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Vorschlag Englands

Die englische Vermittelungsaktion

Englands Außenminister Sir Edward Grey hat in einer Rede vor dem Unterhaus vorgeschlagen, eine Botschafterkonferenz mehrerer europäischer Mächte einzuberufen. So soll vor allem auf Russland mäßigend eingewirkt werden.

Den Bemühungen der englischen Regierung, im Verein mit den Regierungen der anderen nicht direkt am Konflikt beteiligten Mächte vermittelnd zu wirken, steht, wie wir hören, die deutsche Regierung nicht unbedingt ablehnend gegenüber. Aber die deutsche Regierung macht ihre Teilnahme an der Vermittelungsaktion davon abhängig, ob Österreich-Ungarn eine Vermittelung annehmen würde, und in welchem Umfange Österreich-Ungarn gewünschte Vermittelung lehnt die deutsche Regierung, da sie eine Pression darstellen würde, ab.

Nun hat Sir Edward Grey gestern Abend im Unterhause Erklärungen abgegeben, aus denen hervorgeht, dass er nicht an eine Vermittelung zwischen Österreich und Serbien, sondern an eine Vermittelung zwischen Österreich und Russland denkt. Das ist eine sehr beachtenswerte Nüance. Eine Vermittelungsaktion, die sich an Österreich und Serbien richten würde, wäre, wie wir glauben, im gegenwärtigen Augenblick aussichtslos, da man in Wien nicht geneigt scheint, eine solche Vermittelung zu akzeptieren. Zwischen Österreich-Ungarn und Russland sind die Beziehungen nicht abgebrochen, der russische Minister des Äußern konferiert noch mit dem österreichischen Botschafter, und an sich ist nicht einzusehen, warum nicht die anderen Großmächte diese Aussprachen in vermittelndem Sinne unterstützen sollten.

Aber Sir Edward Grey hat dann seine Idee genauer formuliert und eine Konferenz vorgeschlagen, an der neben ihm selbst die Botschafter Deutschlands, Italiens und Frankreich teilnehmen sollen. Diese Botschafterkonferenz soll die Basis für eine Verständigung suchen und dann das Resultat ihrer Beratungen in Wien und in Petersburg mitteilen. Es wäre das eine Wiederholung der Botschafterkonferenz, die nach dem Balkankriege in London tagte, nur mit dem Unterschiede, dass damals die Botschafter Österreichs, Ungarns und Russlands mit am Beratungstische saßen. Sir Edward Grey hat in seiner gestrigen Rede betont, dass bis zur Beendigung der Konferenzarbeit Feindseligkeiten unterbleiben müssten. Hier liegt natürlich die Schwierigkeit, an der sein Plan leidet, denn es bleibt fraglich, ob Österreich-Ungarn in eine Vertagung der militärischen Operationen einwilligen wird. Es wird über den Vorschlag Sir Edward Greys nun zwischen den Kabinetten verhandelt werden. Und hoffentlich wird man ein Mittel finden, ihn so zu gestalten, dass er den Hauptbeteiligten annehmbar erscheint.