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Sir Edward Greys Rede im Wortlaut

Der Wortlaut der Rede Greys

Der britische Außenminister Sir Edward Grey hat vorgeschlagen, eine Botschafterkonferenz einzuberufen, um zwischen Österreich-Ungarn und Russland zu vermitteln. Seine Rede vor dem Unterhaus im Wortlaut.

Die Erklärung Sir Edward Greys über die europäische Lage hatte noch einer anderen Londoner Depesche folgenden Wortlaut:

„Ich glaube, dem Hause ausführlich die Stellung, die die britische Regierung bis jetzt eingenommen hat, darlegen zu müssen. Letzten Freitag morgen erhielt ich vom österreichisch-ungarischen Botschafter den Text der Mitteilungen der österreichisch-ungarischen Regierung an die Mächte, die in der Presse auch erschienen, und welche die Forderungen Österreich-Ungarns an Serbien enthalten. Nachmittags sah ich die übrigen Botschafter und drückte ihnen gegenüber die Ansicht aus, dass wir, solange der Streit auf Österreich-Ungarn und Serbien beschränkt bleibe, kein Recht hätten, uns einzumischen. Wenn aber die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn, Deutschland und Russland bedrohlich würden, sei es eine Sache des europäischen Friedens und gehe uns alle an. Ich wusste in jenem Augenblicke nicht, welchen Standpunkt die russische Regierung eingenommen hatte, und ich konnte deswegen keinen unmittelbaren Vorschlag machen. Aber ich sagte, wenn die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Russland einen bedrohlichen Charakter annähmen, so scheine mir die einzige Chance für den Frieden darin zu bestehen, dass die vier an der serbischen Frage nicht unmittelbar interessierten Mächte, nämlich Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien, in Petersburg und Wien gleichzeitig und zusammen dahin wirken sollten, dass Österreich und Russland die militärischen Operationen einstellen möchten, während sich die vier Mächte bemühen würden, eine Beilegung des Konflikts zu erzielen.

Nachdem ich gehört habe, dass Österreich-Ungarn die Beziehungen zu Serbien abgebrochen hatte, machte ich folgenden Voschlag: Ich wies gestern Nachmittag die britischen Botschafter in Paris, Berlin und Rom telegraphisch an, bei den Regierungen, bei welchen sie beglaubigt sind, anzufragen, ob diese gewillt seien, ein Einvernehmen dahin zu treffen, dass der französische, der deutsche und der italienische Botschafter mit mir zu einer Konferenz in London zusammentreten, um sich zu bemühen, Mittel zu einer Beilegung der gegenwärtigen Schwierigkeiten zu finden. Gleichzeitig beauftragte ich unsere Vertreter, jene Regierungen zu ersuchen, ihre Vertreter in Wien, Petersburg und Belgrad zu ermächtigen, die dortigen Regierungen von der vorgeschlagenen Konferenz zu informieren und zu ersuchen, alle aktiven militärischen Operationen bis zur Beendigung der Konferenz einzustellen. Darauf habe ich noch nicht alle Antworten erhalten. Bei diesem Vorschlag ist natürlich die Zusammenarbeit der vier Mächte das Wesentliche. In einer so schweren Krisis, wie diese, würden die Bemühungen einer einzelnen Macht, den Frieden zu erhalten, unwirksam sein. Die in dieser Angelegenheit zur Verfügung stehende Zeit war so kurz, dass ich die Gefahr auf mich nehmen musste, einen Vorschlag zu machen, ohne die üblichen vorbereitenden Schritte zu unternehmen, um mich zu versichern, ob er gut aufgenommen werden würde. Aber wo die Dinge so ernst sind und die Zeit so kurz ist, lässt sich die Gefahr, etwas Unwillkommenes vorzuschlagen, nicht vermeiden. Ich bin trotzdem der Ansicht, dass, angenommen, dass der in der Presse erschienene Text der serbischen Antwort richtig ist, wie ich es glaube, dieser Vorschlag wenigstens einen Grundlage bieten solle, auf der eine freundschaftliche und unparteiische Gruppe von Mächten, unter denen sich Mächte befinden, die bei Österreich-Ungarn und bei Russland gleiches Vertrauen genießen, imstande seien sollten, eine Beilegung zu finden, die allgemein annehmbar sein würde.

Es müsste jedem, der nachdenkt, klar sein, dass in dem Augenblick, wo der Streit aufhört, ein solcher zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu sein, und ein Streit wird, in den eine andere Großmacht verwickelt ist, dies mit einer der größten Katastrophen enden kann, die jemals den Kontinent Europa heimgesucht habe, und niemand kann sagen, was das Ende der ausgebrochenen Streitigkeiten sein wird, und ihre direkten und indirekten Folgen würden unberechenbar sein.“ (Beifall.)

Nach der Erklärung Greys fragte Harry Laroson, ob es wahr sei, dass der deutsche Kaiser heute morgen das Prinzip einer Vermittelung, das Grey vorgeschlagen habe, angenommen habe. Grey erwiderte, er sei überzeugt, dass die deutsche Regierung der Vermittelungsidee im Prinzip als zwischen Österreich-Ungarn und Russland günstig sei, aber über den speziellen Vorschlag, dass man zu dem Prinzip einer Vermittelung durch eine Konferenz greife, habe er noch keine Antwort von der deutschen Regierung erhalten.
Heute Nachmittag sollte im Unterhaus beim Budget die Generaldebatte über die Flottenpolitik stattfinden, aber angesichts der Lage wurde die Diskussion vertagt.