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Schüsse auf Belgrad

Die Beschießung von Belgrad

Österreich-Ungarn hat vom Wasser aus die Befestigungen Belgrads unter Feuer genommen. Vom anderen Donau-Ufer aus waren die ersten Kämpfe des Krieges gut zu beobachten.

Semlin, 29. Juli.
Um fünf Uhr heute früh hat das Bombardement der österreichisch-ungarischen Monitore gegen die Befestigungen von Belgrad begonnen. Das Feuer wurde nach einiger Zeit auch von den Artilleriestellungen auf der kroatischen Seite aufgenommen, wo das Fort London mit dem Feuern begann.

Um 6 Uhr legen die drei Monitore am Semliner Landungssteg der Donau-Dampfschifffahrt-Gesellschaft an. Mit Tonnen und Körben gehen die meisten Matrosen über die dort liegenden Personendampfer an Land, um Wasser und Lebensmittel zu fassen. Helle Freude strahlt diesen jungen, gebräunten Burschen aus den Augen. Am Ufer haben sich einige hundert Menschen angesammelt. Hier unten hat sich auch eine Anzahl von Familien auf die Dampfer geflüchtet oder wenigstens die Kinder mit schnell zusammengeraffter Habe an Bord gebracht, um zur Fahrt nach Budapest oder Wien gerüstet zu sein. Sonst aber ist von einer Panikstimmung nicht zu bemerken. Ich fahre wieder zur Station hinunter, und jetzt in der klaren Morgensonne, nachdem sich der Rauch von den Schiffen der Monitore verzogen hat, ist mit dem Feldstecher klar zu erkennen, dass die schwarzen Festungsmauern zerschossen sind. Die Stadt selbst ist, wie es scheint, vollkommen unversehrt geblieben. Aus der Richtung von [Toptschider] und auch aus Belgrad selbst sind einzelne Gewehrschüsse zu hören. Gegen 7 ¼ Uhr fahren die Monitore wieder gegen die Festung vor, ziehen sich aber wieder zurück. Bald darauf ist auch das Gewehrfeuer unterbrochen, und wie im Frieden scheint die unglückliche Stadt im hellen Morgen zu liegen.

Der dritte Monitor, der mit den beiden anderen eingelaufen ist, macht kehrt ohne zu schießen, vielleicht um in einen anderen Arm der Donau einzulaufen. Abwechselnd schießen die beiden kleinen Kriegsschiffe, die wie Miniaturkreuzer dunkel auf der sonnenüberstrahlten Donau unter hellblauem Himmel keine zweihundert Meter von meinem Beobachtungsplatz liegen. Alle Minute fällt ein Schuss, manchmal auch etwas rascher. Neunzig Prozent der Schüsse sind Treffer, meist gegen die niedrig an der Donau gelegenen grünumhegten Befestigungen gerichtet. Mancher Schuss geht in das Wasser, vielleicht absichtlich, um Minen zu zerstören. Dann schallt sein Echo noch einmal so laut herüber. Auch jetzt sind nur sehr wenig Menschen auf dem Platze vor der Semliner Station zu sehen, offenbar aus Angst, die serbischen Gewehre, die manchmal zu hören sind, könnten auf die kurze Entfernung bis herüber tragen. Einsam scheint es auch, hier nicht nur in Belgrad, das noch nicht alle Dampfer verlassen haben dürften. Ein Gebäude in der Stadt selbst scheint noch nicht zerstört zu sein.

Um 11 Uhr vormittags beginnt die Artillerie auf kroatischem Gebiet hinter unserem Rücken einzugreifen. Gleich der zweite [Hanvitzschutz] hat rechts hat rechts von [Topxider] eingeschlagen. Es brennt bereits an vier Stellen in der Gegend von Belgrad.

Um Punkt ½ 4 Uhr hat sie Beschießung der Belgrader Festungswerke wieder begonnen. Die Kanonen donnern wieder von der kroatischen Seite herüber, aber der [Hanptesstekt] des Vormittags, die Monitore sind ausgeblieben. Der Kai ist fast vollkommen leer. Friedlich liegt drüben unter dem blaugoldenen Nachmittagshimmel Belgrad. Über dem hier nicht sichtbaren alten Donauarm schwebt leichter brauner Rauch, offenbar von einem Kriegsfahrzeug. Wäre nicht dieser regelmäßige Donner der Haubitze hinter unserem Rücken, dem Zischen über unseren Häuptern, ein Krach, das Aufschlagen der Geschosse, und an einer Stelle der Festung bläulichroter Rauch folgen, wir wüssten nicht, dass wir im Kriege leben. Neben dem eintönigen Donnern gibt es auf dem verdösten Bahnhof freilich noch manches zu hören und zu sehen. Da bringt man unter Eskorte einen gefesselten Serben; dem verschmutzten, ängstlich glotzenden Kerl kann es unter dem Standrecht leicht den Kragen kosten. Arme zerlumpte Weiber mit kleinen barfüßigen Kindern kommen und suchen vergebens eine Gelegenheit zur Überfahrt. Um Mittag habe ich den Transport der drei Soldaten begleitet, die bei der Überfahrt mit der Munition für die zwölf Mann auf der Kriegsinsel verwundet wurden. Einer ist bald zur Stelle; den anderen sieht man im Ried in einem Boot liegen, das von einem wackeren Eisenbahner gezogen wird. Langsam gehen wir in guter Deckung gegen die Schüsse der Serben längs der Eisenbahnlinie zur Sawe hinunter; dann eilen vier Mann gegen das Ried hinunter und tragen den Verwundeten herüber. Inzwischen ist mit einer Lokomotive eine Dräsine herbeigefahren worden, und vorsichtig bringen wir auf ihr den Schwerverletzten zu einem improvisierten Krankenwagen; er hat einen doppelten Lungenschuss davongetragen, eines der ersten Opfer in dem beginnenden Kriege. Auf der Kriegsinsel aber sollen bereits drei Tote und einige Verwundete liegen. Man will versuchen, sie heute zu bergen. An diesem ersten Tage haben sich die Österreicher in einem wenn auch kleinen, so doch nicht leichten Kampfe mit mutigem Elan geschlagen.