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Ausschreitungen in Belgien

Die Deutschen in Belgien

Die von vielen Zeitungen geschilderten Ausschreitungen der Belgier gegen die Deutschen waren bei weitem nicht so schlimm. Tatsächlich gab es auch Belgier, die den flüchtenden Deutschen halfen.

Die ganze Presse durchwogt Entrüstung über die Greuel, die angeblich von den Belgiern an den Deutschen, die sich bei Ausbruch des Krieges noch im Lande befanden, verübt wurden. Zweifellos sind, besonders in Brüssel, auch tatsächlich Ausschreitungen vorgekommen, die überaus häßlich, ja, gemein genannt werden müssen. Doch ist es gut, von gewissen Übertreibungen, die sich hier und da bemerkbar gemacht haben, abzusehen.

Einer unserer Mitarbeiter, der erst in der Nacht vom 6. August zu 7. August, mit dem letzten Zuge, der überhaupt Deutsche über die Grenze schaffte, aus Brüssel fortkam, hat uns eine lebendige Schilderung der Vorkommnisse gegeben, die folgendes Bild zeigt:

Es ist richtig, dass es in der Stadt, besonders in den Bordvierteln, zu schweren Ausschreitungen des Pöbels kam. Deutsche Lokale, wie „Esplanade“ und „Krokodil“ wurden buchstäblich demoliert; das „Hotel de Berlin“ wurde von einer aufgeregten Menge mit Steinen beworfen, weil es auch ein Schild mit der Aufschrift „Berliner Hof“ trug. Bürgergardisten standen hier und sahen zu, ohne einzugreifen. Deutsche Geschäftsinhaber wurden gezwungen, binnen weniger Stunden ihr Gut und Geschäft zu verlassen, ohne dass es ihnen möglich war, etwas von ihren Habseligkeiten zu retten. Ja, es kam vor, dass Frauen auf die Straße gejagt wurden, ohne dass sie sich nur fertig ankleiden konnten. An 400 Personen, die sich in der Hoffnung, den Zug zu erreichen, in der Nacht zum Dienstag auf dem Bahnhof eingefunden hatten, wurden für 4 Stunden in Haft genommen. Ein Kellner musste 1 1/2 Tage in Haft bleiben, weil man in seinem Koffer ein Dolchmesser gefunden hatte. Ein Deutscher wurde von einem Posten erschossen, weil er auf dreimaligen Anruf: „Hände hoch!“ nicht gehört hatte. Der arme Mensch verstand kein Wort Französisch und wusste deshalb gar nicht, was von ihm verlangt worden war. Allgemein erzählte man sich auch, dass Deutsche tatsächlich als Spione verhaftet und erschossen worden wären. Vielfach vergriff sich auch der Straßenpöbel an Deutschen; sie wurden angehalten, beschimpft und teilweise schwer misshandelt. Das Gerücht, das ein deutscher Metzgermeister regelrecht massakriert worden sei, wurde von Leuten erzählt, die wenigstens erklärten, selber Augenzeugen gewesen zu sein. Eine weitere Gewähr für seine Wahrheit konnte unser Gewährsmann nicht geben. Was inzwischen mache deutschen Blätter über andere Greuel erzählt haben, ist wohl nicht voll aufrechtzuerhalten. Ein von einigen Organen als Opfer eines feigen Mordes hingestellter Deutscher fuhr sogar mit unserem Gewährsmann im gleichen Zuge über die Grenze. Die Aufregungen riefen bei mehreren Frauen Wahnsinnsanfälle hervor.

Es darf übrigens nicht verschwiegen werden, dass man auf der deutschen Seite auch nicht ganz schuldlos war. In Ostende, von wo unser Mitarbeiter nach Brüssel kam, hatte der deutsche Konsulardienst einigermaßen versagt, so dass die Abreise zu spät erfolgte. Als der Ausbruch der Feindseligkeiten vor der Tür stand, hielt es ein Trupp deutscher Reservisten, der vom Brüsseler Bahnhof aus nach der Heimat befördert werden sollte, für angebracht, laut und herausfordernd die „Wacht am Rhein“ und „Deutschland, Deutschland über alles“ zu singen, auch Rufe auszustoßen wie: „In drei Tagen sind wir wieder hier“ usw. Ein deutsches Geschäft steckt in der erregten Zeit wie zum Hohn die deutsche Fahne heraus. Wenn Klagen laut wurden, dass Geschäftsinhaber ihr deutschen Angestellten so rigoros auf die Straße gesetzt hätten, so ist zu bemerken, dass auch die deutsche Firma Leonhard Tietz in Antwerpen ihre Angestellten ohne Entschädigung Hals über Kopf vor die Tür setzte, dann ihre Waren der belgischen Regierung zur Verfügung stellte und sich so ihre Weiterexistenz erkaufte.

Endlich muss hervorgehoben werden, dass es doch nur Ausnahmefälle wurden, in denen deutsche Staatsangehörige wirklich misshandelt wurden. Und dem steht gegenüber, das die Bedrohten doch auch vielfach bei den Belgiern Schutz und Entgegenkommen fanden.

Unterkunft boten den Deutschen das „Katholische Vereinshaus“, die „Deutsche Bank“ und vor allem ein Gebäude gegenüber dem bereits geschlossenen deutschen Konsulat, das einer Bank gehörte, in deren Direktorium auch ein Deutscher saß. Hier hatte der deutsche Botschaftssekretär Bläser im Verein mit einem Komitee zunächst eine leerstehende Etage zur Aufnahme der Deutschen belegt. Das Haus stand unter dem Schutze des amerikanischen Botschafters und wurde von den belgischen Behörden bewacht. Unter irgendwelchen Ausschreitungen des Pöbels hatte es nicht zu leiden. –

Schon am Dienstag drängten sich nun un den 4 Zimmern jener Etage, auf den Treppen und im Hof an 600 Menschen; sie schliefen auf dem blanken, mit Zeitungspapier belegten Boden; viele mussten stehen, da einfach kein Platz mehr zum Niederlegen war. Das wurde in den folgenden Nächten noch schlimmer, da immer neue Flüchtlinge ankamen, so dass schließlich anderthalb tausend Menschen versammelt waren; es half auch nicht viel, dass nun noch eine zweite, gerade leerstehende Etage ohne lange zu fragen dazu genommen wurde. Es war eine entsetzliche Lage – alles dicht gedrängt, nebeneinander viele Stunden lang Männer, Frauen und schreiende Kinder. Die Luft war zum Ersticken. Erst am Donnerstagabend schlug die Stunde der Erlösung. Unter Geleit der Bürgergarde wurden die Versammelten in einzelnen Zügen zum „Cirque Royal“ gebracht, wo sich auch die Deutschen aus dem „Katholischen Vereinshaus“ und der „Deutschen Bank“ eingefunden hatten, und um 3 Uhr nachts fand der Transport zum Bahnhof statt, von wo 5 Uhr früh die Züge nach Holland abgingen.

Die innere Organisation der geschilderten Flüchtlingskolonie war das Werk von Deutschen, die dabei – besonders der schon genannte Konsulatssekretär Bläser und der Kunstmaler Gärtner – außerordentliche Aufopferungskraft bewiesen. Aber belgische Behörden wie Privatleute zeigten sich doch dabei vielfach hilfreich und zuvorkommend. Die Kutscher der öffentlichen Fuhrwerke stellten sich den verfolgten Deutschen jederzeit zur Verfügung. Kaum einer tat soviel für die versammelten Flüchtlinge, wie ein Belgier namens Banderwegye, der Portier in dem von dem Konsulatssekretär belegten Hause; er war unermüdlich, um Einkäufe zu machen und alle Wünsche der Flüchtlinge zu erfüllen. Die das Haus bewachenden Bürgergardisten verhielten sich durchaus angemessen. Als zwei höhere Polizeibeamte  kamen, um die Räume zu inspizieren, waren sie wirklich ergriffen und beeilten sich, die Übersiedlung nach dem geräumigeren „Cirque Royal“ anzuordnen. Die umfassendsten Maßnahmen wurden getroffen, damit diese Übersiedlung ungestört stattfinden konnte. Alle Straßen waren abgesperrt, 100 Mann Bürgergarde geleiteten  jeden Zug. In dem Zirkusgebäude, das eine Abteilung Chaffeurgardisten zur Unterkunft diente, wurde von diesen in geradezu rührender Weise für die erschöpften Frauen und Kinder gesorgt. Man holte ihnen Milch und teilte die Portionen mit ihnen. Auch auf dem Transport nach dem Bahnhof in der Nacht hatten die Flüchtlinge über nichts zu klagen.

Es handelte sich eben doch nur um die Ausschreitungen eines gewissen Teiles der Brüsseler Bevölkerung, der  über die vom Reichskanzler selbst ja offen zugegebene Verletzung der Neutralität Belgiens durch Deutschland aufs höchste erregt war und dieser Erregung in hässlichster Weise Ausdruck gab.

Die Mehrzahl der Bevölkerung, gewiss auch aufs äußerste erbittert, hielt sich überdies doch zurück. Und der „Peuple“, das sozialistische Organ der belgischen Arbeiter, nahm aufs schärfste Stellung gegen die erfolgten Ausschreitungen, – wie natürlich alle denkenden Arbeiter über die Vorgänge in Belgien entrüstet sein werden.