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Erlebtes und Erlauschtes

Die älteste Frau von Berlin

Die 102 Jahre alte Witwe Auguste Heinrichs ist die älteste Berlinerin. Sie erinnert sich noch an das Berlin von 1826, als die Gaslaternen installiert wurden. Und sie erzählt, warum sie es nie aus Berlin herausgeschafft hat.

In der Zionskirchstraße, in einer kleinen, sauberen Stube, wohnt die älteste Frau Berlins, die 102 Jahre alte Witwe Auguste Heinrichs. Ihre Welt ist eng begrenzt: sei 12 Jahren ist die alte, aber geistig noch sehr rege und gesprächige Frau an einen Lehnstuhl gebannt. Als es an die Neunzig ging, wollten die Füße so recht nicht mehr mit. Und so betrachtet sie von ihrem Fenster aus dieses sonderbare Treiben der lauten, aufgeregte Welt. Freundliche Nachbar und ihre junge Schwiegertochter – sie ist erst 84 Jahre alt – bringen der Alten die Kunde und Wundermären der neuen Zeit


Einhundertundzwei Jahre!

Eigentlich noch gar kein Alter! Es gibt so unglaublich rüstige Siebziger, Achtziger und Neunziger! Goethe, in reifer Kraft ungetrübten Alters, vollendete im 72. Jahre den „Wilhelm Meister“. Lord Palmerston, den der Volksmund „Lord Feuerbrand“ nannte, wurde einmal gefragt, wann der Mensch im Frühling des Lebens stände. „Im neunundsiebzigsten Jahr“ antwortete er. Und lachend fügte er hinzu: „Da ich aber gerade achtzig geworden bin, habe ich den Frühling ein ganz klein wenig hinter mir!“.
Jugend will eben austoben bis zum achtzigsten Jahr und unsere alte Berlinerin würde sich gar zu gerne noch freuen und würde tanzen, wie einst vor bald hundert Jahren – wenn nur die Füße mitwollten!

So aber sitzt sie still und zufrieden im Lehnstuhl und freut sich des Lebens auf ihre Art. Es gibt ja auch nichts Schöneres, als so ein Alter mit Kopfeshelle und Gewissensruhe. Die Stürme toben nicht mehr und die Wärme des Nachgenusses verbreitet eine wohltuende Behaglichkeit.
Und wenn Frau Heinrichs erst von dem alten Berlin erzählt! In der Oranienstraße wurde sie geboren. Am 7. Oktober 1812. Beide Eltern waren Berliner! Der Rinnstein in der engen Gasse war ein tiefer Graben, in dem sie fast einmal ertrunken wäre und alles war wüste und leer. Vater hatte den Krieg gegen die Franzosen mitgemacht. O, wie kann sie sich noch ganz gut erinnern!

„Ich bin in meinen 102 Jahren kein einziges Mal aus Berlin herausgekommen! Früher, ja, da haben wir schöne Landpartien gemacht. Nach Schöneberg und ganz nach Steglitz. Ganz nach Steglitz! Aber über Steglitz bin ich nicht hinausgekommen. Einmal, es war an einem Sonntag wollten wir sogar nach Rummelsburg. Das war so vor achtzig Jahren. Aber wir kamen nicht dazu. Es war so weit …“

Frau Heinrichs hat diesen versäumten Ausflug nicht mehr nachgeholt. Es fehlte ihr, was so Vielen fehlt, um glücklich zu sein: Zeit, Zeit! Der Mann wurde krank. Zwei Kinder kamen. Da hieß es jahraus, jahrein, 60 lange Jahre, am Waschfass stehen. Von früh bis spät. Damals fingen die Waschfrauen noch um 3 Uhr morgens mit der Arbeit an! Das war ja auch noch eine ganz andere Zeit. Eine furchtbar aufregende Zeit war‘s aber auch. Denn 1838 wurde die erste Eisenbahn in Berlin eröffnet. Aber für keinen Preis der Welt wäre die damals sechsundzwanzigjährige mit dem gefährlichen Teufelsapparat gefahren. Und dann kam 1839 der erste regelmäßige Omnibus zwischen dem Potsdamer Bahnhof und dem Alexanderplatz. Mit diesem Gefährt konnte man ruhig und unbesorgt fahren. Als dann aber in den 70er und 80er Jahren die stadt- und Ringbahn kam, da hatte man sich die schwarzen Dampfwagen schon gewöhnt.

Voller Stolz erzählt die Alte, dass Berlin zur Zeit ihrer Geburt auch schon eine riesengroße Stadt war: 138 000 Einwohner waren schon da. Und als sie 14 Jahre alt war, im Jahre 1826 schon, wurden überall in der Stadt Gaslaternen angesteckt. Ach, das wa eine schöne Feier damals! Ja, erlebt hat sie vieles. Auch die Revolution der heißen achtundvierziger Jahre. Aber sie hatte keine Zeit mitzumachen: sie musste waschen!

Ihr schönstes Erlebnis aber hatte sie vor zwei Jahren. Sie feierte ihren 100. Geburtstag. Da kam ein Automobil vorgefahren. Ein ganz feiner Herr mit blanker Golduniform kam herauf und brachte die Glückwünsche vom Kaiser. Sie dachte zuerst, es sei der Kaiser selber. So schön war die Uniform. Und so einen Bart hatte der Herr auch. 100 Taler hatte der Kaiser geschickt! Ja, wenn man doch alle Tage hundert Jahre alt würde!

Dann kam aber ein Tag, der groß und gewaltig war. Die Leute hatten ihr schon immer erzählt, dass die Menschen jetzt in der Luft herumfliegen. Die konnten gut und klug reden – sie hatte es nicht geglaubt. Aber es kam ein Surren und Rauschen in den Lüften auf und silberübergossen schwamm die „Hansa“ im blauen Himmel. Gerade über ihrem stillen Fenster.
Die neue Zeit grüßte herunter. Der zu Stahl gewordene Hoffnungstraum der Menschheit war erfüllt.

Und geblendet und sinnend schüttele die Alte den Kopf.