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Die Danziger Bucht

Die Danziger Bucht lockt Urlauber aus dem ganzen Land an. Für unseren Autoren ist die Reise an die Danziger Bucht auch eine zurück in die eigene Jugend.

Wie ein hungriger Junge mit einem großen Happs einen Halbmond aus seinem Butterbrot beißt, so hat die Ostsee die Danziger Bucht herausgebissen.

Auf diesen Vergleich brachte mich der alte Kapitän, der mich auf seinem Frachtdampfer von Kopenhagen nach Danzig mitgenommen hat. Er sollte meine Leichenbittermiene, an der die Seekrankheit schuld war, zerstören, als wir grade um Hela herumkamen.

Der Leuchtturm guckt noch immer weiß aus dem fast schwarzen Kiefergestrüpp hervor. Die Heulboje am Außenstrand singt noch immer ihr eintöniges schläfriges Warnungslied, wie damals, als wir noch Jungens waren und uns in den heißen Dünen braten ließen, statt die unregelmäßigen Verba zu repetieren, die uns eine schlechte Johanniszensur eingebracht hatten. Damals war Hela noch ein Fischerdörfchen. Einmal am Tage kam der Postdampfer aus Danzig. Auf dem winzigen Wiesenfleckchen neben dem Leuchtturm weideten die Gemeindekuh und die Gemeindeziege. Wenn winters der Nordost das Meer pflügte, dann saßen die paar Helenser Schipper und räucherten dösig ihre Rasen im Grogdampf, als wären es Flundern. Heute steht ein Kurhaus auf Hela und ein paar kluge Danziger haben sich auf diesem idyllischen Fleckchen kleine Villen gebaut, so dass – ein paar ruhebedürftige Fremde kommen dazu – sich hier ein intimes Badeleben entwickelt hat.

Hela verschwindet im Nebel. Die Bucht ist ruhiger als das offene Meer. In der Ferne tauchen schon Schornsteine und Kirchtürme auf. Ein Unterseeboot kommt uns entgegen. Bald danach geht der Lotse an Bord, und wir fahren die Lange Mole entlang in den Hafen von Neufahrwasser ein. Wir grüßen höflich den Kreuzer, der an der Mole am Eingang des Hafens liegt. Es ist die „Viktoria-Luise“. Kokett wippt sie mit ihrer Flagge. Das ist so Mädchenart.

Die Bucht ist ein einziges Seebad. Wenn man auf dem Leuchtturm von Neufahrwasser steht, sieht man im Blau der Ferne Kahlbad, das Ostseebad auf der Frischen Nehrung. Dann kommt der Weichseldurchstich bei Rickelswalde, der Weichseldurchbruch bei Reusähr, Bohnsack und Heubude, wo Sonntags „Soldatenball“ und Donnerstags „Kavalierball“ ist. Montags wundert sich wohl die Danziger Hausfrau, warum der Morgenkaffee ausbleibt und der Hausherr steigt mit nüchternem Magen brummig in das Büro, denn die Fee, die in der Küche regiert, hat den letzten Dampfer verpasst und musste sich und ihrem Grenadier in den Dünen unter dem violetten Nachthimmel ein primitives Lager bereiten.

Bei Westerplatte, gegenüber dem Hafen Neufahrwasser, beginnt das katholische Badeleben. Hier raspelt, den Weg hinauf, hinunter schreitend, der Danziger Gymnasiast mit der höheren Tochter Süßholz. „L’amour ce n’est qu’un besoin,“ sagt der galante Philosoph de la Baux und Rinon de Lenelos kolportierte diese Wörtchen. Die Danziger Mamas, die handarbeitend dasitzen und auf die Pärchen acht geben, denken dasselbe, aber mit moralischerem Herzen. Man geht von Neufahrwasser einige Minuten durch ein Birkenwäldchen nach dem Seebad Brösen. Schmale Schienenwege ziehen sich durch dieses Wäldchen, und wenn man ihnen nachgeht, sieht man sich plötzlich vor einem eisernen Gitterzaun. Dahinter sind dicke rote Gemäuer mit grau gestrichenen eisernen Türen und winzigen Fensterchen. Darüber flegeln sich protzige Kanonen im Strandhafer. Ein Posten geht auf und ab, und weiße Tafeln machen darauf aufmerksam, dass das Fotografieren oder Zeichnen dieser langweiligen roten Steinkisten verboten ist. Man ist bei den Küstenfortifikationen.

Der Dampfer fährt von Westerplatte den gelben Strand entlang. Auf einmal sieht man nach einviertelstündiger Fahrt vor sich eine Stadt, die sich an schön bewaldete Hügel lehnt. Vorn an der See ist ein roter leuchtender Häuserkomplex, genau so, als hätte dort ein ungezogener Junge seinen ganzen Spielbaukasten ausgelehrt.

Das ist Zoppot mit seinen Kuranlagen.

Schöne Frauen gehen hier in eleganten Toiletten auf dem riesig langen Seesteg, und die kleinen schicken Backfische flirten hier vergnügt. Eine gute Kapelle macht gute Musik, und ebenso wie im Zoo sind die Bänke (nur für Erwachsene!) am Steg und im Kurgarten von alten Damen besetzt, die die Vorübergehenden sondieren. Man sieht hier W-Berliner, Ausländer – meistens Russen – und unter ihnen fallen dem Beobachter, die melancholischen Grüblerphysiognomien polnischer Juden auf, die hier Ruhe suchen.

Vormittags beim Baden sieht man ein hübsches rotes Kanoe auf dem Wasser. Ein Mann in Badehose und weißem Südwester auf dem Kopf ist darin. Der Fremde wundert sich vielleicht, warum die Leute plötzlich aufspringen, wie toll ins Wasser laufen und das Kanoe zu erreichen suchen (was ihnen natürlich nicht gelingt.) Etwas entfernt von der Stadt, im Angesicht einer hübschen Villa, verankert der Mann sein hübsches Kanoe, springt ins Wasser und watet an den Strand, wo ihn drei Jungens mit Indianergeheul begrüßen. Eine elegante Dame steht etwas entfernt und lächelt vergnügt. Wir sind bei Kronprinzens, die hier ihre Villa haben und sich erholen.

Den Spaziergänger am Nachmittag passierte es vielleicht, dass ihm ein schönes Auto, von jedem Kenner mit Neidblicken verfolgt, über den Weg fährt. Wenn er denn zufällig an die Tennisplätze kommt, sieht er da einen jungen Herrn spielen, der von einer Menschenmenge angestarrt wird und sich wirklich geniert fühlt, von so vielen Augen in seinem Privatvergnügen beobachtet zu werden.

„Guck, Lottchen, er hat den Ball getroffen.“ – „Trudchen, hat du gesehen, wie der Kronprinz seine Frau anlächelt?“ – „Ja, das ist ein guter Ehemann.“ – „Ernest, dass du mir immer so den Tennisschläger hältst, wie der Kronprinz.“

Die Strandpromenade führt durch den Wald, der ganz dicht an das Meer tritt. Der Badegast hat hier, man könnte sagen, hier eine Vereinigung der Harzburg, Swinnemünde und Johannistal. In der Umgebung von Zoppot gibt es nämlich zwei Fliegerstationen: bei Langfuhr, die des Prinzen Sigismund von Preußen, und bei Putzig, die Militärfliegerstation.

Sie summen wie Bienen über Zeppot dahin. Bald ist es ein Prinz, bald ist es ein Sergrant, und die Leute stehen auf dem Seesteg und heben die Köpfe in die Höh, wie die Berliner […] auf dem Klingerschen Palast.