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Die deutsche Fahne weht auf Fort Loncin und auf Fort Huy

Die Einnahme von Namur.

Fort Loncin völlig zerstört. Noch immer zahlreiche Tote unter den Trümmern vermutet. Deutsche Haubitzen beenden den Mythos der Uneinnehmbarkeit. Unser Korrespondent Heinrich Binder auf dem Weg nach Namur.

Eine Autofahrt von 900 Kilometern. – Das deutsche Korps in Lüttich. – Besuch im zerschossenen Fort Loucin. – Die deutsche Flagge auf Fort Huy. – Die Flucht der Belgier und Franzosen aus Mamur. – In den zerschossenen Dörfern. – Die verspätete französische Hilfe.

(Telegramm unseres zum westlichen Kriegsschauplatz entsandten Spezialkorrespondenten.)

Großes Hauptquartier, 25. August.

Ich komme soeben von einer Autofahrt zurück, die sich über neunhundert Kilometer erstreckte. Wir snd gestern und heute über Jülich, Eschweiler, Aachen zunächst nach Lüttich gefahren, mit allen der Westarmee zugeteilten Militärattachés.
Von Schweden nahm an der Fahrt Rittmeister v. Adlerkreuz teil, von Rumänien Oberleutnant Mirsen, von Brasilien Oberst Jullien, von Argentinien Oberleutnant Pertine, von Spanien Major Baldivia, von den Vereinigten Staaten Major Langhorn, von Chile Major Ahymada. Montagmittag waren wir in Lüttich. Die Stadt ist jetzt von ungefähr einem deutschen Korps besetzt. Im Instizpalast an der Place Lambert befindet sich das deutsche Gouvernement. Im Hof ist eine Feldküche aufgestellt. Wir trafen im berühmten Gobelinstaat den Bürgermeister. Kardinal Insassen und fünfzehn Priester sind gefangen und dienen als Geiseln. Durch Maueranschlag ist in ganz Lüttich bekannt gemacht worden, dass diese Geiseln sofort erschossen werden würden, wenn noch ein Schuss durch Einwohner auf deutsche Soldaten abgegeben würde. Die Brücke ist durch die Belgier gesprengt worden. Unsere Pioniere haben in zwei Tagen eine neue Brücke 20 Meter nördlich gebaut. Alle Briefkästen in der Stadt tragen jetzt die Aufschrift „Deutsche Feldpost“. An allen Ecken trifft man Patrouillen. Nachts leuchten überall Wachtfeuer. Um 7 Uhr ist alles geschlossen. Die Bewohner sind ruhig.

In Lüttich sind an allen Ecken Mauernschläge in deutscher, französischer und flämischer Sprache zu sehen. Auch die deutschen Siegesdepeschen werden täglich dreisprachig angeklebt. Lüttich zeigt keinerlei Verwüstung. Nur, was die Belgier selbst an Brücken gesprengt haben. Nur auf den Höhen Anglein und Billeeur sind einzelne Häusergruppen niedergeschossen. Die Eisenbahnzüge mit Munitions- und Proviantkolonnen fahren heute schon bis Ramur. Aus allen Transportzügen tönen Gesang und Hurra. Die Haltung der deutschen Mannschaften ist bewundernswert. Wenn die Aufforderung an eine Kompagnie ergeht, wer freiwillig zu gefährlicher Patrouille sich melden wolle, treten alle vor. Auf Fort Loucin fand ich ein einsames Ulanengrab: ein Kreuz aus Kistenbrettern, am Kreuz hingen die Achselstücke und angelehnt steht die Lanze.

Nach der Fahrt durch die ganze Stadt haben wir das Fort Loucin besichtigt. In den Kasematten befinden sich viele gefangene belgische Franktireurs. Die Zerstörung ist furchtbar, in der Geschichte noch nicht gesehen. Ein Betonquaderblock vom Rauminhalt eines großen Zimmers ist in die Luft geflogen, dann wieder herunter und hat die Besatzung begraben. Noch 150 Tote liegen unter den Trümmern. Unter einem Quaderblock sieht man einem Toten ohne Kopf, der abwehrend die Hand an den Block hält. Die Aufräumungsarbeiten sind in vollem Gange. Ich traf Berliner Landwehrleute, die zur Bewachung dienen und guter Laune sind. Die Belgier haben viel Proviant zurückgelassen. Das Fort wurde auf 12 Kilometer beschissen. Die deutsche Artillerie hatte keinen Versager. Man sieht keinen toten deutschen Soldaten mehr in den Forts und auf den Chausseen. Überhaupt ist alles aufgeräumt und bereits neugebaut.

Der Gefangene General Léman Quelle: Wikipedia

Der Gefangene General Léman
Quelle: Wikipedia


Bei Fort Loncin sind überall schwere Drahtverhaue, die jetzt von den deutschen Soldaten repariert werden. General Léman ist bewusstlos gefangen genommen. Er ließ sofort ein Protokoll unterschreiben, dass er bewusstlos gewesen sei. Unter anderen sind gefallen die belgischen Kapitäne Piel und Maeger. Die Kasematten snd restauriert. Die Zelle des Kommandanten ist ein wüster Haufen von Papieren und Büchern. Dann komme ich in Offizierszimmer, Küche und in die Unteroffizierskammer, in der noch die Wand gemalt wurde. Die belgische Fahne mit der Inschrift „Union fait la force“ prangt dort. Durch die Kasematten führen 40 Steinstufen auf die Zitadelle. Ich konnte in den Wallgräben Stellen sehen, wo die deutschen Soldaten durch den Stacheldrahtverhaus gegangen sind und gestürmt haben. Oben aus dem Panzerturm hängt die weiße Fahne. Das Fort war völlig modern. Man bemerkt sehr starke Betonschichten auf den Panzertürmen.
Die "Dicke Bertha", die Fourt Loncin und Fort Huy zum Verhängnis werden sollte Quelle: Wikipedia

Die „Dicke Bertha“, die Fourt Loucin und Fort Huy zum Verhängnis werden sollte
Quelle: Wikipedia


Wir fuhren durch andere Forts. Dann ging es nach Namur, wo wir gegen 4 Uhr eintrafen. Es war eine tollkühne Fahrt, da auf die Forts noch geschossen wurde und wir nicht wussten, ob sie schon genommen seien. Gerade vor unserer Ankunft waren Belgier und Franzosen geflohen. Jeder Soldat hat im Tornister Zivil an und hebt die Hände hoch. Wir sahen am Wege Hunderte von Massen und Uniformen, Tornister und Patronentaschen mit hunderttausend Patronen. Die belgischen Soldaten, die jämmerlich aussehen, haben nur je dreihundert Patronen und den Zivilanzug im Tornister, keinen Proviant, kein Wasser. Das erste Fort von Namur war Montagmorgen um 7 Uhr 20 Minuten genommen worden. Um 7 Uhr 45 Minuten stieg die deutsche Flagge hoch.

Schon unterwegs Fort Huy zeigt die deutsche Flagge. Es liegt malerisch hundert Meter hoch. Die Brücke über die Maas nach Namur ist gesprengt. Pioniere sind schon andere Arbeit, eine neue Brücke zu bauen. Während von den noch nicht genommenen Forts die Geschütze über uns donnerten, kam singend ein stürmendes Infanterieregiment gezogen. In Jaembes, rechts der Maas, ist alles voll von deutschen Truppen. Überall liegen sie in Biwak und Quartier. Die Bewohner sind unsicher. Als wir an der Brücke standen, wurde gerade die gegenüberliegende Zitadelle eingenommen. Die Kavallerie zog ein, und die deutsche Flagge ging auf der Zitadelle hoch. Auf der Rückfahrt trafen wir die ersten Verwundeten und Toten, die auf Wagen transportiert wurden. Namur wurde im schweren Feldhaubitzen und 31-Zentimeter-Mörsern und einer 42-Zentimeter-Haubitze beschossen. Wir konnten hören, wie die Schüsse einschlugen. Alles ist verwundert über das deutsche Präzisionsschießen. Ich traf dann unterwegs Militärärzte, die voll Abscheu über die belgischen Greuel waren. belgische Soldaten stellen sich tot und spießen dann die Verwundeten auf. So wurden in Schützengräben von deutschen Truppen 35 Simulanten gefunden. Die Bevölkerung von Hauvenier hat den durchziehenden deutschen Soldaten Zigarettenpäckchen mit der Aufschrift „Souvenir de l’Hauvenier“ geschenkt. Alle Zigaretten hatten inwendig einen Pulverstreifen, der beim Anzünden explodierte und den Soldaten die Augen fortreißen sollte. Ich habe Hunderte solche Zigaretten selbst gesehen.

Bei Dunkelheit fuhren wir dann nach Lüttich zurück, mitten durch die Franktireurgegend. Vorn auf dem Auto saß eine Wach mit Gewehr. Wir selber hielten die Revolver nach rechts und links. Wir kamen glücklich nach Lüttich. Der Kommandeur, Generalleutnant Kolewe, kam zum Essen zu uns ins Hotel. Wir zogen dann um Mitternacht in Bürgerquartiere. Ich schloss beide Türen des Zimmers und ließ mich am 4 Uhr wecken. Um 4 Uhr stand der Besitzer, ein belgischer Juwelier, im Zimmer und weckte mich. Er behauptete, die Türen wären offen gewesen. Nachts ging ein Zeppelin in westlicher Richtung über die Stadt und warf Leuchtkugeln aus. Um 1 Uhr folgten Flieger.

Nach 4 Uhr ging es zurück zum Hauptquartier. Unterwegs besichtigte ich die Orte Battice und Hervé. Sie sind dem Erdboden gleichgemacht. Von vielleicht 500 Häusern in Hervé stehen noch 19. Überall liegen Leichen, überall ist Brandgeruch. Die Kirche ist ein wüster Trümmerhaufen. Es gibt aber auch Häuser, die geschont wurden, weil nicht aus ihnen geschossen wurde. Sie trugen ein Schild: „Nicht schießen!“ „Gute Gesinnung!“ oder „Verschonen, da unschuldig!“ Das gleiche Bild zeigt sich am ganzen Wege bis Lüttich. Es ist keineswegs wahllos alles demoliert worden; zwischen ganzen niedergeschossenen Häuserreihen sieht man vorsichtig stehengelassene Häuser mit blühendem Garten und spielenden Kindern, die gestern Nacht wieder zurückgekehrt sind. Die belgische Chaussee ist in 30 Meter Abstand überall aufgerissen, und es sind Barrikaden gebaut. Aus den zerschossenen Häusern dringt aus den Kellern starker Verwesungsgeruch. Wir konnten oft nicht stehen bleiben. Seit die deutschen Soldaten im Lande sind, wird gearbeitet und aufgebaut. Oft sitzen Landwehrmänner zusammen mit belgischen Familien vor der Tür der Dorfhäuser, als ob hier der Friede wohnte. Die Verantwortung für all den Greuel tragen diejenigen, die die Bewaffnung der belgischen Dorfeinwohner organisiert und ihnen Waffen und Munition geliefert haben. Die belgischen Offiziere schlugen sich tapfer und mit dem Mute der Verzweiflung.

In allen Dörfern hält die Bevölkerung instinktiv die Hände hoch oder grüßt, wenn wir vorbeikommen. Aus allen Häusern wehen weiße Fahnen, Tücher und Handtücher. Das Land ist wie ausgestorben, das belgische Vieh ist nicht abgetrieben, sondern weidet friedlich. Auf einigen Höfen sind noch die Hühner zu sehen. Die Häuser wohlhabender Leute sind alle leer und verschlossen. Die Stimmung der Bevölkerung ist nicht mehr so bitter. Sie sagen, Belgien habe einen großen Fehler gemacht, gegen das starke Deutschland vorzugehen.

Von leitender militärischer Seite erfahre ich über die Ursachen der überall siegreichen Lage in Belgien und Frankreich folgendes. Die Ursachen sind erstens die schnelle Durchführung der deutschen Operationen, zweitens dieser Umstand, dass die Franzosen den Belgiern nicht Wort gehalten haben. Die Belgier dachten wohl, dass die Deutschen vor dem zwölften Mobilmachungstag überhaupt nicht nach Lüttich kommen könnten. So kam es, dass Lüttich, dem Schlüssel zu Belgien und Frankreich, die Belgier völlig unvorbereitet waren, wie aus dem Zustande der Ausrüstung hervorgeht, den ich selbst gesehen habe. In den letzten Tagen kamen nach Erzählungen der Einwohner die Franzosen nach Namur, aber es war zu spät. Jetzt sind überall in Belgien schon deutsche Feldküchen und Viehdepots und deutsche Wegemarkierung. Die Organisation ist erstaunlich, so dass die fremden Militärattachés stets in Verwunderung waren. Weitere ausführliche Berichte folgen.

Heinrich Binder, Kriegsberichterstatter.