Schutzgebiet Kiautschou 1910 :Hafen von Tsingtau

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Deutsches Schutzgebiet

Die Entwicklung des Tsingtauer Hafens

In nur zehn Jahren hat sich der Hafen von Tsingtau zu einem der wichtigsten Häfen Nordchinas entwickelt. Doch inzwischen ist der Hafen dem gewachsenen Schiffsverkehr nicht mehr gewachsen. Es wird höchste Zeit, dass das Deutsche Reich in seinem Schutzgebiet eine weitere Hafenmole bauen lässt.

Tsingtau, 5. Juli

Unser Platz an der Sonne in Ostasien, Tsingtau, tritt mit dem Bau der neuen Schantungbahnen, von denen jetzt wenigstens für die Kaumibahn die Verhältnisse endgültig geklärt sind, mehr noch aber mit der Errichtung des Eisenwerks bei Tsangkou in ein neues Stadium der Entwicklung und hat sicher neue große Fortschritte zu erwarten, denen gegenüber es sich schon heute zu rüsten gilt. Namentlich die Frage des weiteren Ausbaues des großen vortrefflichen Hafens wird nun brennend. Die beteiligten Kreise treten ihr denn auch schon ernstlich näher.

Beim Reichstage wird wahrscheinlich für den nächstjährigen Etat die Bewilligung einer ersten Projektierungsrate beantragt werden. Gerade vor zehn Jahren, im März 1904 war der neue, aus dem Nichts geschaffene Hafen Tsingtaus, der beste an der ganzen nordchinesischen Küste, soweit fertiggestellt, dass er kurz vor der Vollendung der Schantungsbahn, jener Lebensader der Kolonie dem Verkehr übergeben werden konnte. Damals hatte man in Tsintau einen Verkehr von rund 300 Schiffen mit etwas über rund 300 000 Tonnen Taumgehalt. Soweit hatte sich schon in jenen ersten fünf Jahren seit der Besitzergreifung des ehemaligen verlorenen Fischerdorfes Handel und Wandel entwickelt, wobei allerdings zu bedenken bleibt, dass ein großer Teil des Schiffsverkehrs durch die Dampfer bestritten wurde, die die Materialien für den Bahnbau heranbrachten. Die Bahn belebte dann aber auch den eigentlichen Handelsverkehr ganz gewaltig. Ende 1904 schloss bereits mit einem Hafenverkehr von 355 Schiffen mit fast 400 000 Tonnen Raumgehalt ab. Seitdem hat sich in stetiger, gesunder Entwicklung der Verkehr etwa verdreifacht. Das Jahr 1913 schloss ab mit 936 Schiffen mit über 1 300 000 Tonnen Raumgehalt. Das laufende Jahr hat noch weitere Steigerungen gebracht.

Tsingtau hat damit jetzt etwa einen Verkehr wie Emden oder Stettin. Er wird sich auch immer noch weiter entwickeln. Im vergangenen Jahre hat wieder eine neue englische Reederei regelmäßige Linien von und nach Tsingtau eröffnet. Vom Herbst dieses Jahres ab wird der Norddeutsche Lloyd Tsingtau regelmäßig vierzehntägig statt wie bisher vierwöchentlich anlaufen und die Hamburg-Amerika-Linie auch ihre Passagierdampfer nach Ostasien bis Tsingtau führen. Dazu kommt die Verkehrvermehrung, die der Bau des Eisenwerkes und der neuen Bahnen im Gefolge haben wird, die schließlich auch durch die Entwicklung neuer Handelszweige dank der Errichtung der vom Reichstage erfreulicher Weise bewilligten Baumwollpresse erfolgen muss. Tsingtau entwickelt sich, was nur zu begrüßen ist, dank geschickter Tarifmaßnahmen der Hafenverwaltung auch mehr und mehr zum Umschlagshafen für Nordchina. Es ist dazu wie geschaffen, da es ja wesentlich güstigere Ladeverhältnisse für Ozeandampfer hat als Tientsin und andre kleinere nordchinesische Häfen. Im März und April dieses Jahres betrugen diese Durchladungsgüter allein fast 4000 Tonnen. Es ist verständlich, dass bei solcher Entwicklung die beiden vorhandenen Molen bei weitem nicht mehr ausreichen. Es kommt jetzt vor, dass an einem Tage 13 Schiffe an den Molen liegen – darunter 5 Europadampfer – die allen verfügbaren Raum völlig in Anspruch nehmen, so dass andre Schiffe dann stundenlang warten müssen, ehe sie in den Hafen können, und überhaupt nur dadurch Platz bekommen, dass ein andrer Dampfer an der Mole über Gebühr rasch laden muss. Diese schon jetzt höchst unbequemen Verhältnisse werden sich, wie gesagt, nur noch verschlimmern. Der Bau einer neuen, dritten Mole ist daher unbedingt notwendig. Außerdem wird man dabei natürlich auch die Lagerräumlichkeiten vermehren müssen, und dabei dürfte sich als selbstverständlich empfehlen, die modernsten und zweckmäßigsten Anlagen zu schaffen. Auf den beiden bisherigen Molen stehen recht stattliche, aber nur einstöckige Lagerschuppen. In weiser Voraussicht der kommenden Entwicklung wird man auf der neuen Mole am besten wohl mehrstöckige Schuppen errichten mit hydraulischen oder elektrischen Aufzugsvorrichtungen.