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Lausitzer Textilindustrie

Die drohende Massenaussperrung in der Lausitz

Weil 60 Arbeiter in der Lausitzer Textilindustrie streiken, haben 30 000 Arbeiter ihre Kündigung erhalten. Diese drastische Maßnahme ist die Folge des eskalierenden Konflikts zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, der mit immer härteren Bandagen ausgetragen wird.

Kottbus, 12. Juli

Seit gestern sind 30 000 Arbeiter der Lausitzer Textilindustrie gekündigt. In den großen Tuchfabriken von Forst, Kottbus, Spremberg, Guben, Sommerfeld, Finsterwalde und Luckernwalde, die mit ihren roten eckigen Türmen mitten in dem friedlichen Grün manchmal aussehen wie deplacierte trotzige Burgen, hängen jetzt die Kündigungsbogen. Falls nicht bis zum nächsten Sonnabend die fünfzig oder sechzig streikenden Walkereiarbeiter in Forst die Arbeit zu den bisherigen Bedingungen wieder aufgenommen haben, werden 30 000 Arbeiter und Arbeiterinnen entlassen und mit ihnen verlieren mindestens 30 000 bis 40 000 andere Frauen und Kinder das tägliche Brot.

Auf den ersten Blick muss einen dieser Kündigungsaushang überraschen. Die Streitkluft von 50 oder 60 Walkern sollen 70 000 Menschen „büßen“. Aber man muss die Besonderheiten des Tuchmachergewerbes kennen und die Bedeutung der Walkerei für dieses Gewerbe verstehen, um es zu begreifen. Die Walkerei ist ein Prozess, der zwischen der Webearbeit und dem Appretieren des Tuches steht. Ein Stoff, der nicht durch die Hände des Walkers gegangen, nicht geknetet und in den verschiedensten chemischen Substanzen gewalkt worden ist, kann nie zum fertigen Tuche werden. Und obwohl die Tuchfabriken noch nicht 1 ½ Prozent ihrer Arbeiterschaft als Walker verwenden, kann ein Streik dieser Arbeiterkategorie den ganzen Betrieb eines großen Werkes zum Stillstand bringen und die fünfzig oder sechzig Streiken den von Forst stellen bereits etwa die Hälfte aller Walker dieser Tuchstadt dar.

Dazu kommt dass die Arbeitgeber zu bemerken glauben, wie die „neue Taktik“ der sozialdemokratischen Gewerkschaften dahin geht, nicht mehr wie früher große Streiks in Szene zu setzen, sondern Arbeiterkategorien von verhältnismäßig kleiner, aber für den Fabrikationsprozess bedeutsamer Kopfzahl zur Einstellung der Arbeit zu veranlassen. Das soll, wie die Industriellen erklären, dann nach außen hin den Eindruck erwecken, als wann es sich hier um eine ganz unbedeutende Streikfrage handle und ihren Kampf gegen die Forderungen der Arbeiter von vornherein in der Öffentlichkeit diskreditieren. Tatsächlich sind durch den Streik der Walker in Forst nicht nur die Lohnwalkereien, die das Walken von Tuch als besonderes Gewerbe betreiben, sondern auch verschiedene Tuchfabriken selbst gezwungen worden, den Betrieb ganz einzustellen. Denn zu dem Streik ist der Boykott gekommen. „Zuzug ist fernzuhalten“, und auch die wenigen Lohnwalker, die noch in Arbeit sind, lehnen es ab, für Forster Tuchfabriken, die bei ihnen walken lassen wollen, „Streikarbeit“ zu machen. Die ganze Bewegung trifft die Forster Industriellen heute um so schwerer, als sie jetzt alle Kräfte daran setzen müssten, mit den neuen Musterkollektionen herauszukommen. Auch die Verlegung von Streikbewegungen in die Hochsaison erklären die Forster Arbeitgeber als charakteristisch für die Taktik der Gewerkschaftsorganisationen.

Mehr als zwei Wochen dauerte die Krise, bis die Verhandlungen über die Forderungen der Walker sich schließlich zerschlagen haben. Diese Forderungen beziehen sich nicht nur auf eine Lohnerhöhung für die Walker, sondern auch auf prinzipielle Fragen: auf die Gleichstellung der Arbeitslöhne und die Garantie von Mindestlöhnen. Diese beiden Forderungen haben die Arbeitgeber grundsätzlich abgeschlagen. Die Lohnerhöhung ist insoweit erfolgt, als die Lausitzer Arbeitgeberorganisationen Industrielle, die bisher unter dem Durchschnitt zahlten, veranlasst haben, ihre Arbeiter zumindest nach den ortsüblichen Durchschnittslöhnen zu bezahlen. Auf diese Weise ist eine allmähliche fortschreitende Lohnerhöhung in dem ganzen Industriegebiet erfolgt, die die Arbeitgeber als sehr weitgehend bezeichnen. Im großen und ganzen haben sich die Durchschnittslöhne für Männer, Frauen und Jugendliche berechnet, von 550 Mark im Jahre 1890 auf 772 Mark im Jahre 1906 und auf 906 Mark im Jahre 1913 im Lausitzer Industriegebiet erhöht, während die entsprechenden Zahlen beispielsweise für die sächsische Textilindustrie sich auf 529 Mark im Jahre 1890 und 820 Mark im Jahre 1912 stellen. Als die Lohnstreitigkeiten in Forst ausbrachen, haben die Arbeitgeberverbände – wie sie erklären – die Lage geprüft; sie haben sich auf Grund ihrer Untersuchungen hinter die Arbeitgeber in Forst gestellt und in den Konferenzen mit den Arbeitern besonders darauf hingewiesen, dass die den Arbeitern gezahlten Löhne durchweg den Höchstlöhnen in anderen Gebieten der deutschen Textilindustrie entsprechen. Die Vertreter der Arbeiter haben schließlich erklärt, bei ihren Auftraggebern auf eine friedliche Erledigung des Streikes hinzuwirken. Aber wie es so oft geschieht, so haben auch diesmal die Streikenden ihren Führern die Gefolgschaft verweigert und sind im Ausstand geblieben. Der Arbeitgeberverband der deutschen Textilindustrie und die Vereinigung deutscher Arbeitgeberverbände haben sich mit den Niederlausitzer Industriellen solidarisch erklärt und so ist es denn zu dem folgenschweren Beschluss des Arbeitgeberverbandes für die Lausitzer Tuchindustrie gekommen. Das ist im wesentlichen die Darstellung der Arbeitgeber.

Die Organisationen der Arbeitnehmer haben dagegen manches einzuwenden. Vor allem bezeichnen sie es als ihr gutes und sehr natürliches Recht, den Zeitpunkt für den Beginn eines Kampfes so zu wählen, dass sie ihn mit größeren Chancen auf Erfolg führen können, Und sie machen auch kein Hehl daraus, dass ihnen gerade die aufsteigende Konjunktur in der Textilindustrie für die Aufstellung ihrer Forderungen durchaus gelegen komme. Einen Wochenlohn von 24 Mark für die Walker erklären sie mit Rücksicht auf die Art der Arbeit durchaus nicht für zu hoch gegriffen, zumal die Tätigkeit des Walkens häufig ein schweres Berufsleiden, die Walkerkrankheit, einen Ausschlag an den Händen, im Gefolge habe. Namentlich aber machen sie den Arbeitgebern zum Vorwurf, dass sie schon zweimal, 1906 und 1910, die Durchsetzung von Forderungen durch allgemeine Aussperrungen hintertrieben hätten. Dieser Taktik gegenüber müssten die Organisierten den Arbeitgebern endlich einmal die Zähne zeigen. In den Jahren 1906 und 1910 ist ein Kampf wegen der verhältnismäßigen Schwäche der Organisationen unterblieben. Heute aber würde ein Kampf unter anderen Verhältnissen und vor allem unter den Bestimmungen des Münchener Regulativs von 1914 durchgefochten werden. Dieses Regulativ, das erst vor wenigen Wochen angenommen wurde, verwandelt die bisher freiwilligen Beiträge zur Streikunterstützung sozusagen in pflichtgemäße, die den einzelnen Gewerkschaften in einer Art Umlageverfahren aufgegeben werden. Der Kampf in der Niederlausitz würde also zugleich zur Probe aufs Exempel für diese neuartigen Bestimmungen werden. Die Sache der Arbeiter ist jetzt, da die Verhandlungen abgebrochen wurden, zu den Triariern gekommen. Noch in dieser Woche werden sich die Berliner Zentralvorstände über Krieg oder Frieden zu entscheiden haben.
Die Arbeitgeber sind zum Kampf entschlossen. Darüber herrscht auch in den führenden Kreisen der Textilarbeiter in der Lausitz offenbar kein Zweifel. Ob sich die maßgebenden Faktoren der freien Gewerkschaften in Berlin für den Streik entscheiden werden, ist von hier aus nicht zu übersehen. Vielleicht muss man nicht alle Hoffnung fallen lassen. Es scheint, dass wenigstens unter den Niederlausitzer Textilarbeitern eine Entscheidung nicht so sehr über die prinzipiellen Fragen des Mindestlohns und der gleichmäßigen Löhne als über die Frage herbei gewünscht wird, ob die Arbeitgeberorganisationen allgemeine Lohnforderungen immer mit Aussperrungen beantworten werden. Und es scheint bei einigem guten Willen möglich, dass die zerrissenen Fäden der Verhandlungen wieder aufgenommen werden, namentlich wenn eine entsprechende Vermittlung eingreift. Denn ein Massenstreik würde über die Familien der Streikenden tiefes Elend bringen, auch wenn in einzelnen Familien gleich zwei oder drei Mitglieder die Streikunterstützung von 6 oder 8 Mark beziehen würden, da oft neben dem Mann auch Frau und Sohn oder Tochter in den Fabriken der Niederlausitz arbeiten.

Die Stimmung ist darum ernst und von Kampflust oder gar von Streitfieber ist hier nichts zu bemerken. Man denkt an Crimmitschau und an den letzten großen Streik vor achtzehn Jahren. Namentlich die Tuchmacher, die Weber, die auch bessere Löhne beziehen, sind ernste, abwägende Menschen und in ihren sonntäglichen Anzügen aus gutem Kottbusser Tuch machen sie den Eindruck von Menschen, die mit ihrem Los nicht unbedingt zu hadern haben. Draußen freilich, jenseits der Spree, in Sandow und den Dörfern, wo die weniger gut gestellten Textilarbeiter ihre Quartiere haben, kann man viel blasswangige Mütter sehen. Kleine Knaben und Mädchen spielen vor ihnen in den Straßen und in den schmalen, bleichen Kinderhänden halten sie alte Puppen und blecherne Dosen und andere Dinge, die ihre Welt bedeuten. Sie wissen nichts vom Streik der Großen, von Mindestlohn und Organisationen. Aber wie bei den meisten Kämpfen werden, auch bei diesem Zank gerade Unschuldige das Bitterste zu leiden haben. Und schon um dieser schmalen, bleichen Kinderhände willen, die sich in ein paar Tagen vergeblich nach Nahrung strecken sollen, muss man wünschen, dass auch in diesem Streik ein ehrlicher Vermittler komme.