag – „Macht der Persönlichkeit“, Seite 74 – die Antwort geben:

„Die heutige Zeit ist der Entwicklung kraftvoller Persönlichkeiten im Ganzen wenig günstig. Die gesteigerte persönliche Sicherheit, die der Mensch in heutigen Kulturländern genießt, und der größere Wert, den das Leben dadurch in der allgemeinen Auffassung gewonnen hat, bringt es mit sich, dass uns im Frieden jetzt wenig Gelegenheit gegeben wird, unsern Mut auf eine ernste Probe zu stellen.“

Wird hier nicht der Wunsch, das nackte Leben zu retten, nur ja nicht am Körper Schaden zu nehmen, zu stark in den Vordergrund geschoben? Kennen wir nicht kraftvolle Persönlichkeiten in Fülle, die alles andere als tapfer in der landläufigen Bedeutung waren? Die Unerschrockenheit im Krieg, d.h. zum Beispiel im Gefecht, wenn die Geschosse um die Ohren sausen, ist wohl ganz etwas anderes, als der Mut im täglichen Leben unter allen Umständen. Gibt es keine als äußerst kraftvolle Persönlichkeiten anerkannten Männer, die in dem Augenblick, da ihr Leben gefährdet schien, sich als ausgesprochene Memmen zeigten, vollkommen den Kopf verloren?

Und ferner ist wohl auch die Ansicht berechtigt, dass das moderne Leben weit mehr geeignet ist, Persönlichkeiten hervorzubringen, als es in früheren Zeiten der Fall war. Aber auch Tapferkeit unter Nichtachtung des Lebens wird heute mehr denn früher verlangt. Wie viele Berufe sind jetzt mit ständiger Lebensgefahr verknüpft! Man denke nur an die Flugzeug- und Autoführer! Aber da die ständige Gefahr zur Gewohnheit wird, achtet man sie nicht mehr. Admiral v. Maltzahn sagt, dass unsere großen Städte den Schablonenmenschen hervorbringen. Aber, sind denn etwa die Persönlichkeiten auf dem Lande häufiger? Was der Verfasser über das militärische Leben äußert, dass es den verflachenden Einflüssen des langen Friedens unterliegen müsse, dürfte nicht ungeteilte Zustimmung finden. Der Sport, die Leichtigkeit, mit der heute Reisen ausgeführt werden können, und die Möglichkeit der wissenschaftlichen Fortbildung in weit höherem Grade als früher sind Faktoren, die nicht unterschätzt werden dürfen. Allerdings, das muss zugestanden werden, ist der Ausbildungsgang des Offiziers in der Armee im allgemeinen geeignet, Schablonenmenschen hervorzubringen. Solche, so sagt der Admiral, sind geeignet, Persönlichkeiten schlankweg unter die unangenehme Sorte der „schmierigen Untergebenen“ einzureihen, die mit festem Daumen „niedergehen“ ist deshalb schon eine Persönlichkeit. Aber jeder einsichtsvolle Vorgesetzte sollte sich und seine Anbefohlenen ernstlichen prüfen, ob er nicht zuweilen doch eine volle Ähre zu köpfen im Begriff steht, bloß deshalb, weil diese immer wieder ihre Nachbarn zu überragen strebt.

Über die Pflege kriegerischen Geistes beim Offizier heißt es:

„Jede Waffe hat ihre besondere Abart kriegerischen Geistes. Der Menschliche hat nirgends ein Recht im Heere, am wenigsten in der Infanterie, der härtesten Waffe. Ein ausgesprochenes Phlegma wird in der Kavallerie nicht alt. Ein sprühendes Temperament wird sich in der Artillerie kaum gütlich fühlen.“

Und über den Seeoffizier äußert der Admiral, dass der am glücklichsten daran sei, weil er die Welt sieht und seinen Gesichtskreis weitet. Er sei freizügiger als der sesshafte Landoffizier, der meist sein Leben lang in einer Masse steht. Der Seeoffizier hingegen sei ein Sucher und ein Werber durch alle Massen. Er sei Infanterist und Artillerist und als Torpedomann dem Wesen nach Kavallerist – und man darf hinzufügen, auch Ingenieur.

Die Hauptsache scheint, das betont auch der Verfasser, in der Erziehung der Nerven zu liegen. Sie in allzu Langen im Gehorsam zu halten, das ist es allerdings, was besonders anerzogen werden muss. Man möchte fragen, was heißen im militärischen Leben „Nerven“? leider gibt Admiral v. Maltzahn keine Definition. Der Untergebene zeigt, das darf man wohl aussprechen, dem Vorgesetzten umso mehr dem Untergebenen gegenüber! Das ist eine alte Erfahrung, und man kennt sie, auch im zivilen Leben. Und Vorgesetzte werden meist dann nervös, wenn ihnen ein höherer Vorgesetzter naht. Untersucht man aufrichtig den Grund fast jeder Nervosität, so kommt man zu dem Ergebnis, dass hinter ihr die Sorge um das Amt steht. Leute, die sich in starker Abhängigkeit von ihrem Brotgeber befinden, die, falls sie aus ihrem Beruf geworfen werden, vor dem Nichts stehen, und womöglich noch für eine zahlreiche Familie aufkommen müssen, werden leichter nervös als zum Beispiel Junggesellen, falls sie nicht von überstarkem Ehrgeiz beseelt sind. Dass Lebensführung, körperliche und geistige Eigenschaften und anderes mehr von Einfluss auf die Nerven sind, bedarf kaum der Erwähnung. Aber es lässt sich nicht abstreiten, dass „Nerven“ meist durch unrichtige Behandlung von Seiten der Vorgesetzten großgezüchtet werden.